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Hartnäckigkeit wird belohnt

(30.01.2020) So war‘s bei Meike Spiekermann. Nach harten Jahren ohne Gehalt, ist ihre Firma mirdetect nun auf der Erfolgsspur. Angefangen hat alles mit ihrer Diplomarbeit.
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Meike Spiekermann (li.) mit Co-Geschäftsführerin Nina Winter

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Hodenkrebs trifft vor allem junge Männer zwischen 20 und 45 Jahren und durchkreuzt damit oft die Familienplanung. Zur Behandlung gehört eine Chemotherapie und die Entfernung des betroffenen Hodens. Regelmäßig muss danach jedoch kontrolliert werden, ob noch Krebszellen übrig geblieben sind. Und hier wird es schwierig und langwierig für die jungen Männer, denn bisherige Biomarker, die aus einer Kombination von drei Proteinen bestehen, schlagen nur bei 50 – 60 % von ihnen an. Daher ist die große Hoffnung vieler Urologen und Hodenkrebs-Patienten ein neuer Biomarker, der über 90 % der Fälle anzeigt, und vom Bremer Startup mirdetect entwickelt wird.

Den Grundstein dafür legte die heutige Geschäftsführerin Meike Spiekermann bereits vor fast 10 Jahren mit der Wahl ihres Diplomarbeits-Themas. Sie fing in der Arbeitsgruppe von Humangenetiker Gazanfer Belge an der Universität Bremen mit einem explorativen Ansatz an: Sind microRNAs ein besserer Biomarker für Hodenkrebs als die bisherige Kombination aus den drei Proteinen Alpha-Feto­protein, Humanes Chorion­gonadotropin und Lactat­dehydrogenase?

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Mehr als „Junk“

MicroRNAs sind kurze Abschnitte im Genom, die in RNA übersetzt werden und als komplementäre Sequenzen die Genexpression auf RNA-Ebene regeln. Was früher als „Junk DNA“ abgetan wurde, ist heute anerkannt als wichtiger Teil der Genregulation, etwa in der Zelldifferenzierung, aber auch gefürchtet als Mechanismus der Tumorentstehung. MicroRNAs liegen im Genom oft als Cluster vor, meist zwischen Genen oder in den Introns solcher, und es tummeln sich oft drei oder vier microRNAs in solch einem Cluster. Vor allem das Cluster miR-371-3 war bereits dafür bekannt, mit Hodenkrebs in Zusammenhang zu stehen.

Also begann die damalige Biologie-Studentin Meike Spiekermann, die microRNAs miR-371-3 als Biomarker für Hodenkrebs auszuloten. Dafür analysierte sie Serumproben von Hodenkrebs-Patienten vor und nach Entfernung des Tumors, und zwar mittels ganz normaler quantitativer RT-PCR (qPCR) mit Primern für die jeweilige microRNA. Die Proben bekamen die Bremer Forscher von Klaus-Peter Dieckmann vom Hodentumorzentrum West der Asklepios-Klinik Hamburg-Altona. Und tatsächlich, die microRNAs miR-371-3 waren deutlich erhöht in Patienten vor der Operation, im Vergleich zu Werten nach der Operation, oder gesunden Männern. Mit diesen vielversprechenden Ergebnissen hängte Spiekermann gleich noch eine Promotion dran, um den microRNAs genauer auf den Grund zu gehen.

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Patentiertes Verfahren

Zunächst ermittelte sie, dass eine microRNA des Clusters, nämlich miR-371, die besten Ergebnisse liefert. Dann machte sie sich an die technische Verfeinerung: solange die RNA-Extraktion und qPCR kontrolliert und standardisiert abläuft, stellte sie fest, ist es am besten, miR-371 ohne endogene Kontrolle zu messen (Anticancer Res, 35(1):117-21). Dieses Verfahren meldeten die Bremer zum Patent an, bevor sie mit klinischen Studien, in Zusammenarbeit mit Urologen aus ganz Europa, starteten, um den Marker in einer größeren Gruppe von Patienten zu testen. miR-371 zeigte über 90 % der Hodenkrebs-Fälle richtig an, und vor allem sank er verlässlich nach geglückter Entfernung des Tumors. „Eine solche Entdeckung konnten wir nicht ungenutzt lassen, wir mussten versuchen, diesen Biomarker für Patienten nutzbar zu machen“, erinnert sich Meike Spiekermann.

Zusammen mit ihrer Kollegin Nina Winter (heute Co-Geschäftsführerin), Arbeitsgruppenleiter Belge und dem Hamburger Urologen Diekmann machte sie sich an die Firmengründung von mirdetect, der Anfang eines steinigen Weges. „2016 haben wir die mirdetect GmbH gegründet und das Startkapital von über 50.000 Euro selbst eingebracht“, erinnert sich die Gründerin. Es folgten zwei Jahre ohne Gehalt, in der sich die beiden Gründerinnen mit Arbeitslosengeld über Wasser gehalten haben. Zwischenzeitlich hat Spiekermann sogar Regale im Drogeriemarkt eingeräumt, für wenigstens ein paar Groschen in der Tasche.

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Ein schwerer Kampf

Während der gesamten Zeit haben sie sich um Investoren bemüht, und all die Unterstützung von deutschen und europäischen Behörden bekommen, die diese für Startups in petto haben. Spiekermann erinnert sich: „Das war ein schwerer Kampf und wir hätten beinahe aufgegeben.“ Doch ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt, denn 2018 stieg der erste Investor endlich mit Geld ein. Danach folgten noch weitere und die Gründerinnen konnten sich endlich nicht nur selbst Gehalt zahlen, sondern auch Mitarbeiter einstellen. „Jetzt haben wir sechs Mitarbeiter und bald kommen noch zwei oder drei dazu,“ freut sich die Geschäftsführerin.

Noch heute bekommt Spiekermann leuchtende Augen, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Denn vor zehn Jahren hätte niemand für möglich gehalten, dass so etwas gelingen kann, und schon gar nicht in Bremen. „Mit einem Biologie-Studium in Bremen hatte man mir keine Chancen eingeräumt, auch nur einen Job als Biologin in der Umgebung zu finden. Aber während meiner ganzen Ausbildung bin ich dort geblieben und jetzt bin ich immer noch da!“, strahlt sie. Sie hat sich ihr eigenes Unternehmen geschaffen, das zwar mittlerweile in Bremerhaven sitzt, aber so weit weg ist das ja nicht.

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Wenn die Krankenkassen mitmachen

Vor Arbeit kann sich die junge Firmengründerin jedenfalls nicht retten, derzeit verhandelt sie mit Laboren und Kliniken, die ihren Test einsetzen wollen: „Der Test ist jetzt entwickelt, wird gerade zertifiziert und bald vermarktet. Allerdings funktioniert das Ganze nur, wenn der Test von den Krankenkassen erstattet wird“, erklärt Spiekermann. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen laufen daher.

Doch Spiekermann ist optimistisch und hat sogar schon Ideen für die Zukunft, denn bei Tests für Hodenkrebs soll es nicht bleiben. Der große Vorteil der microRNAs ist nämlich, dass sie von den Zellen direkt ins Blut abgegeben werden und dort lange stabil bleiben, um die Genexpression anderer Zellen zu regulieren. Damit sind sie aber auch für Forscher sehr einfach nachweisbar und ergeben die sehr hohe Sensitivität des mirdetect-Tests. Da die Forscher um Meike Spiekermann nun eine Methode entwickelt haben, microRNAs im Blut einfach zu quantifizieren, könnten sie diese auch auf andere Krebs-Biomarker ausweiten – sofern sie solche identifizieren können.

Karin Lauschke

Wie es anderen Frauen mit ihren Karrieren in der Biotech-Branche ergangen ist, beschreibt Karin Lauschke in ihrem Artikel „Man muss es aber auch wollen“.

Foto: Science4Life




Letzte Änderungen: 30.01.2020

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