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Die ersten Schritte

(12.05.2020) Forschungsinstitute arbeiten im Notfallbetrieb, bieten Hilfe an oder forschen selbst an SARS-CoV-2. Eine Moment­aufnahme von den Anfängen der Pandemie.
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Es klickt leise, als Ada Cavalcanti den rot leuchtenden Knopf der Mehrfach­steckdose hinter dem Fluoreszenz-Mikroskop drückt und damit die Strom­zufuhr abstellt. Es ist das letzte Gerät, welches die Biophysikerin an diesem Tag ausschaltet. Es ist der 17. März 2020. Das Max-Planck-Institut (MPI) für medizinische Forschung in Heidelberg bereitet den kompletten Shutdown vor. Ein Mitarbeiter ist auf SARS-CoV-2 positiv getestet worden.

Cavalcanti ist Arbeits­gruppenleiterin in der Abteilung Zelluläre Biophysik von Joachim Spatz. Als gebürtige Italienerin hat sie die Situation in Deutschland mit böser Vorahnung begleitet. Nun steht sie im Mikrosko­pierraum und schaltet das Licht aus. „Sei nicht traurig“, versucht eine Kollegin die Stimmung aufzuheitern. „Stell dir einfach vor, es ist kurz vor Weihnachten und wir bereiten das Labor auf die Feiertage vor.“ Aber es ist nicht Weihnachten. Die Welt befindet sich im Ausnahme­zustand.

Komplett geschlossen

Das MPI für medizinische Forschung in Heidelberg und das MPI für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden gehören zu den ersten Forschungs­einrichtungen in Deutschland, die Mitte März ihre Institute komplett schließen. Gearbeitet wird vollständig virtuell, ein Notbetrieb kümmert sich um essenzielle Aufgaben. „Etwa dreimal die Woche schaut ein Mitarbeiter in unserem Labor am MPI in Heidelberg vorbei und sieht nach dem Rechten“, berichtet Cavalcanti über die Arbeit des von der Abteilung organisierten Emergency Staff. „Für die Zellkultur haben wir beispiels­weise Kühlgeräte, bei denen geprüft werden muss, ob sie noch ausreichend flüssigen Stickstoff haben.“

Cavalcanti und ihre Kollegen am Heidelberger MPI erhalten am Abend vor dem 17. März von der Institutsleitung eine Ankündigung per E-Mail für den Shutdown. „Wir haben so weit wie möglich versucht, Experimente abzuschließen oder die Zellkulturen einzufrieren“, berichtet die Biophysikerin. „Die Zeit war leider zu kurz, sodass wir ein paar Projekte abbrechen und Zellen wegschmeißen mussten. Aber wir haben versucht zu retten, was zu retten war.“

Stille Labors

Das Dresdener MPI ist im März ebenfalls für zwei Wochen komplett geschlossen. Auch hier organisiert eine zentrale Task Force bestehend aus 18 Mitarbeitern den Notfalldienst. Sie rekrutieren gegebenen­falls zusätzlich Mitarbeiter, die sich um die Kernaufgaben am Institut kümmern – aber nur unter strengen Abstands­regelungen und mit limitierter Personen­anzahl im Gebäude. „Die Max-Planck-Gesellschaft hatte schon Anfang März den Mitarbeitern an den Instituten nahegelegt, sie sollten ihre Arbeit wenn möglich im Homeoffice erledigen“, berichtet die leitende Presse­sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) Christina Beck. Anfang April sind dann in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz die Forschungs­einrichtungen in ihrem Forschungs­betrieb eingeschränkt. Es ist still geworden in den Labors und Büros.

Konferenzen finden ausschließlich virtuell statt. Über Skype, Zoom oder andere Video-Konferenz-Softwares treffen sich die Mitarbeiter zu Lab Meetings, Journal Clubs oder Einzelgesprächen. Aber auch ganze Instituts­konferenzen finden online statt. Am MPI für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden treffen sich zweimal wöchentlich alle Mitarbeiter in einem Zoom-Meeting – das sind über 300 Teilnehmer, wie Betriebsleiter Ivan Baines Ende März auf Anfrage berichtet.

Auch Biophysikerin Cavalcanti arbeitet im Homeoffice. „Viele trösten sich zu Hause mit Paper schreiben, recherchieren oder werten Daten aus“, sagt sie. „Ich habe mir extra ein paar Ordner aus dem Büro mitgenommen, um daheim mehr Zeit zu finden, in Vergessenheit geratene Ideen oder Forschungs­projekte neu zu beleben – aber das funktioniert kaum. Ich bin momentan zu sehr damit beschäftigt, die Arbeit meiner Gruppe zu organisieren und mich aus der Ferne um meine Mitarbeiter zu kümmern.“

Vom Protein- zum Virusforscher

Während also fast alle Institute im deutschsprachigen Raum im März ihren eigenen Forschungsbetrieb runterfahren, stellen viele Wissenschaftler ihr „Programm“ auf die Erforschung von SARS-CoV-2 um. Einer von ihnen ist Erich Wanker. Eigentlich widmet sich der Protein­forscher am Max-Delbrück-Centrum (MDC) für Molekulare Medizin in Berlin der proteinbasierten Untersuchung neuro­degenerativer Erkrankungen. Nun hat er ein Corona­virus-Projekt gestartet. Wanker hat dabei ein Protein im Visier, das bei der Replikation und Virus-Assem­blierung eine große Rolle spielt. „Wir erhoffen uns, bei der Entwicklung eines Medikaments beteiligt zu sein, das speziell auf die viralen Protein-Protein-Interaktionen geht.“

Wanker gehört damit zu einer Vielzahl von Wissen­schaftlern, die nicht nur am MDC, sondern deutschland-, österreich- und schweizweit die Erforschung von SARS-CoV-2 aufgenommen haben. Das Leibniz-Institut schickt Anfang April auf Nachfrage eine Liste mit sechs Instituten, die bereits an Coronaviren forschen, Task Forces sprießen wie Pilze aus den Böden der Forschungs­institute und fast täglich schneien Pressemeldungen in die Laborjournal-Redaktion mit neuen Coronavirus-Projekten. Wer nicht selbst die Erforschung in die Hand nehmen kann, stellt dennoch gerne seine Expertise oder Technologien zur Verfügung (LJ berichtete).

„Es ist eine Phase der Kollegialität und des Austausches innerhalb bestimmter Kooperationen“, meint Wanker und betont, dass diese Faktoren auch vor der Pandemie gut sichtbar gewesen seien. „Jetzt geht das alles aber sehr schnell und dennoch effizient.“ Hoffentlich mit baldigem Erfolg.

Juliet Merz

Bild: Juliet Merz

Anm. d. Red.: In der Originalversion des Textes heißt es, das Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg habe den kompletten Shutdown aufgrund von zwei SARS-CoV-2-Fällen vorbereitet – das ist nicht korrekt; es gab laut Stellungnahme damals nur eine bestätigte Coronavirus-Infektion. Die entsprechende Textstelle wurde korrigiert.

Dieser Artikel wurde für unsere Webseite stark gekürzt. Den ausführlichen Text können Sie im aktuellen Heft (5-2020) lesen.







Letzte Änderungen: 12.05.2020

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