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Fehlerfortpflanzung

(16.10.2020) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Mit jedem Negativ-Paper, das zu lange zurückgehalten wird, rauscht womöglich eine Doktorandin in die Sackgasse. 
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Irgendwann im  Laufe unseres Gesprächs begann Specht von seiner Doktorandin zu erzählen:…

„… Das ist schlichtweg eine Katastrophe, was ihr passiert ist. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Zwei Sommer und ein Winter ihrer Dissertation sind völlig den Bach runter... Klar, wir wissen jetzt wenigstens, warum es bei ihren Experimenten so lange hakte. Aber ein Trost ist ihr das sicher nicht.“

„Äh…, jetzt hast du mich neugierig gemacht. Was genau ist ihr denn passiert?“

Specht seufzte tief auf: „Ach ja, weißt du – zu Beginn ihrer Dissertation hatten wir eine wirklich attraktive Hypothese aufgestellt, die wir maßgeblich aus den Ergebnissen und Schlussfolgerungen einer bestimmten Arbeit entwickelt hatten. Die Autoren hatten darin eine sehr interessante Chromatinstruktur vorgestellt, die sich aber nur unter ganz bestimmten Umständen bildet. Und jetzt haben wir vergangene Woche erfahren, dass die Schlussfolgerungen des Artikels falsch waren und diese Strukturen in lebenden Zellen offensichtlich nie existieren. Vielmehr entstehen sie allerhöchstens als Präparationsartefakt. Und unsere gesamte Hypothese zerbröselte damit von einem Moment auf den anderen zu Staub.“

„Aber deine Doktorandin muss doch über die ganze Zeit neue Daten erhalten haben. Gab es da nie einen Verdacht?“

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Schlichtweg ein Artefakt

„Natürlich hat sie Daten gemacht, jede Menge sogar. Aber wenn man ehrlich ist, waren sie nie glasklar. Gleichzeitig waren sie aber auch nicht so schlecht, dass wir uns uneingeschränkt von unserer Hypothese hätten verabschieden müssen. Die Daten lagen immer irgendwie dazwischen – so wie es doch oft bei Experimenten läuft. Kurzum: Es war zwar schwierig, aber meine Doktorandin und ich waren irgendwie immer noch optimistisch und motiviert. Bis…“

„…Bis zu diesem einen entscheidenden Experiment, das euch die Augen endgültig öffnete“, beendete ich seinen Satz.

„Nein, es war schlimmer! Ich war letzte Woche bei Professor Schwarzkopf zu einem Vortrag eingeladen und sprach über ein ganz ähnliches Thema. Am Abend wollte ich dann die Gelegenheit nutzen, um ihm unsere Hypothese zu erklären und ihn nach seiner Meinung zu fragen. Doch schon nach wenigen Minuten starrte er mich entsetzt an. Und dann offenbarte er mir, dass die Ergebnisse der erwähnten Arbeit, auf der alles aufbaute, schlichtweg ein Artefakt seien…“

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Nur negative Ergebnisse

„Na ja, da könnte ja jeder kommen…“

„Nein“, unterbrach mich Specht sofort wieder. „Es ist völlig anders. Schwarzkopf erzählte mir, dass seine Gruppe einige Ergebnisse erhalten hatte, die sie mit der vorgeschlagenen Struktur partout nicht in Einklang bringen konnten. Also beschlossen sie irgendwann, der Sache auf den Grund zu gehen, indem sie die veröffentlichte Struktur mit eigenen Experimenten überprüften. Und im Zuge dessen kamen sie schließlich drauf: Die Autoren hatten einen verzwickten, aber entscheidenden Fehler gemacht, der dazu führte, dass sich das gesamte Strukturmodell am Ende als völlig falsch herausstellte.“

„Großartig“, zischte ich sarkastisch. „Aber das hätten sie doch mitteilen müssen. Deiner Doktorandin wäre so viel Ärger erspart geblieben.“

„Sicher“, stimmte Specht zu. „Und natürlich wollte Schwarzkopf die Ergebnisse auch sofort veröffentlichen. Der springende Punkt war jedoch, dass sie keine positiven Daten hatten, wie die Struktur stattdessen hätte aussehen können. Sie hatten nur negative Ergebnisse. Und deshalb haben sie das Ganze bis heute nicht in einem Peer-Review-Journal veröffentlichen können. Was schlimm genug ist – aber es kommt noch blöder: Schwarzkopf hatte das Manuskript davon unbeeinflusst gleich auf einen dieser Preprint-Server gestellt. Aber zu unserer eigenen Schande haben wir es dort nicht entdeckt, da wir nur in PubMed und Scopus nach neuen Veröffentlichungen screenen.“

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Zu spät für die Doktorandin

„Auweia, wirklich dumm gelaufen. Aber abgesehen davon ist es doch einfach unglaublich, dass die meisten Editoren sich immer noch wie die Aale winden, wenn sie Manuskripte mit negativen Resultaten bekommen – vor allem, wenn sie damit bereits publizierte Paper widerlegen.“

„Ja, das ist wohl tatsächlich immer noch so. Schwarzkopf erzählte jedenfalls, dass er tatsächlich einen Editor nach dem anderen von der Veröffentlichung seiner Widerlegung zu überzeugen versuchte. Die Antwort war jedes Mal dieselbe: „Fügen Sie ein paar ‚positive‘ Ergebnisse hinzu, und wir schicken das Manuskript sofort zum Peer Review.“

„Und das macht er jetzt? Er fügt ‚positive‘ Ergebnisse hinzu?“

„Auf keinen Fall, er hat auch seinen Stolz! Er hat jetzt endlich eine kleinere Zeitschrift gefunden, die jetzt das reine Negativ-Paper veröffentlichen wird.“

„Zu spät für deine Doktorandin“, brummte ich.

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„Ja, leider! Aber ich bin sicher, dass ihr Fall kein Einzelfall ist. Wahrscheinlich kommt sowas sogar noch häufiger vor, als man annehmen würde: Dass Doktoranden durch eine fehlerhafte Arbeit in eine Sackgasse getrieben werden. Dabei wäre es so leicht zu verhindern: Wenn sich negative Ergebnisse nur etwas reibungsloser veröffentlichen ließen, könnten viele ähnliche Katastrophen sicher rechtzeitig abgewendet werden.“

Ralf Neumann

(„Forscher Ernst“ wird gezeichnet von Rafael Florés. Hier gibt's mehr von ihm.)

 

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)

 

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Letzte Änderungen: 09.10.2020

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