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Wissen für alle, verständlich erklärt!...

(4.7.17) ...Das zumindest fordert der Wirtschaftsinformatiker Pajam Sobhani und schickt die Plattform LatestThinking ins Rennen. Nebenbei will er damit auch die Open-Access-Initative stärken.
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© Privat

Um sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden zu halten, bleibt dem Forscher nur der Blick ins Paper. Zu dumm nur, dass diese meist ein Vermögen kosten. Der Ruf nach Open Access wird daher immer lauter, doch aktuell ist der „Gang“ in „Schattenbibliotheken“, wie Sci-Hub und Co, unausweichlich. Hält man anschließend eines der begehrten Paper in der Hand, gilt es diese dann noch zu verstehen. Fachausdrücke und Experten-Englisch zwingen oft genug selbst geübte Doktoranden in die Knie, sofern sie sich in der jeweiligen Disziplin nicht besonders auskennen. Dem Fachfremden oder Otto-Normal-Bürger treiben die Publikationen erst recht jede Menge Fragezeichen in den Schädel. Doch was soll man da tun? Der Wirtschaftsinformatiker Pajam Sobhani aus Hamburg hat eine Vision: Forschung verständlich aufbereitet – und zwar for free. Wie? Mit LatestThinking.

 

Laborjournal: Hallo Herr Sobhani, Sie sind der Gründer der Plattform LatestThinking.org. Was gibt es darauf zu entdecken?

Pajam Sobhani: Mit LatestThinking versuchen wir, allen die Möglichkeit zu geben, aktuelle Forschungsergebnisse zu verstehen. Dafür haben wir ein spezielles Video-Format entwickelt, welches wissenschaftliche Forschung klassisch abbildet.

 

Wie sieht dieses klassische Format denn aus?

Sobhani: Nun, es gibt – so wie wir es auch aus Publikationen kennen – eine Forschungsfrage, einen Methoden-Teil, die Resultate, eine Diskussion und einen Ausblick. Das Besondere daran ist, dass der Zuschauer in den Videos zwischen den jeweiligen Kapiteln springen kann. Dadurch kann er sich nicht nur den Film anschauen, sondern wirklich damit arbeiten. Es geht dabei weniger um Entertainment, sondern mehr darum, sich mit Hilfe der Videos aktuelles Wissen anzueignen.

 

Aber ich könnte mir dieses Wissen doch genauso gut durch das Lesen der Originalartikel aneignen, oder?

Sobhani: Das Problem ist, dass der Erfolg der Wissenschaft in den letzten fünfzig Jahren von Spezialisierung getrieben wurde. Diese Spezialisierung ist erforderlich, wenn man immer tiefer gehende Kenntnisse über die Welt erlangen möchte. Das ist quasi der Motor der Wissenschaft und hat daher seine Berechtigung. Allerdings hat die Spezialisierung auch eine Kehrseite: Forschung isoliert sich zunehmend und wird nur noch von einer kleinen Menge an Leuten verstanden. Dadurch entkoppelt sich die Forschung von der Gesellschaft.

 

Und hier kommt LatestThinking ins Spiel?

Sobhani: Genau, LatestThinking soll eine Möglichkeit der Kommunikation erschaffen, die es erlaubt, mehr Leute zu erreichen. Egal ob Menschen aus der gleichen Disziplin, Fachfremde, Studenten oder das breite Publikum.

 

Gab es denn einen Schlüsselmoment, welcher Ihnen die Entkopplung von Wissenschaft und Gesellschaft deutlich gezeigt hat und quasi Startsignal für LatestThinking war?

Sobhani: Ich selber bin kein Wissenschaftler, habe mich aber schon immer für Wissenschaft interessiert. Nach meinem Studium der Wirtschaftsinformatik habe ich noch mal Organisationspsychologie studiert, dann Philosophie und dort auch eine Promotion begonnen. Da ist mir aufgefallen, wie schwer es eigentlich für jemanden außerhalb der jeweiligen Disziplin ist, aktuelle Forschungsergebnisse zu verstehen. Man kann also fast sagen, ich habe eine Plattform für meinen eigenen Bedarf entwickelt und dann schnell gemerkt, dass es nicht nur ein Problem von mir ist, sondern in der Tat ein systematisches Defizit, dem wir begegnen müssen.

 

Auf ihrer Homepage nennen Sie aber auch das Problem, dass Journale kostenpflichtig sind.  

Sobhani: Das ist der zweite Pfeiler von LatestThinking: Wissen sollte meiner Meinung nach frei zugänglich sein. Insbesondere wenn es Forschungsergebnisse sind, die am Ende des Tages auch vom Steuerzahler oder von gemeinnützigen Stiftungen finanziert werden. Dieses Wissen sollte frei wieder zurückkommen. Deshalb befürworten wir die Open-Access-Initiative und versuchen diese zu stärken. Aber am Ende bringt es natürlich nichts, Forschung frei zugänglich zu machen, obwohl sie niemand versteht.

 

Also bessere Verständlichkeit und freier Zugang für alle?

Sobhani: Genau, zusätzlich versuchen wir mit LatestThinking Videos semantisch zu verbinden, sodass wir das Wissen noch mehr vernetzen. Denn viele unterschiedliche Disziplinen beschäftigen sich zwar mit den gleichen Fragestellungen, bearbeiten diese aber ganz unterschiedlich. Da gibt es spannende Überlappungen und unterschiedlichste Perspektiven. Das birgt, denke ich, großes Potential, wofür man allerdings noch mehr Videos braucht.

 

Wie viele Videos stehen denn aktuell auf der Plattform?

Sobhani: Insgesamt 150.

 

Und für welche Themen interessieren sich die Zuschauer am meisten?

Sobhani: Darüber repräsentative Aussagen zu treffen, ist aktuell sehr schwierig, weil wir uns noch in der Anfangsphase befinden. Allerdings werden natürlich Videos von bekannten Wissenschaftlern häufiger angeklickt. Ansonsten finden Themen aus den Behavioural Economics großen Anklang, aber auch zu Physik, speziell Astrophysik, haben wir sehr gute Klickzahlen. Allerdings würde ich das in dem jetzigen Stadium nicht überbewerten.

 

Wie finanziert sich LatestThinking überhaupt?

Sobhani: Das ist ein ganz einfaches Geschäftsmodell, mit welchem wir uns an die Open-Access-Strategie anlehnen.  Das heißt, wir wollen, dass die Plattform frei zugänglich ist und bleibt. Die Finanzierung erfolgt deshalb über die Wissenschaftler und ihre Einrichtungen, wie auch über Stiftungen.

 

Und wie viel kostet ein Video?

Sobhani: Zwischen 1.500 und 3.000 Euro. Je nachdem, ob zum Beispiel Animationen gewünscht sind, oder ob wir mit einem Studio zum Institut fahren müssen. In dem Betrag sind außerdem die Erstellung, die Content-Aufbereitung und das Hosting der Videos beinhaltet. Quasi ein Full-Service-Ansatz.

 

Angenommen ich bin ein Forscher und möchte gerne mit Ihnen ein Video über meine Arbeit drehen. Wie muss ich vorgehen?

Sobhani: Es gibt zwei Möglichkeiten. Die Erste ist, dass wir anhand einer Veröffentlichung mit dem Forscher in Kontakt treten. Warum nur anhand von Publikationen? Weil wir die Qualitätssicherung selber nicht vornehmen wollen. Da verlassen wir uns auf den Peer Reviewer der Journals. Denn was in Top-Journals veröffentlicht wird, das kann auch auf unsere Plattform. Es gibt aber auch die Möglichkeit, schon vor Veröffentlichung eines Papers mit uns zu drehen, sodass beide Formate parallel erscheinen, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Quasi eine Publikation mit Video-Abstract auf LatestThinking.

 

Aber ohne (zukünftige) Publikation geht nichts?

Sobhani: Nein, denn wir wollen sicherstellen, dass alles, was auf LatestThinking zu finden ist, qualitätsgesichert ist. Sowohl von der technischen Qualität der Videos, als auch von den wissenschaftlichen Standards. Bei letzterem vertrauen wir auf Prozesse, die sich in der Wissenschaftsgemeinde bewährt haben.

 

Aktuell befinden sich aber nur Forscher von deutschen Instituten auf der Homepage. Absicht?

Sobhani: Das ist sicherlich der natürliche Werdegang eines deutschen Unternehmens. Allerdings erkennt man ja bereits daran, dass die Seite komplett auf Englisch ist und alle Videos ebenfalls in englischer Sprache gedreht sind, dass wir anstreben, das Ganze international zu gestalten. Es war uns ein Anliegen, mit der englischen Sprache die größtmögliche Reichweite der Inhalte zu sichern. In Zukunft möchten wir dann auch Wissenschaftler aus Europa und anderen Ländern kontaktieren.

 

Noch weitere Zukunftspläne?

Sobhani: Sicher, auf jeden Fall mehr Videos und diese besser vernetzen – wie zum Beispiel beim Erstellen von Playlisten. Und dann gerne auch mehr Themen, beziehungsweise mehr Kategorien.

 

Zum Schluss: Was würden Sie sich unabhängig von LatestThinking im Hinblick auf Open Access und der Entkopplung von Wissen und Gesellschaft wünschen?

Sobhani: Mit Blick auf die Zugangskosten und Paywalls hoffe ich, dass die EU ihr Ziel durchbringt, die Wissenschaftsverlage bis 2020 auf Open Access umzustellen. Das wäre ein großer Wandel für die Wissenschaftslandschaft, der dem Einzelnen vielleicht gar nicht so klar ist. Aber für die Menschheit freien Zugang zu Wissen bereitzustellen, das ist eine Perspektive, die ich sehr begrüße – und ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg, auch mit LatestThinking. Zudem denke ich, dass Wissenschaftler sich die Freiheit nehmen sollten, ihre Rolle umfassender zu verstehen. Nicht zuletzt die jüngsten Entwicklungen in den USA zeigen uns, wie wichtig es ist, dass die breite Bevölkerung der Wissenschaft vertraut. Dieses Vertrauen kann nur entstehen, wenn Forschung transparent ist und Wissen so geteilt wird, dass es möglichst viele Menschen verstehen.

 

Ein paar der LatestThinking-Videos gibt es inzwischen auch auf Youtube – wie dieses von Erika Pearce, in welchem sie über die Funktion von verschiedenen T-Zell-Typen spricht.

 Wer sich die interaktive Kapitel-Funktion des Videos mal genauer anschauen möchte, klickt auf folgenden Link und gelangt direkt zur LatestThinking-Homepage:

Erika Pearce – How Does Metabolism Influence the Function of Different T Cell Types?

 Juliet Merz



Letzte Änderungen: 21.07.2017

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