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Man muss es aber auch wollen

(16.01.2020) Haben Frauen gute Karrierechancen in der Biotech-Branche? Steht ihnen etwas im Weg? Nicht so viel, wie man glaubt, berichten uns einige Gründerinnen.
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Betrachtet man die deutsche Biotech-Branche durch die „Gender-Brille“, fallen einem überall deutliche Ungleichgewichte ins Auge: Mehr Frauen studieren Biologie und Co., aber mehr Männer führen die daraus entstehenden Biotech-Firmen. Die meisten neuen Unternehmen werden auch von Männern gegründet, und vom Gehalt will man gar nicht erst anfangen. Doch warum ist das so – gibt es ein strukturelles Problem? Können Frauen Karriere machen, wenn sie wollen? Und wo ist es einfacher: an der Uni oder in der Industrie? Dazu haben wir mit großen wie kleineren Unternehmen und dem Branchenverband BIO Deutschland gesprochen.

„Dass man über das Thema überhaupt noch sprechen muss ...“, sagt Marion Jung gleich zu Beginn unseres Interviews. Sie ist Geschäftsführerin der ChromoTek GmbH in Martinsried; das Unternehmen ist Pionier bei Entwicklung und Kommerzialisierung der winzigen „Nanobodies“, hat rund 30 Mitarbeiter und ist weltweit aktiv. „Bei ChromoTek sind wir 2/3 Frauen und 1/3 Männer, auf Führungsebene 50:50. Das liegt daran, dass die Mitgründerin Katrin Schmidthals im Vorstand sitzt und ich auch“, sagt die promovierte Molekularbiologin.

Frauen auf Aufholjagd

Allerdings sieht sie auch, dass das nicht in allen Unternehmen so ist. „Es gibt nicht so viele Frauen auf höherer Managementebene in der Biotechnologie“, stellt sie fest. Tatsächlich bewegt sich der Frauenanteil in Vorständen in der Biotechnologie im einstelligen Bereich. „Und wenn eine Frau im Management größerer Unternehmen sitzt, dann oft als Leiterin der Kommunikation oder Human Resources (HR), klassische Frauendomänen“, meint Claudia Englbrecht von BIO Deutschland. Sie ist Managerin der Öffentlichkeitsarbeit des Branchenverbandes der deutschen Biotechnologie-Industrie und hat einen guten Überblick über die Gesichter der Branche. Sie bestätigt, dass es in der Biotechnologie nur wenige weibliche Vorstände gibt. Es sei immer noch schwierig, etwa für Konferenzen weibliche Führungskräfte als Referentinnen zu finden. „Ich glaube schon, dass es die ganze Branche begrüßen würde, wenn das Geschlechterverhältnis ausgeglichener wäre“, meint Englbrecht.

„Ich glaube, dass die Karrierechancen der Frauen heute sehr gut sind, wesentlich besser als noch vor wenigen Jahren“, sagt uns Monika Conradt, Leiterin des weltweiten Personalbereiches von Evotec. Das Unternehmen erforscht und entwickelt Wirkstoffe aller Art mit über 3.000 Mitarbeitern weltweit, allein in Deutschland gibt es vier Standorte. Conradt blickt auf viele Jahre Erfahrung in einigen großen Pharma-Unternehmen zurück und meint, es gäbe aber auch große Unterschiede zwischen den Unternehmen, was die Chancen für Frauen angeht.

Es scheint darauf anzukommen, wie offen und flexibel die Unternehmen sind. Evotec etwa wächst stark und kann jeden guten Kopf gebrauchen, allein in den letzten drei Jahren wurden 2.000 Mitarbeiter eingestellt. „Wir bei Evotec sind extrem flexibel, wenn es um die Unterstützung der Frauen geht. Das sind super ausgebildete Mitarbeiter und wir tun alles dafür, um sie zu halten“, so Conradt. Als Unterstützung führt sie Teilzeit an, einfache Umstellung auf Voll- oder Teilzeit, und überhaupt flexiblere Arbeitszeiten. „Gerade in Führungspositionen sind die Arbeitszeiten flexibel und es wird von zuhause gearbeitet, es kommt einfach auf Ergebnisse an und nicht auf Ort oder Tageszeit“, so die HR-Leiterin.

Sich besser verkaufen

Das heißt aber noch nicht, dass die flexibel arbeitende Frau auch aufsteigt. Dazu hat Conradt immer wieder die gleiche Beobachtung gemacht, wenn sie Führungspositionen besetzt: „Da erlebe ich auch immer wieder Frauen, die einen Rückzieher machen und einfach nicht wollen“, sagt sie ganz offen. „Die könnten das, sind durchaus geeignet, aber wollen nicht, weil es doch einen ganz anderen Einsatz erfordert.“ Ähnliches meint auch Marion Jung, die als Geschäftsführerin von ChromoTek unzählige Vorstellungsgespräche geführt hat. Sie sagt, dass Frauen vielleicht dazu neigen, zu zögerlich zu sein. „In einem Vorstellungsgespräch habe ich noch nie einen Mann gegenüber sitzen gehabt, der irgendwas, was wir wollen, nicht könnte. Frauen schon“, berichtet Jung. Außerdem würden sich Frauen teilweise nicht gut verkaufen können, meint die Managerin.

Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die berüchtigten Netzwerke, die sich unter Männern über Jahrzehnte gebildet haben. „Diese Netze sind stabil“, sagt Marion Jung. Und weiter: „Hier scheitern Frauen vielleicht manchmal, weil sie in diese Netzwerke nicht eindringen können oder wollen.“ Allerdings betont Jung auch die Netzwerke unter den Frauen, die vielleicht nicht so groß aber dafür umso stärker und verlässlicher sind. Es scheint aber auch immer noch Unternehmen zu geben, in denen Frauen in Führungspositionen nicht unbedingt willkommen sind. Dieser abweisende Eindruck bestätigt sich uns auch während unserer Recherche, da uns viele Unternehmen gar keine Interviews geben wollten oder sich nicht zu „Gender-Fragen“ äußern – vor allem solche, mit ausschließlich Männern im Vorstand.

Akademie vs. Industrie

Geht Frau also besser in die akademische Forschung, wenn sie Karriere-Ambitionen hat? Ist es einfacher an der Uni, als in der freien Wirtschaft? Dafür spricht ein allgemeiner Trend in öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten. Hier werden Professorinnen und Professoren durch Komitees berufen, die peinlichst auf Chancengleichheit achten und dann vielleicht doch mal eine Frau bevorzugen. Der Frauenanteil in der Professorenschaft in Deutschland lag 2018 zwar immer noch bei schlappen 25 %, gegenüber 10 % zur Jahrtausendwende ist das aber ein rasanter Anstieg.

Trotzdem glaubt Marion Jung, dass nach der Promotion eine Karriere in der Industrie tatsächlich einfacher wäre: „Eine wissenschaftliche Ausbildung in den Naturwissenschaften inklusive Promotion dauert recht lange, da sind schnell mal 10 Jahre rum. Da kommt man dann in ein Alter, wo man über Familiengründung nachdenkt und das bedeutet nun mal, dass man als Frau zeitlich und räumlich gebunden ist“, so Jung. Das sei aber in der akademischen Karriere die Zeit, in der man als Postdoc vor lauter Arbeit gar nicht mehr aus dem Labor herauskommt und sich am besten noch durch amerikanische Elite-Unis quält oder anderswo Auslandserfahrung sammelt. Und das alles im Ungewissen, ob man überhaupt eine Stelle als Privatdozent oder Professor bekommt. „Man muss nach der Ausbildung schnell Schritte machen, um vorwärts zu kommen. Und ich glaube, dass das in der Industrie einfacher ist als in der akademischen Umgebung“, mutmaßt die Geschäftsführerin.

Lieber Familie als Firma gründen?

Eine Mischung aus beiden Wegen kann die Firmengründung sein. Ein durchaus attraktiver Weg: nach langen Jahren an der Uni von Anfang an das Sagen haben. Trotzdem werden laut dem aktuellen „Deutschen Startup Monitor“ in Deutschland nur 15,7 % der Startups von Frauen gegründet, holen sie sich einen Mann mit ins Gründerteam sind es immerhin 31,1 %. Trauen sich Frauen einfach nicht, oder gründen Frauen lieber eine Familie als ein Unternehmen? Eines steht jedenfalls fest, die Startup-Szene ist eine Männerwelt.

Das bestätigt auch Meike Spiekermann, die 2016 die mirdetect GmbH gründete, zusammen mit ihrer Kollegin Nina Winter sowie ihrem ehemaligen Doktorvater. Ein klassisches Startup direkt aus der Uni heraus und basierend auf den Erkenntnissen aus Spiekermanns Doktorarbeit – nämlich dass sich bestimmte microRNAs als Biomarker für Hodenkrebs eignen. „Es ist eine Männerwelt da draußen, das war für Nina und mich eine absolute Herausforderung. Zwei blonde Frauen mit Hodenkrebs, das sorgte für Aufsehen!“, erinnert sich Spiekermann lachend.

Diskriminierung haben die beiden jedoch nie erlebt, aber belächelt wurden sie schon. Auch an die immer wiederkehrende Frage, wo denn eigentlich der Geschäftsführer ihrer Firma sei, haben sie sich irgendwann gewöhnt und scherzend abgewunken: „Wir haben keinen grauhaarigen Mann mit Erfahrung im Team.“ Spiekermann sei dagegen immer mehr in die Rolle der Geschäftsführerin hineingewachsen und hatte am Ende auch Erfolg – als endlich die Investoren einstiegen. Heute hat mirdetect sechs Mitarbeiter und die Vermarktung des Hodenkrebs-Tests soll bald beginnen. Spiekermann meint, Frauen hätten schon gute Chancen, aber die wenigsten würden sie ergreifen. Sie gibt auch zu, dass sie selbst keine Verpflichtungen hatte und es mit Mann und Kind vielleicht anders ausgesehen hätte – da macht man so einen Sprung ins Ungewisse vielleicht nicht. „Es ist auf keinen Fall so, dass Frauen das nicht können, ganz im Gegenteil. Aber man muss das Ganze einfach auch wollen!“, ist ihr Fazit.

Strukturelle Probleme

Leider gibt es auch strukturelle Gründe, die die Karrierechancen von Frauen verderben, spätestens wenn Kinder ins Spiel kommen. Es braucht mehr Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und Möglichkeiten, die Kinder unterzubringen, während man arbeitet. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz muss wachsen. „Außerdem ist es in Deutschland ja immer noch so, dass es zwar Elternzeit gibt, aber die Frauen diese hauptsächlich nehmen und für lange Zeit aus dem Beruf aussteigen“, stellt Claudia Englbrecht vom Branchenverband BIO Deutschland fest. „Das sind grundsätzliche strukturelle Probleme, die Frauen von der Karriere abhalten“, so Englbrecht weiter. Den Mann fragt keiner, wie er Beruf und Familie vereinbart. Nur wenn Männer mehr eingebunden werden in die Kinderbetreuung, Elternzeit nehmen und den Frauen mehr Last abnehmen – dann wird für beide Partner Familie und Karriere möglich.

Zu den grundsätzlichen Problemen gehört sicher auch die wenig flexible Arbeitszeit-Gestaltung. So meint etwa Monika Conradt von Evotec, dass sie sich viel mehr Flexibilität vom Gesetzgeber wünscht, es solle viel stärker in Richtung Vertrauensarbeitszeit gehen und das Homeoffice unterstützt werden. „Insbesondere die jüngeren Kollegen heute arbeiten auch hervorragend im Coffee Shop, wo ist da das Problem?“, fragt sie.

Eine rosige Zukunft?

Unser Fazit: Wer Karriere machen will, dem stehen alle Wege offen. Achtgeben muss Frau nur bei der Unternehmenswahl: Firmen wählen, die unvoreingenommen sind, und Alpha-Männer-Hierarchien meiden. Ob Uni oder Industrie besser ist, konnten wir nicht klären, das kommt wahrscheinlich auch auf die individuellen Umstände an. Gründe für die wenigen Frauen in leitenden Positionen sind eher die biologischen Unterschiede bei der Familiengründung und, dass viele Frauen einfach nicht führen wollen. Für die Zukunft braucht es bessere Kinderbetreuung, mehr Akzeptanz für arbeitende Frauen mit Familie und flexiblere Arbeitszeiten inklusive Homeoffice.

In den nächsten Jahren werden die Karrierechancen für Frauen auf jeden Fall noch besser werden, prognostiziert HR-Leiterin Conradt. „Man muss erstmal die Erfahrung machen, dass es super klappt und zu einer Diversität führt, die wirklich Vorteile bringt. Alte Bilder im Kopf müssen weg!“

Karin Lauschke

Neben Vorurteilen hatte Meike Spiekermann noch mit ganz anderen Problemen in den Anfangstagen ihrer Firma mirdetect zu kämpfen. Darüber berichtet Karin Lauschke demnächst hier auf Laborjournal Online.

Foto: Pixabay/StartupStockPhotos



Letzte Änderungen: 16.01.2020

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