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"Das gängige Karriere-Schema ist frauenfeindlich"

(1.3.16) In den meisten Laborjournal-Rankings sind Frauen nur spärlich verteten. Besonders aufgefallen ist uns das im jüngsten Ranking "Augen- und Sehforschung". Woran das liegen könnte, erklärt Ursula Schlötzer-Schrehardt im Gespräch mit Mario Rembold.
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Ursula Schlötzer-Schrehardt erforscht Glaukomerkrankungen an der Universität Erlangen und interessiert sich dabei besonders für corneale Stammzellen. Über ihre Forschung hat sie kürzlich an dieser Stelle ausführlich berichtet. Im zweiten Teil des Interviews spricht die Erlanger Augenforscherin darüber, wie schwierig es für Frauen ist, im typischen Karriere-Schema der Wissenschaft erfolgreich zu sein – und wie man den Forscherinnenberuf frauen- und familienfreundlicher gestalten könnte.


Laborjournal: Uns ist bei der aktuellen Publikationsanalyse "Augen- und Sehforschung" aufgefallen, dass nur vier Frauen im Ranking der 50 meistzitierten Köpfe vertreten sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schlötzer-Schrehardt: Ich habe jetzt keine Erklärung, die speziell das Gebiet der Ophthalmologie betrifft. Aber als stellvertretende Frauenbeauftragte der Medizinischen Fakultät und langjährige Mentorin in unserem Mentoring-Programm konnte ich mir schon eine Meinung bilden, wie dieses Problem zustande kommen könnte. Wobei man natürlich bei Medizinerinnen und in der Medizin forschenden Naturwissenschaftlerinnen nicht den gleichen Maßstab anlegen kann.

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 „Verlust von Frauen auf jeder Stufe der Karriereleiter“

Was vermuten Sie denn als Ursache für den geringen Frauenanteil?

 Schlötzer-Schrehardt: Wir beobachten einen großen Verlust von Frauen auf jeder Ebene der individuellen Karriereleiter, und das gilt sicherlich nicht nur für Erlangen. Gerade in der Humanmedizin finde ich das besonders plakativ, denn da ist der Anteil von Studienanfängerinnen mit etwa 65 Prozent relativ hoch. Der Anteil der Promovendinnen beträgt hier bei uns in Erlangen immer noch 63 Prozent. Bei den Habilitandinnen sieht es dann schon ganz anders aus. Da liegt der Anteil nur noch bei 20 Prozent, und der Professorinnenanteil beträgt nur noch 11 Prozent. Und das trotz umfangreicher Fördermaßnahmen unserer Fakultät. Ich vermute, dass das auch den bundesweiten Durchschnitt ganz gut widerspiegelt, und die Situation von Frauen in der medizinischen Hochschullaufbahn und Forschung allgemein.

 Das bedeutet, zu Beginn des Studiums gibt es mehr Frauen als Männer; ganz oben auf der Karriereleiter besetzen sie aber nur noch ein Zehntel der Stellen. Wie kommt das?

 Schlötzer-Schrehardt: Was da unterwegs passiert, ist allen Beteiligten nicht so ganz klar. Häufig angeführt wird ja eine schlechte Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Wissenschaft, ein Mangel an flexiblen Arbeitszeitmodellen und geregelten Forschungszeiten ohne Überstunden, oder die berühmte „gläserne Decke“ mit ihren Stereotypen und Vorurteilen. Aber es spielt sicherlich auch eine Rolle, dass viele Frauen überhaupt keine Leitungsposition anstreben. Das gilt vor allem auch für Wissenschaftlerinnen in der medizinischen Forschung.

"Die Stellenstruktur der Universitäten kann eigentlich nichts bieten."

 Ich bin Mentorin im Mentoring-Programm unserer Fakultät zur Erhöhung des Anteils habilitierter Frauen. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich sagen, dass viele Frauen sich zwar qualifizieren möchten, aber langfristig mit einer gesicherten Position in einem adäquaten wissenschaftlichen Umfeld zufrieden wären, also zum Beispiel als Leiterin einer Arbeitsgruppe, wo sie sich hauptamtlich mit Forschung und nicht mit Karrieresicherung beschäftigen könnten. Aber gerade für diese Zielgruppe gibt es kaum Angebote. Die gegenwärtige Stellenstruktur der Universitäten kann da eigentlich nichts bieten.

Wenn Sie sich den Standard-Karriereweg einer Wissenschaftlerin einmal anschauen: Da geht es von der Promotion zur Wissenschaftlichen Mitarbeiterin, auf befristeter Stelle. Dann wird erwartet, dass die Habilitation durchgeführt wird. Anschließend kann man sich auf eine Professur bewerben. Und wenn man Glück hat, bekommt man mit der Professur eine Dauerstelle. Aber diese Dauerstellen für Professorinnen sind natürlich außerordentlich rar. Und wenn man dieses Ziel erreicht hat, dann ist das Durchschnittsalter meistens über 40 Jahre. Das heißt, die Qualifikationsphase kollidiert für viele Frauen mit der Familienplanung. Und danach ist es für Familienplanung meistens zu spät.

Dieses gängige Schema ist eigentlich extrem frauen- und familienfeindlich. Aufgrund dieser Stellenstruktur steht von Anfang an fest, dass viele Frauen ihre akademische Karriere spätestens Mitte 40 abbrechen werden. Deswegen plädiere ich dafür, dass man mehr Dauerstellen für Wissenschaftlerinnen an den Universitäten schafft, vor allem auch im akademischen Mittelbau, was durchaus mit einem Evaluationsverfahren verbunden sein kann.

„Ich würde mir wünschen, dass es nicht immer nur um die Frauenquote in Führungspositionen ginge“

Interessant, dass Sie diesen Punkt ansprechen. Ähnliches haben wir kürzlich im Lj-Blog diskutiert. Da ging es unter anderem auch um den fehlenden Mittelbau, und um die systematische Befristung promovierter Forscher. Wer nicht irgendwann zum Professor berufen wird, ist früher oder später arbeitslos. Unbefristete Verträge für Diplombiologen und promovierte Naturwissenschaftler gibt es in der Forschung so gut wie gar nicht.

 Schlötzer-Schrehardt: Richtig, aber dieses Problem wird kaum öffentlich diskutiert. Und als Frau steht man in dieser stressigen Qualifizierungsphase unter hohem Konkurrenzdruck um die wenigen Professorenstellen, die vielleicht eine Tenure Track-Option haben. Man muss schon richtig kämpfen, wenn man das auch noch mit Familienplanung vereinbaren will. Das alles passiert ja in derselben Lebensphase. Dann wird das fast nicht tragbar, es ist irgendwann beruflich auch nicht mehr attraktiv.

 Manch ein Kritiker sagt ja auch, dass die Qualität wissenschaftlicher Publikationen darunter leidet, dass man in dieser Phase viele Paper schreiben muss, bevor der Karriere-Zug abgefahren ist.

Schlötzer-Schrehardt: Ja, da muss man strenge Zeitpläne einhalten und sich mit der eigenen Publikationsleistung und Drittmitteleinwerbung gegenüber den männlichen Mitbewerbern durchsetzen. Und nicht immer werden familienbedingte Auszeiten adäquat berücksichtigt. Darunter leidet oft nicht nur die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit, sondern letztendlich auch die Kontinuität der Forschung in einem Labor oder Institut. Beschäftigungsmodelle, die darauf ausgerichtet sind, dass nur ein Bruchteil der Beschäftigten dauerhaft bleiben kann, sind kaum mit einer nachhaltigen Forschungs- und Ausbildungstätigkeit vereinbar.

Ich würde mir daher wünschen, dass es in der öffentlichen Diskussion und in der Frauenförderung nicht immer nur um die Frauenquote in Führungspositionen ginge, sondern dass man mehr auf den sogenannten akademischen Mittelbau einginge. Ich würde wetten, dass mit der Erhöhung des Anteils unbefristeter Stellen für Wissenschaftlerinnen auch der Frauenanteil in den Ranking-Listen ansteigen würde.


Interview: Mario Rembold

Foto: Schlötzer-Schrehardt



Letzte Änderungen: 03.03.2016