Information 4
Information 5

Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

"Der Charité-Skandal" -- Es gehen Gerüchte, Forscher an der Charité hätten eine Unzahl von gefälschten Papern veröffentlicht. Höchste Stellen seien verwickelt, der Filz reiche bis nach Hamburg. Selbst Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsman der DFG, Kandidatin für das Präsidentenamt der Göttinger Universität, Ikone der deutschen Wissenschaftsethik, wurde angegriffen.

editorial_bild

Da biegt sich der (Fehler-)Balken

Folge 2: Der Krach

Zum Zerwürfnis kam es Ende Januar 2008. Nach Nicolai Savaskan ging es hauptsächlich um Autorenschaftsfragen. Kühbachers Chef Kyriakopolous und Kühbacher hätten als korrespondierende Autoren auftreten wollen, womit er, Savaskan, nicht einverstanden gewesen sei. Zudem habe er, Savaskan, den Biochemiker Hartmut Kühn ins Boot geholt, um dessen monoklonalen Antikörper gegen Phospholipid Hydroperoxid Glutathion Peroxidase (GPx4) benutzen zu können. Kühbacher habe das für unnötig gehalten. Auch hätten sich Kühbacher und Kyriakopolous gegen die Vorschläge Savaskans gewandt, weitere Experimente zu machen und das Manuskript von Mitgliedern des Schwerpunktprogramms Selenoproteine vorbegutachten zu lassen

 

Markus Kühbacher behauptet dagegen, er habe die Kooperation mit Savaskan nicht wegen Autorenschaftsfragen abgebrochen, sondern weil er den Eindruck hatte, dieser fälsche Daten. Savaskan habe in seinem Manuskript (4. Version von Ms1) Datenfälschungen vorgenommen, so daß die 5. Version von Ms1 fehlerhaft sei.

 

In der Tat hatte Kühbacher Savaskan am 31.1.08 eine Email geschickt in der zu lesen war: „Ungeachtet der Tatsache, daß Deine Korrekturen [die zur 5. Version des Ms1 führten, H.R.] sowohl fehlerhafte bzw. nicht existierende Daten, eine falsche Schlußfolgerung und eine Veränderung eines für die Einordnung der neuen Erkenntnisse maßgeblichen Zitates einer Arbeit meines Doktorvaters zum Inhalt hatten ...“ Der Email ist zwar auch zu entnehmen, daß Kühbacher korrespondierender Autor werden wollte, doch, so Kühbacher, habe er dies nur aus Mißtrauen gegenüber Savaskan gefordert. Er, Kühbacher, habe die Kontrolle über die Daten behalten wollen.

 

In einer späteren Email des gleichen Tages schreibt Kühbacher an Savaskan, daß das Vertrauensverhältnis „erheblich strapaziert“ worden sei. Er könne es nicht akzeptieren, daß Savaskan darauf bestehe, zwei Tierexperimente, die Jahre auseinander lägen, in einem zusammenzufassen. Er verzichte auf eine gemeinsame Veröffentlichung. „Keiner von uns darf zukünftig Daten, an deren Produktion der jeweils andere mitgewirkt hat, ohne dessen Zustimmung publizieren“, schrieb Kühbacher noch.

 

Anschließend vereinbarten Kyriakopoulos, Kühbacher und Savaskan, daß jeder seine Daten nehme und damit nach Belieben verfahre. Es scheint jedoch nicht festgelegt worden zu sein, wer Eigentümer welcher Daten ist.

 

Nicolai Savaskan ging hin, nahm seine eigenen Daten oder jedenfalls die, die er für eigene hielt, und schrieb ein Manuskript (Ms2), wobei er sich an Ms1 anlehnte und einzelne Passagen entnahm. Dieses Manuskript, Ms2, reichte er am 14.2.2008 mit der Autorenliste Ilker Eyüpoglu, Eric Hahnen, Hartmut Kühn und Nicolai Savaskan beim Journal of Neurochemistry zur Veröffentlichung ein.Eyüpoglu fungierte als Erstautor, Savaskan als Corresponding Author.

 

Figure 2Ms2, Figure 2

Im Ms2 geht es um Folgendes: Selen und Selenhaltige Proteine werden für die Funktion des Gehirns gebraucht, fehlt Selen in der Nahrung kommt es zu neurologischen Defiziten. Dementsprechend genießt das Gehirn eine privilegiert Selen-Aufnahme. Die Autoren haben nun das radioaktive 75Se in Ratten gespritzt und autoradiographisch den 75Selen-Einbau gemessen. Sie behaupten, Se werde in unterschiedliche Hirnregionen unterschiedlich eingebaut, insbesondere zeigten neuronenreiche Regionen hohen 75Se-Einbau. Die autoradiographischen Daten würden durch Microarray-Analysen und Selenoprotein Expressions Profile gestützt. Im Gegensatz zu Hirn zeige Hoden eine einheitliche 75Se-Verteilung. Se-Mangel Ernährung führe zu erhöhter 75Se-Aufnahme in allen Hirnregionen. Diese Erkenntnisse werden mit fünf Figuren belegt. Figur 1 zeigt die Wirkung einer Selenmangel Ernährung auf die 75Se Verteilung im Hirn. Zu sehen sind zwei Autoradiogramme von einer Se+ und einer Se- Ratte. Figur 2 zeigt die Analyse der 75Se-Verteilung im Hirn. Zu sehen ist das Autoradiogramm des Hirnhorizontalschnitts einer Se- Ratte und darunter (Figur 2C) in einer Balkengraphik die quantitative Auswertung für 10 Hirnregionen als Mittelwerte plusminus SD. Wieviele Schnitte analysiert wurden ist nicht angegeben. Figur 3 zeigt im wesentlichen das gleiche für Hoden, nur daß hier in der Balkengraphik keine SDs angegeben werden. Figur 4 beschreibt die Microarray Analyse der Selenoprotein Expression in Ratten Hippocampi. Es konnten 19 Selenoproteine identifiziert werden. In Figur 5 schließlich wurde die Selenoprotein Gen Expression in menschlichen und Ratten Hippocampi bestimmt. In Figur 5A mittels RT-PCR. Figur 5B zeigt eine GPx4 (ein Selenoprotein) Immunofärbung in einem Rattenhirnschnitt.

 

Ms2 ging an zwei Gutachter.

 

Gutachter 1 brachte sieben Kritikpunkte vor. Figur 1 zeige wenig was nicht auch Figur 2 zeige, Figur 2 sei verwirrend und es fehle die Zahl der verwendeten Ratten usw. Zudem sei unklar, welche Ratten welche Diät für wie lange erhalten hätten. Zur Erläuterung: In der Legende von Figur 2C, Ms2 wird vermerkt, die Balkengrafik gebe die 75Se Aktivität in 10 verschiedenen Hirnregionen an und zwar für Se- und Se+ Ratten. Die Werte von Se+ Ratten fehlen jedoch, obwohl sie in der entsprechenden Figur 3C von Ms1 noch angegeben waren. Offensichtlich hatte Savaskan vergessen, sie einzufügen.

 

Gutachter 2 stellte fest, daß Ms2 keine neuen Einsichten gebe und triviale Aussagen mache. Der Editor lehnte am 10.4.08 die Veröffentlichung ab und Savaskan verzichtete darauf, Ms2 bei anderen Zeitschriften einzureichen („habe das in die Tonne geschmissen“).

Ich gewann den Eindruck, daß Ms2 in großer Eile und schludrig zusammen geschrieben wurde. So steht in Material & Methoden die Hirne seien sagittal geschnitten worden. Der Augenschein zeigt jedoch, daß es sich in Figur 1 und 2 um horizontale Schnitte handeln muß. In der Legende zu Figur 2 ist das auch so vermerkt. Den Referees des J. Neurochem. fiel das nicht auf.

 

 

von Hubert Rehm

 

Als PDFs zum Download:

 

MS1 v4

MS1 v5

Ms2

Dalla Pu


Was bisher geschah:

Folge 1: Die Kontrahenten

 

Folge 2: Der Krach

 

Folge 3: Die Affäre eskaliert

 

Folge 4: Savaskan weist die Vorwürfe zurück

 

Folge 5: Nachforschungen des LJ-Reporters

 

Folge 6: Vermittlungsversuche

 

Folge 7: Der DFG-Ombudsman wird angerufen

 

Folge 8: Der Ombudsman fordert Unterlagen an

 

Folge 9: Der DFG-Ombudsman gibt an den DFG Ausschuß für Fehlverhalten ab

 

Folge 10: Kühbachers Generaluntersuchung

 

Folge 11: Frau Beisiegels Stellungnahme

 

Folge 12: Noch ein fehlerhaftes Paper: Das Nogo Paper

 

Folge 13: Juristische Nullnummer

 

Folge 14: Ein neuer Ermittler schaltet sich ein

 

Folge 15: Hugo Habicht widerspricht Adebar Storch!

 

Folge 16: Seltsame Endziffern

 

Folge 17: Zusammenfassung und Kommentar

 

Folge 18: Ergänzungen und Bemerkungen

 



Letzte Änderungen: 09.08.2010
Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2017 LJ-Verlag GmbH & Co. KG, Freiburg, f+r internet agentur, Freiburg,
sowie - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei den jeweiligen Autoren und Fotografen.