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Der Osterhase

(15.4.17) Pünktlich zum Oster(hasen)-Fest möchten wir nochmals einen bahnbrechenden Beitrag Siegfried Bärs zur Diskussion stellen, den er vor mehr als zehn Jahren in der damaligen Laborjournal-Reihe „Die Biochemie seltsamer Lebewesen“ veröffentlichte. Darin ist eigentlich alles zum Thema ‚Osterhase‘ gesagt…
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© Frieder Wiech

Und es gibt ihn doch! In Zusammenarbeit mit Hana Riha, ausgewiesener Eierexpertin im Kompetenzzentrum Zepfenhan, Bereich innovative Tierforschung, beweist Siegfried Bär im folgenden die Existenz des bis dato nicht beforschten Eierlegewesens-, äh, -Lebewesens:

Einige Besserwisser werden jetzt sofort aufgebracht schreien: Den gibt es doch gar nicht!

In der Tat: Obwohl ein großer Teil der Bevölkerung an die Existenz von Osterhasen glaubt oder zumindest eine Weile daran geglaubt hat, wurde bisher für seine Existenz kein wissenschaftlicher Beweis erbracht. Direkte Beobachtungen sind selten und ihre Glaubwürdigkeit fraglich. Das beweist aber nicht, dass es keine Osterhasen gibt: Die Nichtexistenz von etwas zu beweisen, ist bekanntlich schwierig. Daran liegt es übrigens, dass so viele Leute glauben, sie hätten Begabung zum Forschen. Das nur nebenbei.

Was man nicht sucht, wird man schwerlich finden

Aus dem Mangel an direkten Beobachtungen eines Tieres lässt sich wissenschaftlich korrekt nur schließen, dass es selten vorkommt und menschenscheu ist. Es ist ja keineswegs so, dass alle Tierarten bekannt wären. Dauernd werden neue entdeckt, auch Säugetiere. 2004 sind Forscher im Süden Tansanias sogar auf eine neue Primatenart gestoßen, den Hochland-Mangaben (Science 308: 1161).

Eine weitere Erklärung für die schlechte Osterhasen-Datenbasis ist aber auch, dass die Wissenschaft nie ernsthaft nach dem Osterhasen gesucht hat. So ergab eine von mir durchgeführte Untersuchung der DFG-Akten im Bundesarchiv Koblenz, dass seit Gründung der DFG im Jahre 1921 bis 1945 nicht einmal ein Antrag auf Suche nach Osterhasen gestellt wurde, geschweige denn genehmigt worden wäre. Auch nach 1945 ist kein solcher Antrag gestellt worden, jedenfalls weiß ich nichts davon. Was man nicht sucht, das wird man schwerlich finden.

Ich werde im folgenden nachweisen, dass Osterhasen existieren.

Was macht einen Osterhasen aus?

Er sieht aus wie ein Hase, malt Hühnereier an und versteckt sie im Frühling in Nestern. Solch ein Tier ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Der Osterhase sieht aus wie ein Hase, er muss aber kein Hase im strengen Sinne sein. Es kann sich um einen anderen Hasenartigen oder um ein Nagetier handeln, der dem Feldhasen äußerlich gleicht. Bei Nagetieren ist das Sammeln von Nahrungsmitteln und das Verstecken des Sammelguts in Nestern nichts Ungewöhnliches. Denken Sie nur an den Hamster oder das Eichhörnchen. Letzteres sammelt Eicheln, und es ist mir nicht entgangen, dass Eicheln eine gewisse Ähnlichkeit mit Eiern besitzen.

Wenn es Nagetiere gibt, die Eicheln sammeln, dann kann es auch welche geben, die Hühnereier sammeln. Das ist umso wahrscheinlicher, als Eier einen höheren Nährwert haben als Eicheln. Zudem besitzen Eier eine Kalkschale und Nager haben wegen ihres Zahnverschleißes (Nagezähne!) einen hohen Kalziumbedarf.

Warum aber sammelt der Osterhase die Eier nur im Frühjahr, um Ostern herum?

Ganz einfach: Weil es früher nur um diese Zeit Eier gegeben hat. Dass Hühner täglich Eier legen ist eine Folge ihrer Domestikation. Wilde Hühner legen ihre Eier nur einmal im Jahr, im Frühjahr. Die Instinkte und Verhaltensmuster des wild lebenden Osterhasen haben sich im Laufe der Evolution naturgemäß an die Gewohnheiten wildlebender Hühner angepasst.

Ergebnis: Der Osterhase sucht und sammelt die Eier dann, wenn es welche gab, also im Frühjahr. Da das domestizierte Huhn erst seit evolutionsmäßig kurzer Zeit bei uns heimisch ist und sich zudem immer in der Nähe des Menschen aufhält, den der Osterhase scheut, konnte sich dieser nicht auf die Gewohnheiten domestizierter Hühner einstellen. Dies um so weniger, als dazu auch keine Notwendigkeit bzw. evolutionärer Druck bestand: Auch domestizierte Hühner legen ja zu Ostern Eier. Dass sie das ganze Jahr weiter legen, hat der Osterhase als Art noch nicht gemerkt, er hat die zeitliche Periodizität seines Eierappetits und des Sammeldrangs daher beibehalten. Zudem ist der Nährstoff- und Kalziumbedarf eines Nagers gerade im Frühjahr hoch.

Der Sammeldrang und die Vorratshaltung in Nestern haben sich wohl ebenfalls aus der (früheren) Tatsache entwickelt, dass es Eier nur um Ostern herum gibt. Der Osterhase sammelt sie deswegen in Nestern, weil er annimmt, dass er später im Jahr keine Eier mehr bekommt.

Warum bemalt er die Eier?

Nun sind diese Eier, wie es sich für die Eier freier und glücklicher Hühner gehört, weiß oder braun, aber unbemalt. Der Osterhase bemalt sie. Das ist zwar ungewöhnlich für ein Nagetier aber keineswegs unerklärlich.

Als Nager oder Hasenartiger lebt der Osterhase hauptsächlich von pflanzlicher Nahrung. Pflanzen synthetisieren Farbstoffe: Chlorophyll, Anthocyane, Carotinoide. Es gibt sogar ausgesprochene Farbpflanzen wie Färberwaid und Krapp. Manche Pflanzenfarben sind wasserlöslich, manche entwickeln ihre Farbe erst nach Kontakt mit Sauerstoff. Nach einer entsprechenden Pflanzenmahlzeit dürften sich im Speichel des Osterhasen große Mengen solcher Farbstoffe lösen. Stellen Sie sich nun vor, ein hasenähnliches Tier, versucht ein Ei zu essen. Das wird ihm nicht leicht fallen. Die glatte Kalkschale bietet den nach innen gebogenen Nagezähnen keinen Halt. Der Osterhase aber hat Hunger! Er nagt und nagt an der Eierschale, dabei läuft ihm der Speichel im Munde zusammen und teilweise auch aus demselben heraus. Der farbstoffgesättigte Speichel gelangt so auf die Kalkwand des Eies und färbt sie.

Das Tier wird mehrmals ansetzen müssen, bevor es ihm gelingt, das Ei zu knacken. Das können Sie sich leicht klarmachen, indem Sie einmal versuchen, ihr Frühstücksei aufzunagen, wohlgemerkt: zu nagen, nicht zu beißen! Der Osterhase wird mit seinem Mäulchen und den krummen Zähnen noch mehr Mühe haben als Sie. Er wird auch bei dieser Beschäftigung öfters gestört werden. Auf Störungen reagiert das scheue Tier mit Flucht. Erst nach einiger Zeit kehrt es zurück, um seine Bemühungen fortzusetzen. Indes hat es, es hoppelte ja aus Hunger zum Nest, eine andere Farbpflanze gefressen. Wieder nagt es am Ei und färbt es mit einer anderen Farbe. Wird das Nest schließlich entdeckt, bieten sich dem Betrachter vielfarbig mit Osterhasenspeichel bzw. Pflanzenfarben bemalte Eier.

Aus der Gewohnheit geboren oder doch eher Reviergehabe?

Das Bemalen der Eier ist also keine Absicht des Osterhasen, sondern Nebenprodukt seiner Ernährungs- und Fluchtgewohnheiten. Es ist allerdings auch möglich, dass der Osterhase mit der Bemalung sein Eiernest gegenüber anderen Osterhasen kennzeichnet, ähnlich wie Hunde ihr Revier abstecken.

Wir können sogar auf das Malmuster schließen. Es ist anzunehmen, dass der Osterhase beim Versuch, das Ei zu verzehren, dieses anfasst wie wir einen Maiskolben: Die Pfötchen an den Spitzen, das Mäulchen in der Mitte. Die eifrig nagenden Zähne versetzen das Ei in rotierende Bewegung und das Ergebnis sind Farbringe, d.h. das Ei sieht hinterher aus wie die Ringelpullover, die dicke Frauen tragen, um schlank zu erscheinen. Bezeichnenderweise zeigen die ältesten Darstellungen von Ostereiern genau dieses Muster.

Als Forscher werden Sie, scharfsinniger Leser, einwenden, dass die Farbpflanzen, die der Osterhase zum Bemalen verwendet, im Frühjahr wachsen müssen. Die meisten Farbpflanzen wie Rotkohl, Tomaten, Paprika, Pelargonien, rote Beete reifen jedoch erst später im Jahr. Im Fühjahr wächst zwar Gras und Gras enthält das grüne Chlorophyll, aber Chlorophyll ist unpolar, löst sich also nicht im Speichel. Probieren Sie es aus: Wenn Sie Salat essen, bleibt ihr Speichel farblos!

Was färbt den Speichel im Frühjahr so bunt?

Was also frisst der Osterhase zu Ostern? Ich weiß es nicht, meine Forschungen sind in dieser Richtung nicht weit fortgeschritten, ich darf jedoch eine begründete Vermutung aussprechen: Der Osterhase ernährt sich von Krappwurzeln. Krappwurzeln werden im Frühjahr gesammelt. Sie enthalten Alizarin, einen roten Anthrachinon-Farbstoff. Alizarin besitzt eine – wenn auch geringe – Wasserlöslichkeit, die vielleicht durch spezielle Enzyme im Osterhasenspeichel erhöht wird.

Eine Abhängigkeit des Osterhasen von der Krappwurzel würde auch die heutige Seltenheit des Tieres erklären: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird Krapp in Deutschland kaum noch angebaut, da die 1869 gefundene, chemische Alizarinsynthese den Anbau unwirtschaftlich machte. Dies dürfte dem Osterhasen die Lebens- und Farbgrundlage entzogen haben.

Die Existenz von Osterhasen ist also hochwahrscheinlich. Nicht nur die immer wieder wieder auftauchenden, wenn auch wissenschaftlich ungenügend belegten, Berichte über sie sprechen dafür, sondern noch mehr die Plausibilität der ihnen nachgesagten Verhaltensweisen. Es wäre geradezu seltsam, wenn solch ein Tier nicht existieren würde! Ihre Nester unterscheiden sich allerdings von den menschlich gelegten und dem Osterhasen zugeschriebenen dadurch, dass die Eier in echten Osterhasennestern ungekocht, also roh sind. Zudem müssen die Eier das oben erwähnte Ringelmuster aufweisen.

Bereits längst entdeckt? Wohl kaum, liebe Kollegen!

Nachdem dieses geklärt ist, werden etliche Zoologen darauf hinweisen, sie hätten schon im Alter von vier Jahren an den Osterhasen geglaubt und mir die Priorität dieser Entdeckung absprechen.

Liebe Kollegen: Glauben und Wissen sind verschiedene Dinge. Zudem kommt es in der Wissenschaft darauf an, wer zuerst veröffentlicht und nicht darauf, wer zuerst glaubt. Sie können sich aber Meriten erwerben, indem Sie eine Expedition ausrüsten und einen Osterhasen einfangen. Greifen Sie zur Feder und stellen Sie zu Ostern einen Antrag an die DFG. Die ihnen daraus in den Schoß fallenden Ergebnisse werden Ihren Ruhm ins Unendliche mehren.

 

(Siegfried Bärs gesammelten "Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen" gibt es übrigens hier: 
http://www.laborjournal.de/rubric/archiv/seltsam.lasso)


Letzte Änderungen: 11.05.2017

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