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Selbstlose Fremdgänger

(7.2.17) Warum untersuchen Orthopäden die Antwortmoral korrespondierender Autoren? Oder warum ermitteln Ökologen ein „Netzwerk der Manuskriptflüsse“? Forschungsmittel bekommen sie kaum dafür – und Ruhm noch weniger.
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Im Zuge einer Recherche stießen wir kürzlich auf ein 2015er-Paper mit dem Titel „Do Corresponding Authors Take Responsibility for Their Work? A Covert Survey“ (Clin Orthop Relat Res. 473(2): 729-35). Darin berichten drei orthopädische Chirurgen der Harvard Medical School, wie sie insgesamt 450 „korrespondierende Autoren“ um relativ simple Zusatz-Informationen zu ihren Papern baten. Als Schlussfolgerung mussten sie am Ende feststellen, dass gerade mal die Hälfte der Adressaten überhaupt antwortete – und damit wenigstens das Minimum „ihrer Verantwortung als Corresponding Authors“ erfüllte. Nicht gerade ein überzeugendes Bild.

Sicher ist es interessant, an dieser Stelle weiter in dieses Thema einzusteigen. Doch da müssen wir leider enttäuschen – das muss noch warten, bis die oben erwähnte Recherche abgeschlossen ist. Stattdessen soll es hier mit einer ganz anderen Frage weitergehen, die uns nach Aufspüren dieses Papers umgehend ebenso beschäftigte – nämlich: Warum machen orthopädische Chirurgen so etwas? Man sollte doch meinen, die haben bis Oberkante Unterlippe andere Dinge zu tun. Zumal sie für die entsprechende Studie sicher auch keine dafür ausgewiesenen Forschungsgelder zur Verfügung hatten.

Warum machen die das?

Interessanterweise sind solche „Nebenprojekte“ bereits öfter untergekommen ...

  • So berichteten wir beispielsweise vor einiger Zeit in unserem LJ-Blog über eine Software-Entwicklerin, die zusammen mit einem Zellbiologen nach umfangreicher Recherche feststellte, dass „[…] in den Life Sciences männliche Fakultätsobere weniger Frauen einstellen“.
  • Oder referierten die großangelegte Stichprobenstudie einiger Entwicklungsbiologen, wonach in mehr als der Hälfte von 250 untersuchten Artikeln „…Reagenzien, Konstrukte, Zelllinien oder Modellorganismen im jeweiligen Methodenteil derart ungenügend beschrieben waren, dass eine Reproduktion der beschriebenen Ergebnisse schon allein deswegen unmöglich sein musste“.
  • Oder schrieben über eine Mammutstudie französischer Ökologen (!), in der sie aus den „Submission Histories“ von insgesamt 80.748 Artikeln der Jahre 2006 bis 2008 aus 923 biowissenschaftlichen Zeitschriften ein “Netzwerk der Manuskriptflüsse” konstruierten — und am Ende unter anderem folgendes als Schlussfolgerung präsentierten: „Manuskripte, die nach ursprünglicher Ablehnung erst im zweiten oder einem noch späteren Anlauf in einem Journal erschienen, sammelten in den drei bis sechs Jahren nach Veröffentlichung im Schnitt deutlich mehr Zitierungen als diejenigen Paper in demselben Journal, die sofort akzeptiert und gedruckt wurden.“
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Ruhm und Anerkennung? Eher spärlich

Nur vier Beispiele von vielen. Tatsächlich findet man mit Leichtigkeit noch jede Menge ähnlicher "Fremdgänge" biomedizinischer Forscher. Die Frage ist also durchaus allgemeiner zu stellen: Warum investieren forschende Biologen und Mediziner immer wieder derart viel Zeit und Mühe in die Untersuchung von allgemeinen wissenschaftssoziologischen oder publikationsrelevanten Dingen? Eine Art Auftrag dazu haben sie ganz sicher nicht, und extra Forschungsmittel wohl ebenfalls kaum. Auch Ruhm und Anerkennung unter den jeweiligen Fachkollegen werden sie dafür allenfalls nur spärlich ernten.

Was bleibt dann noch? Irgendwie scheint sie vor allem die pure Neugier dazu zu treiben, solche an sich gar nicht unwichtige Fragen möglichst empirisch zu analysieren – ohne direkte Förderung und quasi in ihrer Freizeit.

Was es umso schöner macht, dass sie es tatsächlich tun.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 28.02.2017

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