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„Wer wandert wohin?“ - Ein Nachtrag

(25.1.16) Was ist eigentlich so „revolutionierend“ am Tierbeobachtungsprojekt ICARUS (siehe Laborjournal 11-12/2015)? Tiere aus dem All zu verfolgen ist doch nicht neu, meint ein Leser. Wir haben noch einmal bei Martin Wikelski nachgefragt.
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Martin Wikelski

Kürzlich erreichte uns die Email eines Lesers, der sich auf unsere Titelgeschichte „Wer wandert wohin?“ bezog. Es ging darin um ICARUS, ein Projekt zur globalen Beobachtung von Tieren. Ein wesentlicher Bestandteil des Vorhabens ist die Entwicklung kleiner und leichter Sender, sowie die Positionierung einer Empfangsstation auf der Internationalen Raumstation ISS. Die ISS umkreist die Erde mit einer Neigung von knapp 52 Grad zum Äquator. Sie ist also nicht geostationär, die Erde dreht sich unter ihr weg. Deshalb kann der Empfänger Signale vom gesamten Globus einsammeln und zu den Forschern senden. Der Projektleiter Martin Wikelski bezeichnete ICARUS  in unserer Titelgeschichte als „revolutionierend“.

Vielleicht haben wir aber nicht genügend herausgearbeitet, was das eigentlich Revolutionierende ist. Der Leser merkte jedenfalls an, dass es die Satellitentelemetrie schon lange gäbe und fragte, warum wir diese älteren Arbeiten in unserem Artikel nicht erwähnen.

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Es ist richtig: Satellitentelemetrie gibt es längst. Seit 1978 ist der Satellit ARGOS im All und sammelt Daten, die ihm von der Erde geschickt werden – zum Beispiel von wandernden Vögeln,  Säugetieren und Meeresbewohnern. Wir wissen daher beispielsweise, wann und wohin sich Störche, Luchse und Meeresschildkröten bewegen. Unser Leser fragte sich, ob wir diese Forschung gezielt verschweigen wollten und beendete seine Email mit den Worten: „Bitte etwas besser recherchieren und breiter berichten!“

Wir baten daher Wikelski, in seinen eigenen Worten das Besondere an ICARUS hervorzuheben – denn das haben wir in unserem Artikel offensichtlich nicht prägnant genug dargestellt. Er schrieb uns:

Das Neue ist in der Tat, 

- dass wir endlich Tiere über ihre gesamte Lebenszeit beobachten können. Wir werden also die Ontogenese verstehen. Diese Erklärungsebene ist in der Verhaltensforschung praktisch ganz ausgeklammert. Wir werden verstehen wo, wann und warum Tiere sterben, also die ultimate Ebene der Verhaltensforschung, die bisher (im Freiland) praktisch unbekannt ist.

- dass wir die Lokationsinformation der Tiere mit Remote Sensing, d.h. dem Umweltkontext, verbinden (das war bisher praktisch unmöglich, jetzt ist das ein Klick in Movebank).

- dass wir nicht nur einzelne Tiere beobachten, sondern endlich das Individuum im Kontext der Artgenossen und Individuen der anderen Arten (collective behavior)."

[Anmerkung: Movebank ist eine frei zugängliche Online-Datenbank, in der die Daten der Tierbeobachtungen gespeichert sind.]

Und wie soll dies technisch umgesetzt werden?

"Dies wird geschehen durch:


- hochauflösende GPS-Daten im 1Hz Bereich
- 3D-Beschleunigungsdaten, die Verhaltensaufzeichnungen über das gesamte Leben der Tiere liefern
- 3D-Beschleunigungsdaten, die Energieverbrauch aufzeigen
- 3D-Beschleunigungsdaten, die Krankheitsmuster andeuten/aufzeigen können
- 3D Magnetometer-Daten, die die Bewegungsrichtung zeigen und damit die ‚Intention‘ z.B. eines Vogels im Flug zeigen
- globale Datenbank Movebank
- Analysemodule für Big Data
- Echtzeit-Beobachtungsmethoden (animal tracker)".

Und was ist das Besondere an den Sendern?

"Unsere Sender werden anfangs weniger als fünf Gramm wiegen (inklusive aller Sensoren), sie werden aber innerhalb von fünf Jahren auf ein Gramm schrumpfen. Damit können praktisch alle Vertebraten weltweit beobachtet werden. Bisher haben wir keine Ahnung, wo die zehn Milliarden Singvögel bleiben, die jedes Jahr sterben.

Von den vier Erklärungsebenen von Tinbergen/Lorenz (Phylogenese, Ontogenese, Überleben, Mechanismus) sind also die Hälfte bisher weitestgehend unverstanden. Für mich ist es eine Revolution, die beiden wichtigsten Ebenen zu verstehen."

Damit geht ICARUS tatsächlich weiter als bisherige Tierbeobachtungen. Ob man das nun als „revolutionär“ bezeichnen will ist sicherlich Geschmacksache. Aber Zitat ist nun einmal Zitat. Ob Wikelskis Einschätzung richtig war, wird man erst einschätzen können, wenn die neuen Erkenntnisse auf dem Tisch liegen.


Karin Hollricher

Foto: Martin Wikelski / MPG



Letzte Änderungen: 28.04.2016