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Kampf dem Zucker

(02.03.2020) Die Große Koalition hat 2018 eine Nationale Diabetes-Strategie zur Prävention und besseren Versorgung vereinbart. Noch ist sie nicht unter Dach und Fach.
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Laborjournal sprach mit der Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft Monika Kellerer sowie mit Christa Scheidt-Nave von der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts.

Wozu brauchen wir eine Nationale Diabetes-Strategie? Gibt es nicht genug Programme für Diabetiker, zum Beispiel von den Krankenkassen?
Kellerer: Disease-Management Programme für chronisch Kranke ersetzen keine umfassende Nationale Diabetes-Strategie. Letztere hat zwei wesentliche Ziele: Prävention zur Eindämmung der steigenden Zahl an Neuerkrankungen und Gewährleistung einer optimalen Versorgung im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel. In Deutschland leiden derzeit etwa sieben Millionen Menschen an Diabetes. Im Rahmen einer nationalen Strategie müssen wir dafür sorgen, dass es auch in strukturschwachen Regionen genügend Spezialisten und Ärzte für diese Menschen gibt. Leider sind für die Ausbildung in Diabetologie nur noch sieben Lehrstühle an den Universitäten in Deutschland vorhanden. Uns fehlt daher massiv der ärztliche Nachwuchs.

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Welchen Verbesserungsbedarf gibt es bei der Versorgung von Diabetikern?
Kellerer: In Pflegeheimen gibt es momentan zu wenig diabetologische Expertise. 30% der Menschen in Pflegeheimen haben Diabetes. Verwenden sie eine Insulinpumpe, wird diese oft abgeschafft, da das Pflegeheim-Personal damit nicht umgehen kann. Durch die Möglichkeit der kontinuierlichen Glucose-Messung, die Verfügbarkeit von Insulin-Abgabesystemen bis hin zum künstlichen Pankreas wird die Versorgung von Diabetes-Patienten zunehmend technischer und komplexer. Es werden daher in Zukunft mehr Diabetes-qualifizierte Berufe gebraucht. Generell wünschen wir uns mehr Daten aus der Versorgungsforschung und eine bessere digitale Vernetzung, damit wir noch mehr über die Erkrankung lernen, um sie noch besser behandeln zu können. Dazu könnte auch die elektronische Patientenakte beitragen. Außerdem fordern wir Diabetes-Fachbeiräte in allen Bundesländern, damit es einen Austausch gibt zwischen Politkern, Gesetzgebern, Betroffenen und den jeweiligen Versorgern und Experten.
Scheidt-Nave: Bei der Entwicklung einer Nationalen Diabetes-Strategie sollte die Expertise aller Akteure einbezogen werden. Der Erfolg der gewählten Strategien sollte zudem wissenschaftlich evaluiert werden, und die Interessen der betroffenen Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, nicht nur ihre Laborwerte.

Monika Kellerer (links) und Christa Scheidt-Nave 
Fotos: DDG/Deckbar (Kellerer) & privat (Scheidt-Nave)

Welche Erkenntnisse liefert uns die Epidemiologie bisher?
Scheidt-Nave: Am Robert-Koch-Institut (RKI) bauen wir derzeit eine nationale Diabetes-Surveillance auf, das heißt, wir erheben und analysieren auf Basis aller verfügbaren Quellen regelmäßig Daten zum Vorkommen von Diabetes, zu wichtigen Risikofaktoren sowie zu Begleit- und Folgeerkrankungen. An Diabetes Erkrankte haben im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne die Erkrankung auch heute noch eine reduzierte Lebenserwartung. Vor allem ist die noch zu erwartende gesunde Lebenszeit bei Vorliegen eines Diabetes je nach Altersgruppe um bis zu zwölf Jahre geringer. Epidemiologische Prognosemodelle zeigen, dass die Anzahl der an Diabetes erkrankten Personen zukünftig weiter steigen wird. Die Alterung der Bevölkerung und der bislang beobachtete Rückgang der Sterblichkeit an Diabetes tragen hierzu bei. Wie stark der Anstieg ausfällt, wird aber in erster Linie durch die Zahl der Neuerkrankungen bestimmt werden. Bei den Neuerkrankungen müssen wir ansetzen und Prävention betreiben. Neben den individuellen Risikofaktoren wie Zuckerkonsum, Fettleibigkeit, mangelnde Bewegung müssen wir auch Lebensweltfaktoren wie Schichtdienst, Wohnumgebung, Luftverschmutzung, Lärm und Stress einbeziehen. Hier werden wir in der 2. Projektphase bis Ende 2021 einen Schwerpunkt setzen.

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Welche Daten liegen zu den Neuerkrankungen vor?
Scheidt-Nave: In Deutschland erkranken derzeit jährlich etwa 500.000 Personen neu an Diabetes. Es gibt erste Hinweise darauf, dass die Neuerkrankungsraten stagnieren oder sogar leicht zurückgehen. Dieses Phänomen beobachten wir auch in anderen wohlhabenden Ländern, zum Beispiel Finnland, Schottland, Schweden und USA. Hier wird möglicherweise sichtbar, dass in den letzten 20 Jahren viel für eine verbesserte Diagnose und Früherkennung von Diabetes getan worden ist. So zeigen Analysen von Daten der bundesweiten Gesundheitsstudien des RKI, dass die Häufigkeit des diagnostizierten Diabetes in Deutschland zwischen 1998 und 2010 deutlich zugenommen hat, aber auch mehr Diabetesfälle erkannt wurden, und der Anteil unerkannter Diabetesfälle entsprechend abgenommen hat. Die epidemiologische Entwicklung von Diabetes mellitus in Deutschland engmaschig weiter zu analysieren, ist eine zentrale Aufgabe der Diabetes-Surveillance. Auf der Grundlage dieser Daten können wir dann wissenschaftlich fundierte Empfehlungen aussprechen.

Bis 2040 soll die Zahl der Diabetiker nach Modellen des RKI auf über 10 Millionen zunehmen. Woran liegt das? Leben wir wirklich so ungesund?
Kellerer: Letzteres ist leider ein Teil der Wahrheit; eine ungesunde Lebensweise führt definitiv zu mehr Neuerkrankungen. Menschen mit Diabetes werden aber auch älter, weil wir heute bessere Behandlungsmöglichkeiten haben.

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Soll man nun die Menschen zu einer gesünderen Lebensweise zwingen?
Kellerer: Wir denken, dass man ihnen die gesündere Wahl erleichtern sollte. Wir haben uns sehr für die Lebensmittel-Kennzeichnung mithilfe des Nutriscores eingesetzt. Wir hätten uns eine verbindliche statt einer freiwilligen Kennzeichnung gewünscht. Wir sind auch für eine „gesunde Mehrwertsteuer“, die hoch-zuckerhaltige Getränke und ungesunde, energiedicht verarbeitete Lebensmittel höher besteuert und gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer befreit. In Großbritannien beispielsweise hat die Zuckersteuer auf gesüßte Getränke bereits zu einer Senkung des Zuckergehalts geführt. Der Verzicht auf gesüßte Getränke kann im Laufe eines Jahres mehrere Kilogramm Körpergewicht einsparen.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft spricht sich ja für eine gesündere Ernährung, mehr Bewegung und ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel bei Kindern aus. Allerdings leiden Kinder mit Diabetes eher unter Diabetes Typ 1, einer Autoimmunerkrankung. Müsste man nicht eher die älteren Menschen ansprechen?
Kellerer: Unsere Nahrungs- und Getränkevorlieben werden bereits im Kindesalter geprägt. Wer sich schon in der Kindheit ungesund ernährt, wird dies vermutlich auch in seinem weiteren Leben tun. Der Typ-1-Diabetes ist, wie Sie richtig bemerken, eine Autoimmunerkrankung und deshalb nicht in dem Maße wie der Typ 2 durch die Ernährung beeinflussbar. Wir möchten aber darauf hinwirken, dass die künftigen Generationen im Laufe ihres Lebens von Typ-2-Diabetes verschont bleiben. Im Alter fällt die Prävention teilweise schwerer, da zum Beispiel die Beweglichkeit aufgrund von Arthrose eingeschränkt ist oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen. Ältere lagern Fett auch eher im Bauchinnenraum um das Darmnetz und in der Leber ein, was die Entstehung von Diabetes in besonderem Maße begünstigt. Auch für Ältere wäre es daher gut, sich gesund zu ernähren und nicht zu viel gezuckerte Getränke zu sich zu nehmen, aber die Weichen werden doch in Kindheit und Jugend gestellt.

Die Fragen stellte Bettina Dupont

Foto: Pixabay/feelphotoz


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Letzte Änderungen: 02.03.2020

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