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Gleichgültigkeit und Geiz killen Zytokin-Datenbank COPE

(6.4.17)  Das war’s dann: Mangels finanzieller Unterstützung ist der Philippinen-Auswanderer Horst Ibelgaufts gezwungen, sein in jahrzehntelanger Arbeit aufgebautes Non-Profit-Projekt zu beenden. Angesichts der vielen Milliarden Euro, die alljährlich in Forschung und Wissenschaft fließen, ist dies ein Armutszeugnis.
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Geld braucht man nicht – Geld hat man. Zum Beispiel an Deutschlands Universitäten und staatlichen Forschungsinstituten: Der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beträgt im laufenden Jahr 2017 rund 17,6 Milliarden Euro.

Oder in der deutschen Privatwirtschaft: Die gibt pro Jahr rund 60 Milliarden Euro für Forschung & Entwicklung aus – eine sechs mit zehn Nullen hinten dran.

Oder in der Biotechnologie: Die hat zum Beispiel im Jahr 2013 rund 50 Millionen Euro aus öffentlichen Fördermitteltöpfen erhalten, dazu 137 Millionen Euro Risikokapital sowie weitere 218 Millionen Euro von Privatinvestoren an der Börse.

Horst Ibelgaufts wäre mit einem winzigen Bruchteil dieser abstrus hohen Summen sehr, sehr zufrieden gewesen. Der Molekularbiologe hätte ganz konkret nur lächerliche 15.000 Euro benötigt, um seine in mühsamer Privatarbeit aufgebaute Online-Zytokin-Datenbank COPE zu erhalten und als Non-Profit-Einrichtung allen Kollegen gratis zur Verfügung stellen zu können. Laborjournal online hat kürzlich darüber berichtet: „Zytokin-Datenbank COPE bittet Forscher um Hilfe“ hieß es an dieser Stelle vor vier Wochen.

Ehrenamtliches Online-Projekt in Not

Ibelgaufts, der 2002 auf die Philippinen auswanderte und dort unter anderem als Lehrbeauftragter an einer regionalen Medizinhochschule arbeitet, hatte am anderen Ende der Welt fünfzehn Jahre lang seine selbst aufgebaute Zytokin-Datenbank COPE („Cytokines & Cells Online Pathfinder Encyclopedia“) gepflegt und auf dem aktuellen Stand gehalten – als Einzelkämpfer, ohne jegliche Unterstützung von außen und trotz der kärglichen technischen Ressourcen, die ein De-Fakto-Entwicklungsland wie die Philippinen zu bieten hat.

Das Ganze vollzog sich rein ehrenamtlich – er habe in den vergangenen rund 20 Jahren keinen Cent mit dem Non-Profit-Projekt COPE verdient, erzählte Ibelgaufts 2015 unserem Schwestermagazin Lab Times („The Cytokine Whisperer“, in Lab Times 6/2015, Seite 17-19). Wolle er auch gar nicht. Hauptsache, seine Online-Datenbank über Cytokine, die alle Verbindungen zwischen einem Suchbegriff und einem anderen beleuchtet und zugänglich macht, erfüllt ihren Zweck und leistet all den tausenden Forschern da draußen, die sich schnell und umfassend über ein bestimmtes Zytokin informieren kann, gute Dienste.

Lange bevor es ähnliche Hypertext-Link-Projekte gegeben habe – Ende der 1990er Jahre – sei Ibelgaufts „Catacopia” auf seiner COPE-Website startklar gewesen, erzählt er heute nicht ohne Stolz. Auch Wikipedia, das weltbekannte Paradepferd der ververlinkten Online-Enzyklopädien, ging erst Jahre später, 2001, online.

Doch während die gemeinnützige Wikipedia Foundation mit ihren regelmäßigen Bettelbrief-Aktionen alljährlich im Dezember jedesmal rund 20 bis 25 Millionen Euro einkassiert, ist bei Ibelgaufts' ebenfalls gemeinnützigem Projekt chronisch Ebbe in der Kasse – und vor kurzem stieß der inzwischen 67-jährige endgültig an seine finanziellen Grenzen. In einem Offenen Brief schilderte er sein Dilemma und bat seine Kollegen aus den reichen westlichen Ländern – die seine famose Cytokin- und Zell-Enzyklopädie weltweit nutzen und schätzen – um Unterstützung.

Er startete eine Crowdfunding-Kampagne, um 13.000 Britische Pfund (umgerechnet rund 15.000 Euro) einzuwerben – und im Erfolgsfalle COPE zu einer kostenlosen Open-Access-Ressource zu machen. Laborjournal online schrieb dazu vor vier Wochen: "…liebe Forscher: Beweisen Sie, dass Sie wirklich einer Community angehören – und spenden auch Sie diesem großartigen, gemeinnützigen Wissenschaftsprojekt den Gegenwert einer Pizza oder einer Tankfüllung!"

Finanzierung gescheitert, COPE-Projekt am Ende

Inzwischen muss man feststellen: Ibelgaufts ist gescheitert – das anvisierte 15.000-Euro-Ziel wurde nicht annähernd erreicht. Seine Enttäuschung und seinen Frust darüber, COPE nun begraben zu müssen, schilderte er uns gegenüber vor kurzem in einer E-Mail, die wir mit Ibelgaufts’ ausdrücklicher Erlaubnis leicht gekürzt zitieren:

„Wie erwartet, hat sich bestätigt, was ich schon länger wusste, dass nämlich eine wissenschaftliche „Gemeinschaft“ nicht existiert. In den ersten drei oder vier Tagen nach Erscheinen Ihres Editorials haben sich drei oder vier Kollegen mit einer Donation gemeldet (etwa 300 US-Dollar) und danach war Schweigen. Von Leuten wie Herrn Winnacker, der ja nun wirklich alle Verbindungen und Mittelmöglichkeiten gehabt haette, und den Sie ja in einem ganzen Absatz im Editorial vom 2. März 2017 erwähnen, hatte ich nach vorangegangenen (negativen) Erfahrungen sowieso nichts erwartet.

Bemerkenswert sind allenfalls Reaktionen wie die einer Amerikanerin, die mir doch glatt schrieb, ich solle unbedingt ein Testament machen, damit diese wertvolle Ressource nicht verloren geht nach meinem Ableben – klar, nicht mal 5 Dollar als Spende… Oder ein richtiger deutscher Professor und Institutsdirektor, dem ich freien Zugang geschaltet hatte, und der mir schrieb, wie sehr er doch betroffen sei über die drohende Schließung von COPE. Ich nehme an, Professorenstühle sind mittlerweile auch in Deutschland so hart geworden, dass der arme Mann vielleicht bei MacDonald moonlighten muss, um über die Runden zu kommen. Vielleicht hätte ich ihm eine Donation von 5 Dollar schicken sollen. Und ein amerikanischer Prof, der mir doch glatt im Namen der Menschheit und der Wissenschaft dankt für die jahrelange Arbeit an COPE – auch keine müde Mark als Donation. Alles ziemlich traurig.“

Wenigstens war da noch dieser Student aus Skandinavien…

„Der entschuldigte sich zigmal dafür, dass er nur 5 Dollar spenden könne wegen seines kleinen Stipendiums. Das sei eigentlich sein Mittagessen gewesen, aber er dachte, ich bräuchte das nötiger, und er könne gern auch mal ohne Mittagessen den Tag verbringen. Mann, hab ich geheult!“

... und ein Strahlenbiologe aus Deutschland:

"Der hat mir dann von seinem ersten besseren Gehalt in der klinik und Überstunden, einmal den Überbetrag in Vergleich zu seinem früheren Gehalt als Dankeschoen geschickt. Da war ich dann auch ganz baff. Das rührt mich immer zu Tränen."

Diese altruistischen Obuli und die wenigen weiteren Spenden reichten aber dennoch nicht annähernd aus, COPE weiterzubetreiben. Und so kommt Ibelgaufts zu folgendem, bitteren Fazit:

„Tja, das wär’s also. COPE bleibt noch ein paar Monate offen, weil ich das dem amerikanischen Hämatologen versprochen hatte, der COPE mehrfach in seinem neuesten Artikel zum Mast Cell Activation Syndrome zitiert. Nach vielen Jahren viel Arbeit an COPE auch hier als Antidot gegen eine intellektuelle Wüste bleibt also dann eben Garteln und Bücher lesen. Nicht so das Richtige…

Noch einmal herzlichen Dank fuer Ihre Freundlichkeit, das Thema aufgegriffen zu haben. Selbst wenn Nature oder Science das getan hätten (hab das, weil ich da niemanden kenne, nicht mal versucht) – da wäre die Reaktion die gleiche gewesen wie auf Ihr Editorial.

Wie heisst es so schön – ich glaub, das war ursprünglich Erich Kästner: Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht. Wie ich jemals so naiv sein konnte anzunehmen, dass es in der Wissenschaft anders ist als ausserhalb, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.

Mit einem freundlichen Lächeln aus dem Dschungel

Horst Ibelgaufts

Autor: Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 04.05.2017

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