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Biotech-Bauboom

(22.9.16) Dank Negativzinsen boomt das Geschäft der Bau- und Immobilienfinanzierer. Auch in der Biotech-Branche wird allerorten heftig gebaut. Ein gutes Zeichen?

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Proteine in Massen: Rentschlers nagelneuer Bioreaktor in Laupheim
© Rentschler GmbH

Fast überall in Europa wird diesen Sommer fieberhaft gebaut – dank Null- oder sogar Negativzinsen, die Immobilienkredite und Bauprojekte zu einem lukrativen Geschäft werden lassen. Die Pharma- und Biotechbranche macht da keine Ausnahme.

Bereits im letzten Jahr stand der Pharmariese Roche mit einem umstrittenen Neubau in den Schlagzeilen: Der auf dem Roche-Betriebsgelände errichtete „Bau 1“, auch Roche-Tower, verschlang laut Konzernangaben beachtliche 550 Millionen Euro. Kritiker bemängelten die „fehlende städtebauliche Einbettung“ des 178-Meter hohen Turms, der den Hauptsitz des Pharmaunternehmens beherbergt. Zwar wurde der ursprünglich als architektonische Doppelhelix geplante Entwurf später (aus Kostengründen!) abgespeckt, doch noch immer ist „Bau 1“ fast doppelt so hoch wie der Messeturm und überragt die meisten umstehenden Gebäude der nordschweizerischen Metropole um gut hundert Meter. Das höchste bewohnbare Gebäude der Schweiz – als eine „Zurschaustellung der wirtschaftlichen Potenz“ angeprangert und laut Ex-Kantonsbaumeister Carl Fingerhuth von der „Arroganz der Bauherren zeugend“ – ist inzwischen bezogen und beherbergt rund 2.000 Mitarbeiter des Pharmakonzerns. Und längst laufen die Planungen für „Bau 2“, der mit anvisierten 205 Metern nochmal ein gutes Stückchen höher und 2021 bezugsfertig werden soll.  Ein Zeichen dafür, dass es der Biotech-Branche in Europa gut geht?

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Biotechnologie im Aufwind

Es sieht ganz so aus, denn die Branche startete so optimistisch in dieses Jahr wie lange nicht mehr. Bei den vorrangig im Bereich Biotechnologie tätigen deutschen Firmen ist der Umsatz im letzten Jahr um satte 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, 1.080 neue Mitarbeiter wurden eingestellt, was einem Zuwachs von 6 Prozent entspricht (Quelle: biotechnologie.de).

Ähnlich positiv sieht es auch bei den sonstigen biotechnologisch aktiven Firmen in Pharma- und Chemie-Deutschland aus. Dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Branche mit 1,04 Milliarden Euro erstmals seit 2010 wieder über der Milliardenmarke liegen, verdeutlicht, dass die Stagnation der letzten Jahre wohl überwunden wurde. Das meiste Kapital floss 2015 in die Entwicklung neuer Therapien und Diagnostika, wobei vor allem Biopharmazeutika wie monoklonale Antikörper auf dem Vormarsch waren. Und so scheint es auch in diesem Jahr weiterzugehen, wie nachfolgende Beispiele für aktuelle Bauprojekte der Biotech-Branche am Wirtschaftsstandort Deutschland zeigen.

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Steigende Nachfrage an Biopharmazeutika

Bereits zum zweiten Mal in zwei Jahren hat das auf die Herstellung von Biopharmazeutika spezialisierte Unternehmen Rentschler Biotechnologie GmbH in eine Erhöhung seiner Produktionskapazitäten investiert. Das mittelständische Unternehmen nimmt am Standort Laupheim in Oberschwaben eine neue Produktionsanlage zur Herstellung von Proteinen für die Therapie von Krebs- und Entzündungskrankheiten in Betrieb, welche den steigenden Bedarf an Biopharmazeutika decken soll. Nachdem erst letztes Jahr ein neuer Bioreaktor den Betrieb aufgenommen hatte, verdoppelt Rentschler mit der jetzigen Investition von 24 Millionen Euro seine Gesamt-Produktionskapazität noch einmal. Wie Geschäftsführer Frank Mathias betont, werde die Investition durch einen Umsatzanstieg von 30 Prozent in den vergangenen zwei Jahren abgesichert. Die Zahl der Beschäftigten von derzeit 650 soll um 200 auf 850 aufgestockt werden.

Vom Start-up zum Global Player

Noch im Bau befindet sich der neue Hauptsitz der international tätigen Centogene AG in Rostock, der 2017 fertig werden soll. Das Life-Science-Unternehmen wurde erst 2007 vom Rostocker Mediziner Arndt Rolfs gegründet und wuchs rasant von einer Handvoll auf heute über 220 Mitarbeiter. Centogene bietet Diagnostik und Charakterisierung von seltenen angeborenen Erkrankungen an und hat 2.800 Einzelgene im Portfolio. Das noch immer auf Wachstumskurs liegende Unternehmen mit Niederlassungen in Berlin, Wien, Toronto, Neu Delhi und Dubai investiert 33 Millionen Euro in seinen Hauptsitz, der auf 1.340 Quadratmetern Labore und auf zusätzlichen 4.100 Quadratmetern Büros und Nebenräume bereitstellen soll. Dabei wird die Laborarbeit in Zukunft weitgehend automatisiert – die Firma möchte weg “von der technischen Bearbeitung, hin zur Interpretation“, so die Sprecherin des Unternehmens, Doreen Niemann.

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Stärkung von Wissenschaftsstandorten

Auch der Biotech-Park Pfungstadt inmitten der Wirtschaftsregion Rhein-Main-Neckar wächst weiter, nachdem er momentan „aus allen Nähten platzt“ wie Ralf Dreher, Vorstandschef und Mehrheitseigentümer der R-Biopharma AG, betont. R-Biopharma ist der Betreiber des Parks und dort das größte Unternehmen. Nun schafft das Unternehmen auf 5.000 Quadratmetern Räumlichkeiten für 150 neue Arbeitsplätze und wird dafür 13 Millionen Euro ausgeben. Das neue Gebäude soll im September 2017 von neuen Mietern bezogen werden, wohl aber auch Reserven für R-Biopharm bereit halten, damit diese als Anbieter von Testkits zur Lebensmittelanalyse flexibel auf Lebensmittelskandale reagieren kann. Erklärtes Ziel ist auch die Ansiedlung von Ausgründungen der Technischen Universität Darmstadt.

In Dresden investiert derweil der Freistaat Sachsen. Dort feierte Anfang September der Forschungscampus Biotechnologie sein Richtfest für den Neubau des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der 2018 fertig werden soll. Das DZNE gehört zur Helmholtz-Gesellschaft und erforscht ver­schiedene Erkrankungen des Gehirns in enger Verzahnung von Grundlagen- und klinischer Forschung, um diagnostische Marker und Therapieansätze zu entwickeln. Die Kosten des Baus belaufen sich auf 41 Millionen Euro.

Großinvestition am Standort Penzberg

Auch in Oberbayern tut sich was. Der eingangs erwähnte Pharmakonzern Roche investiert massiv in seinen Penzberger Standort im Süden Münchens. Hier entsteht allerdings kein repräsentatives Statussymbol wie in Basel, sondern Bayerns größtes biotechnologisches Ausbildungszentrum, das ab 2017 statt der bisher rund 300 Auszubildenden und Studenten bis zu 400 beherbergen soll. Zusätzlich werden in das 120 Millionen Euro teure Gebäude mit 22.500 Quadratmetern Nutzfläche auch die medizinischen Dienste, das Gesundheits­zentrum und die Qualitätssicherung für die Bereiche Pharma und Diagnostics einziehen. Insgesamt steckt die Roche-Gruppe fast 600 Millionen Euro ins Penzberger Werk, um der steigenden Nachfrage an pharmazeutischen Wirkstoffen und diagnostischen Tests Rechnung zu tragen. 330 Millionen davon fließen in den Ausbau eines Produktionsgebäudes für monoklonale Antikörper zur Therapie verschiedener Krebsarten, wodurch 160 neue Arbeitsplätze entstehen. Ein neues Produktionsgebäude für Einsatzstoffe der Immun­diagnostik-Geräteplattform Elecsys, das dem Nachweis diagnostischer Marker dient, schluckt 51 Millionen Euro.

Hightech-Anlage für den Generika-Marktführer

Eine neue Biotech-Anlage, die ein Produktionsgebäude mit 3500 und ein Laborgebäude mit 1500 Quadratmeter Grundfläche umfassen soll, plant derzeit in Ulm der israelische Arzneimittelkonzern Teva. Ab 2020 sollen hier Arzneimittel produziert werden – von 300 neuen, laut Firma „hochqualifizierten“ Mitarbeitern. Gleichzeitig fallen 100 „einfachere“ Arbeitsplätze in der Produktion weg, wodurch das Ulmer Werk in ein „Hightech-Werk“ transformiert werden soll. Dies scheint ein allgemeiner Trend zu sein (siehe Centogene), und man kann nur hoffen, dass dadurch nicht gut ausgebildete, aber eben nicht höchstqualifizierte Arbeitnehmer vom Arbeitsmarkt abgekoppelt werden. Teva erwarb 2010 die Ratiopharm Gruppe und ist heute mit rund 1.000 Wirkstoffen der weltweite Marktführer für Generika, entwickelt aber auch Originalprodukte. Für die neue Anlage, die unter anderem wie im Penzberger Werk monoklonale Antikörper herstellen soll, macht die Firma 300 Millionen Euro locker. Dadurch wird der Standort Ulm zur Biotech-Drehscheibe des gesamten Konzerns.

Die hier exemplarisch genannten Bauaktivitäten nähren die Hoffnung, dass sie die besonders gute Allgemeinsituation der Biotechbranche widerspiegeln, und dass nicht nur aufgrund der andauernden Negativzinslage brachliegendes und sich nicht mehr verzinsendes Kapital notgedrungen einer lukrativeren Verwendung zugeführt werden soll. Wäre Letzteres der Fall, so würde man derzeit die Leerstände von morgen produzieren. Zum Glück sieht es im Moment nicht danach aus!

Larissa Tetsch



Letzte Änderungen: 08.12.2016

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