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No DEAL, no Contract

(3.7.17) Die Gräben zwischen den deutschen Wissenschaftsorganisationen und dem Verlagsriesen Elsevier sind nochmal ein Stück tiefer geworden: Aus Solidarität mit dem bundesweiten Projekt DEAL haben die drei großen Berliner Universitäten samt der Charité-Universitätsmedizin ihren Vertrag mit dem Wissenschaftsverlag gekündigt.
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Die gemeinsame Erklärung der Berliner fasst die bisherige Geschichte des Konflikts zwischen Elsevier und den deutschen Forschungseinrichtungen recht gut zusammen. Darin heißt es im Wortlaut:

„Die drei großen Berliner Universitäten und die Charité stehen geschlossen hinter den Verhandlungszielen des Projekts DEAL der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, das den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur verbessern möchte. Durch bundesweite Verträge mit den großen Verlagen Elsevier, Springer/Nature und Wiley sollen deren Zeitschriften auf ein neues Finanzierungsmodell umgestellt werden, das deutsche Wissenschaftseinrichtungen finanziell entlastet und gleichzeitig eine Bereitstellung ihrer Publikationen auf Open-Access-Basis erlaubt. Die Finanzierung soll künftig nicht mehr über Zeitschriftenabonnements erfolgen, sondern über die Publikationskosten eigener Artikel, die dann kostenfrei für jedermann verfügbar sind.

Über die Hälfte der Ausgaben deutscher Universitätsbibliotheken für Zeitschriften gehen derzeit an diese drei großen Verlage. Seit 2016 verhandelt das DEAL-Team unter der Leitung des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Horst Hippler, mit Elsevier über den Zugang zu allen Elsevier-Zeitschriften auf Basis der Finanzierung aller Elsevier-Artikel deutscher Autorinnen und Autoren. Doch der Verlagsriese will diesen Vorschlag bislang nicht aufgreifen. Über 70 wissenschaftliche Einrichtungen haben bereits 2016 ihre Zeitschriftenabonnements bei Elsevier gekündigt, um ihr gemeinsames Ziel durchzusetzen. In den kommenden Wochen werden ihnen viele weitere Wissenschaftseinrichtungen folgen.

Dieser breiten Front schließen sich nun auch die forschungs- und publikationsstarken Berliner Institutionen an: Freie Universität, Humboldt-Universität, Technische Universität und Charité werden ihren bis Ende 2017 laufenden Vertrag mit Elsevier nicht verlängern. Sie unterstützen vollumfänglich das Anliegen der DEAL-Initiative:

>> Alle am DEAL-Vertrag teilnehmenden wissenschaftlichen Einrichtungen haben dauerhaften Volltextzugriff auf das gesamte Spektrum an E-Journals von Elsevier.

>> Alle Publikationen von Autoren aus deutschen Einrichtungen erhalten automatisch eine Open-Access-Schaltung (CC-BY, inkl. Peer Review).

>> Angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.

Die Berliner Einrichtungen fordern damit Elsevier zur Fortführung konstruktiver Verhandlungen auf und bereiten sich gemeinsam auf veränderte Rahmenbedingungen der Informationsversorgung vor.“

Will sich Elsevier überhaupt bewegen?

Tatsächlich hatten nach dem Scheitern der ersten Verhandlungsrunde zwischen DEAL und Elsevier bereits im letzten Oktober über 60 Wissenschaftseinrichtungen ihre Verträge mit dem holländischen Verlagsriesen zum Ende des Jahres 2016 gekündigt, um die automatische Erneuerung der Lizenzen zu verhindern. Zwar forderte DEAL aufgrund der besonderen Situation eine Kulanzregelung, aber dennoch schaltete Elsevier bei einigen Einrichtungen die Online-Zugänge zu ihren Zeitschriften am 1. Januar 2017 bis Mitte Februar ganz oder teilweise ab.

Zum nächsten Verhandlungstermin im letzten März legte Elsevier laut DEAL wiederum kein Angebot vor, das auf die Forderungen der Wissenschaftsorganisationen auch nur ansatzweise einging. Kein Wunder, reagierte DEAL-Verhandlungsführer Horst Hippler daraufhin konsterniert: „Nach fünf Gesprächsterminen frage ich mich, ob Elsevier ernsthaft mit der deutschen Wissenschaft einen zukunftsfähigen Vertrag auf der Basis von Golden Open Access abschließen möchte.“ Dennoch versicherte er, dass die Verhandlungsteilnehmer auf DEAL-Seite weiterhin gesprächsbereit seien, falls Elsevier ein ernsthaftes und verhandelbares Angebot vorlegen sollte.

Doch zuvor schufen die Berliner Universitäten und die Charité jetzt Fakten – und erhöhten damit ihrerseits den Druck. Lange vor Ablauf der Kündigungsfrist kündigten sie jetzt ihre Verträge mit Elsevier zum Ende 2017. Durchaus bewusst setzen sie damit ein klares Zeichen an die rund hundert weiteren Einrichtungen, deren Verträge ebenfalls zum Jahresende auslaufen. Da offenbar keine baldige Einigung zwischen DEAL und Elsevier in Sicht ist, geht man davon aus, dass auch sie dem Berliner Beispiel folgen werden.

Elsevier selbst reagierte einigermaßen überrascht auf den Berliner Vorstoß – und spielt das Unschuldslamm. In einer Erklärung schreibt Harald Boersma, Direktor für „Global Corporate Relations“ bei Elsevier:

„Elsevier bedauert, dass die Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin und Charité Universitätsmedizin Berlin die Absicht geäußert haben, Ihre Abonnements-Veträge mit Elsevier Ende diesen Jahres nicht zu erneuern. Wissenschaftler an den betroffenen Universitäten können jedoch sicher sein, dass Zugang zur Forschung, der für ihre Arbeit so entscheidend wichtig ist, in jedem Fall bis Jahresende erhalten bleibt.

Wissenschaftler sollten auch wissen, dass Elsevier unablässig daran arbeitet, eine allgemein akzeptable Lösung mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zu finden und ein nationales Abkommen für alle deutschen Forschungseinrichtungen, wie von der HRK angestrebt, noch dieses Jahr unterschreiben zu können, so dass der Literaturzugang fortdauernd gesichert ist.

Elsevier stimmt mit den grundlegenden Forderungen der HRK für eine nationale Lizenz überein und dies ist in die zahlreichen konstruktiven Vorschläge, die wir der HRK unterbreitet haben, eingeflossen. Insbesondere hatten sich HRK und Elsevier gemeinsam darauf geeinigt, nächste Woche ein Workshop durchzuführen, um gemeinsame Wege für ein positives Abkommen auszuloten. Die HRK hat dieses Workshop dann jedoch bedauerlicherweise einseitig abgesagt – eine enttäuschende und besorgniserregende Entwicklung. Als der weltweit zweitgrößte Open Access Verlag sind wir der geeignete Partner um Deutschland dabei zu helfen, das wissenschaftliche Publizieren auf nachhaltige Art und Weise auf 100% Open Access umzustellen. Unsere Bereitschaft, sich nächste Woche zu treffen, bleibt unverändert bestehen.

Ein erfolgreicher Abschluss dieser Verhandlungen ist im Interesse der deutschen Wissenschaft. Wir nehmen diese Gespräche so ernst, weil so viel auf dem Spiel steht.“

Unglaubwürdige Unschuldsmiene

So ganz passt diese Unschuldsmiene allerdings nicht zu dem Ruf, den sich Elsevier inzwischen weltweit und sicherlich nicht grundlos in der Forscherszene erworben hat. Seit 2012 läuft etwa ein Boykott gegen die Preispolitik von Elsevier, in dessen Rahmen sich inzwischen über 16.000 Forscher weigern, dem Verlag ihre Manuskripte zu schicken, geschweige denn für diesen als Gutachter tätig zu sein. Der Effekt war bis heute allerdings sehr überschaubar.

Zu einem ähnlichen Boykott wurde Ende letzten Jahres unter dem Titel „No Deal, No Review“ in Finnland aufgerufen. Auch dort verhandelt man seit geraumer Zeit landesweit mit Elsevier über eine tragfähige Preis- und Open Access-Politik zur Nutzung der Verlagstitel – und auch dort ist eine sichtbare Annäherung von Seiten Elseviers bislang nicht zu erkennen. Über 2.700 Mitglieder der finnischen Wissenschaftsgemeinde haben bislang den Boykottaufruf unterzeichnet, mit dem sie künftig jegliche ehrenamtliche Tätigkeit als Gutachter oder Editor für Elsevier verweigern.

Hierzulande scheint man von solchen Boykotts allerdings eher Abstand genommen zu haben. In Berlin war ein entsprechender Aufruf zwar anfangs angedacht, wurde schlussendlich aber doch nicht weiterverfolgt. „Die Kündigung der Leselizenzen ist ein wesentlich stärkeres Druckmittel“, sagte hierzu TU-Präsident Christian Thomsen dem Tagesspiegel. Schließlich seien die im Paket verkauften Abonnements die große Einnahmequelle von Verlagen wie Elsevier. Weshalb man sich erhoffe, dass Elsevier am Ende aus ökonomischen Gründen doch einlenken werde.

Je mehr Forschungseinrichtungen jetzt dem Berliner Beispiel folgen und ihre Verträge vor den nächsten Verhandlungsrunden kündigen, desto gewichtiger sollten also jene „ökonomischen Gründe“ für Elsevier werden, um den DEAL-Positionen letztlich doch entgegenzukommen. Und vielleicht sollte Elsevier tatsächlich mal konkret über einen entsprechenden „Plan B“ nachdenken, denn die Solidarität mit DEAL ist ungebrochen groß in der hiesigen Forschungslandschaft – und sogar weit darüber hinaus.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 24.07.2017

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