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Bossy Bosses

(22.01.2021) Aus unserer Reihe 'Anekdoten aus dem Forscherleben': Wie ein Prof lernte, dass er mit Autorität dem Erfolg seiner Studenten eher im Weg steht.
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Kaum war Professor Klugmeier in den Kühlraum eingetreten, wusste er schon gar nicht mehr, was er dort überhaupt wollte. Jedenfalls wollte er gerade wieder umdrehen, als er bemerkte, dass in der gegenüberliegenden Ecke des großen Raumes sein junger Doktorand Keck damit beschäftigt war, eine Reihe von Proben in eine komplizierte Maschine zu befördern. Eine Weile lang beobachtete er ihn schweigend und versuchte zu erraten, was in aller Welt er dort eigentlich tat.

Klugmeier fiel ein, dass er sich zuletzt mit ihm über Bindungs-Assays unterhalten hatte – und dass er ihm am Ende gesagt hatte, er solle eine bestimmte Serie solcher Bindungs-Assays durchführen. Was er aber hier und jetzt tat, war definitiv kein Bindungsassay, wie Klugmeier verwirrt feststellte.

Ein paar Minuten später drückte Keck mit einem tiefen Atemzug schließlich den Startknopf. Klugmeier wartete noch eine kurze Weile, bevor er sich bewegte. Sofort drehte sich Keck erschrocken um: „Oh, äh... hallo, Herr Professor. Was machen Sie denn hier in dieser dunklen Kälte?“

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KEINE EFFEKTE BISHER

Klugmeier blieb die Antwort auf diese Frage schuldig. Stattdessen fragte er mit der unschuldigsten Stimme, die er hervorbringen konnte: „Gibt es zufällig Neuigkeiten zu deinen Bindungsversuchen?“

Keck rollte mit den Augen: „Ja, ich bin fast fertig mit den Versuchen, die Sie vorgeschlagen haben. Aber keine Effekte bis jetzt.“

„Keine Effekte“, wiederholte Klugmeier ein wenig dümmlich. „Hmm, ich werde später darüber nachdenken, wenn ich wieder im Warmen bin. Aber sagen Sie mir: ... Diese Maschine, die Sie da gerade mit Ihren Proben geladen haben – die braucht man doch definitiv nicht für Bindungs-Assays, oder?“ 

„Nein“, lautete Kecks kurze Antwort.

Klugmeier wartete auf eine weitere Erklärung, aber Keck starrte ihn mit seinen dunklen, glitzernden Augen nur schweigend an.

„Hrrm“, räusperte sich Klugmeier schließlich. „Vielleicht wären Sie so freundlich, mir zu erklären, was Sie da eigentlich tun.“ 

„Ich versuche einen anderen Ansatz“, antwortete Keck kryptisch.

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HAT MAN SICH FESTGEFAHREN, MUSS MAN EINEN NEUEN WEG SUCHEN

„Eine andere Herangehensweise... Schön, schön! ...“ Klugmeier kratzte sich ungeduldig am Ohr. „Kommen Sie schon, Keck! Ein bisschen mehr bitte! Oder sind Sie der Meinung, ich brauche nichts darüber wissen, was meine Studenten in meinem Labor mit meinen Fördergeldern machen?"

„Ich versuche, das Bindungsprotein zu reinigen“, antwortete Keck. Seine Stimme blieb immer noch aufreizend ruhig, aber seine dunklen Augen schienen kleine helle Blitze auszusenden.

„Das Bindungsprotein reinigen?“ Offenbar schien Klugmeier langsam in eine Art Papageien-Modus zu verfallen. „Hatten wir uns beide nicht darauf geeinigt, dass wir am ehesten etwas über den Signalmechanismus erfahren würden, wenn wir die Bindungsaktivität des Extrakts unter verschiedensten Bedingungen untersuchen? Schließlich kommt es am Ende auf die funktionellen Mechanismen an, nicht auf einzelne Proteine!“

„Richtig.“ Keck lockerte seinen Blick. „Und deswegen habe ich in letzter Zeit tonnenweise Bindungsversuche gemacht, bin aber keinen einzigen Schritt weitergekommen. Glauben Sie mir, Herr Professor, mit diesem Ansatz kommen wir nicht weiter! ‚Try the same but harder’ war noch nie eine erfolgversprechende Strategie in der Wissenschaft. Wenn man sich festgefahren hat, muss man umdrehen und einen neuen Weg versuchen.“

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"BITTE, LASSEN SIE MICH WEITERMACHEN!"

„Sie reinigen also das Bindungsprotein.“ Jetzt steckte Klugmeier definitiv im Dummer-Papagei-Modus fest.

„Ja. Nicht umsonst sagen Proteinexperten ‚Structure follows Function'. Bitte, lassen Sie mich das Bindungsprotein aufreinigen und seine Struktur studieren! Ich bin sicher, dass wir wertvolle Hinweise darauf bekommen, welche Art Signalmechanismus es anstößt.“

„Und das machen Sie gerade hier und jetzt: das Bindungsprotein aufreinigen?“ Klugmeier schaffte tatsächlich eine Wiederholung der Wiederholung. 

„Ganz genau. Ich weiß, ich hätte Ihnen das früher sagen sollen – aber mal ehrlich, Sie hätten meinen Vorschlag doch von Anfang an abgeschmettert. Also dachte ich, ich könnte Sie vielleicht besser überzeugen, wenn ich schon ein paar vielversprechende erste Ergebnisse vorweisen könnte. Jetzt zu diesem frühen Zeitpunkt kann ich leider noch nicht viel vorzeigen... aber dennoch habe ich das starke Gefühl, dass dieser Ansatz tatsächlich funktionieren wird. Kommen Sie, Herr Professor, lassen Sie mich bitte weitermachen!"

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PLÖTZLICH MACHTE ES "KLICK"

Noch nie hatte ein Student so mit Klugmeier gesprochen – und damit letztlich deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sein eigener Ansatz ein Schuss in den Ofen sei. Aber irgendetwas musste in diesem Moment innerlich „Klick“ bei ihm gemacht haben. Jedenfalls traute er fast seinen eigenen Ohren nicht, als er Keck tatsächlich zustimmte: „Okay, klingt vernünftig. Machen Sie weiter damit! Aber halten Sie mich bitte auf dem Laufenden."

Später sollte Klugmeier sich erinnern, dass dies für ihn eine Art Schlüsselmoment war. Von da ab verstand er immer besser, dass es nicht darum ging, den Studenten gegenüber immer und überall seine Überlegenheit zu demonstrieren, damit sie nicht den Respekt vor ihm verlören. Ganz im Gegenteil – er begriff zunehmend, dass es vielmehr zur höchsten Pflicht als Professor und Supervisor gehörte, seinen Studenten nicht nur zu erlauben, sondern sie sogar aktiv zu ermutigen, ihren eigenen Ideen und Vorstellungen zu folgen. Natürlich mochten sie hier und da scheitern – aber am Ende dürfte es sie zu besseren Wissenschaftlern machen.

Keck enträtselte übrigens anschließend den gesamten In Frage stehenden Signalmechanismus, indem er seinem instinktiven Ansatz folgte. Und am Ende verließ er Klugmeiers Gruppe als einer der besten Studenten, die er je hatte.

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Epilog:

Vor drei Wochen traf Klugmeier den schon länger zum Professor aufgestiegenen Keck auf einem Fachkongress, wo er ihm erzählte, wie es in seiner Gruppe so läuft. Und mit großem Erstaunen stellte Klugmeier fest, dass dieser sich inzwischen ganz offensichtlich selbst zu einem derartigen „Bossy-Boss“-Professor entwickelt hatte, wie er es selber in seinen Anfangsjahren war.

Der „Kühlraum-Diskurs“ von damals taugte offenbar nur aus Klugmeiers Perspektive zum Schlüsselerlebnis.

Ralf Neumann

(Illustr.: AdobeStock / Good Studio)

 

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)

 

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Letzte Änderungen: 22.01.2021

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