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Netzwerk-Blues

(26.03.2021) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Manche Forscher funktionieren alleine einfach besser als in großen Forschungs-Netzwerken.
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Das klassische Klischee eines Wissenschaftlers ist eigentlich das eines Einzelgängers. Man denke zum Beispiel an Gregor Mendel, Barbara McClintock oder auch Kary Mullis – so verschieden sie als Persönlichkeiten waren, ihre großen Erkenntnisse entwickelten sie weitgehend alleine.

In den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Bild jedoch deutlich verschoben. Mehr und mehr Fragen erweisen sich nur durch große interdisziplinäre Anstrengungen als lösbar. Und entsprechend fanden sich immer mehr und immer größere interdisziplinäre Forscher-Netzwerke zusammen. Natürlich ist das völlig in Ordnung, zumal man mittlerweile ja tatsächlich oftmals keine andere Wahl hat. Man definiert ein Problem und stellt fest, dass man zu dessen Lösung die Expertise aus mehreren verschiedenen Disziplinen braucht – also zieht man los und sucht die notwendigen Expertenteams für ein solches Netzwerk zusammen...

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Ein neues Mantra

Gute Sache! Doch falls Sie in der engeren Wahl für solch ein Netzwerk sind, sollten Ihnen gewisse Dinge von vorneherein klar sein. Zum Beispiel, dass Sie gefühlt jeden Monat eine Netzwerk-Sitzung hinter sich bringen müssen, in denen immer nur eine Person redet, während der Rest gezwungen ist zuzuhören – oder schlummert. Oder dass Sie zig Tage im Monat damit verbringen werden, Berichte, Anträge und andere administrative Dokumente für das Netzwerk zu schreiben. (Und dies alles, wo Sie doch viel lieber in Ihrem Labor wären und echte Experimente machen würden. Schließlich wollten Sie ja deshalb Wissenschaftler werden, oder?)

Ihr neues Mantra wird also: „Ich alleine bin nicht wichtig, ich tue das zum Wohle des gesamten Projekts“. 

Allerdings ist dies nur eine Möglichkeit, wie Forschungs-Netzwerke entstehen. Die Chancen stehen gut, dass sie mehr und mehr über zielgerichtete Förderprogramme angeschoben werden – jetzt, nachdem die Politiker zunehmend erkannt haben, dass Netzwerke ein elegantes, effizientes und öffentlichkeitswirksames Mittel sind, um Forschung zu lenken. 

Was dann passiert, ist, dass mit den Fördergeldern umso mehr ... – nennen wir sie hier mal – „erzwungene Netzwerke“ eingerichtet werden. Das Problem bei dieser Art von „erzwungenen“ Forschungs-Netzwerken ist jedoch oft, dass die wenigsten von ihnen klar auf spezifische wissenschaftliche Fragen fokussiert sind. Vielmehr umfasst deren Ausschreibung häufig ganze Forschungsfelder auf eine sehr undefinierte Weise – beispielsweise „Krebs“, „Diabetes“ oder „Meeresbiotechnologie“. Und auf diese Weise werden manchmal auch Forscher, die sich nur am Rande mit diesen „großen Themen“ beschäftigen, dazu genötigt, plötzlich zu „Netzwerkern“ zu werden – obwohl sie im Kern ganz andere Interessen haben. 

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Monströse Förderanträge

Wie so etwas passieren kann und wohin es insbesondere führen kann, illustriert das folgende Telefongespräch mit einem alten Studienfreund, der damals eine sehr kleine, aber außerordentlich produktive Gruppe leitete. Das Gespräch verlief etwa folgendermaßen: 

„Und, wie läuft’s in der Forschung? Irgendwelche neuen Ergebnisse?“

„Eher bescheiden, in letzter Zeit haben sich die Dinge leider kaum bewegt.“

„Wie das?“

„Ich konnte zuletzt kaum noch Experimente durchführen. Muss gerade monströse Förderanträge schreiben.“

„Wie bitte?“

„Ja, einen für dieses große Rheuma-Netzwerk, das das Ministerium ausgeschrieben hat. Und dann noch mal einen für ein ähnliches europäisches Netzwerk.“ 

„Das klingt jetzt erstmal sehr medizinisch. Aber du bist doch immer noch Zellbiologe, oder?“

„Ja, natürlich bin ich das. Aber in den letzten Jahren habe ich versucht, spezielle Zell- und Gewebekulturen zu etablieren, mit denen man eventuell rheumatoide Arthritis erforschen kann.“

„Und deshalb passt du in die Netzwerke?“

„Na ja – ich glaube, nicht wirklich. Aber ich muss mich trotzdem bewerben.“

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Es gibt doch diese großen Netzwerke

„Warum das?“

„Ich habe keine Wahl. Wenn ich stattdessen versuche, nur mit meinem Projekt auf eigene Faust Fördergelder zu beantragen, werden sie mir sagen: ‚Es gibt doch gerade diese zwei großen Netzwerke mit jeder Menge Geld für diesen Bereich. Hier sind deswegen eigentlich keine Mittel mehr dafür vorgesehen. Sie müssen sich bei denen bewerben, nicht hier.’ Und so ist die Beantragung von Netzwerkgeld gerade meine einzige Option."

„Hmm, ich verstehe.“

„Das Schlimmste ist, dass die Antragsformulare für diese Netzwerke absolute Trümmer sind. Es dauert wochenlang, die Anträge fertigzustellen – Zeit, in der ich kaum experimentell arbeiten kann. Du weißt ja, ich mache selbst noch viel praktische Laborarbeit. Und in der Zwischenzeit sind mir die Konkurrenten immer mehr auf den Fersen..."

„Klingt nicht gut. Zumal das wohl auch bedeuten würde, dass du es in diesen Netzwerken viel stärker mit Forschern aus der klinischen Medizin zu tun haben würdest.“

„Ja. Und ich bin mir sicher, dass ich es hassen werde. Das ist einfach nicht meine Welt.“

Trauriges Stottern

Womit er sicher recht hatte. Es gab keinen Zweifel, dass mein alter Studienfreund ein ausgezeichneter Forscher war. Er war nicht einmal ein ausgewiesener, Team-scheuer Einzelgänger. Allerdings gehörte er klar zu derjenigen Spezies Wissenschaftler, die am besten funktioniert, wenn sie ungestört alleine denken und mit einer kleinen Gruppe arbeiten dürfen. Ein moderner „Netzwerker“ war er daher gewiss nicht. Und deshalb war es traurig zu sehen, wie seine Forschung von dieser „Netzwerk-Episode“ an zu stottern begann... 

Forschungs-Netzwerke erzeugen folglich nicht immer nur ausschließlich Synergien – manchmal sind auch Kollateralschäden dabei.

Ralf Neumann

(Foto: Pixabay)

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)

 

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Letzte Änderungen: 24.03.2021

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