a_lj_ed_4_3
a_lj_ed_5_3
a_lj_ed_6_3
a_lj_ed_7_3
a_lj_ed_8_3
a_lj_ed_9_3

Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

"Der Charité-Skandal" (Folgen 1 und 2, Update vom 19. Februar 2010) -- Es gehen Gerüchte, Forscher an der Charité hätten eine Unzahl von gefälschten Papern veröffentlicht. Höchste Stellen seien verwickelt, der Filz reiche bis nach Hamburg. Selbst Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsman der DFG, Kandidatin für das Präsidentenamt der Göttinger Universität, Ikone der deutschen Wissenschaftsethik, wurde angegriffen.

editorial_bild

Da biegt sich der (Fehler-)Balken

Folge 3: Die Affäre eskaliert


Im Juni 2008 kam Savaskan, der inzwischen in Zürich forschte, zu Ohren, daß Kühbacher in Berlin bei den Coautoren Eyüpoglu, Hahnen und Kühn Vorwürfe gegen ihn erhebe: Savaskan habe in Ms2 Kühbachers Arbeiten plagiert und Daten gefälscht.

Kühbacher hat in der Tat derartige Vorwürfe erhoben. Er will jedoch zuvor versucht haben, Savaskan in Zürich anzurufen. Der sei jedoch nicht zu erreichen gewesen. Über die Coautoren, so Kühbacher, sei auch kein Kontakt zustande gekommen. Ende Mai 2008 habe er auch Savaskans Doktorvater Robert Nitsch telefonisch von Plagiat und Fälschung unterrichtet. Nitsch habe versprochen, Savaskan mit dem Sachverhalt zu konfrontieren.

Savaskan schrieb Kühbacher am 29.6.2008 eine Email, in der er die Vorwürfe zurückwies und Kühbacher bat, sich mit Beschwerden künftig direkt an ihn zu wenden. Am 3.7.2008 erhielten Savaskan und neun andere Forscher, darunter Martin Schwab, damals Savaskans Gastgeber, folgende Email von Kühbacher:

„Lieber Nicolai,
mehr als vier Wochen mußte ich auf eine Stellungnahme von Dir warten, nachdem ich sowohl Herrn Dr. Ilker Eyüpoglu, Herrn Dr. Eric Hahnen als auch Herrn Prof. Dr. Hartmut Kühn mit der Tatsache konfrontiert habe, daß sie als Erstautor bzw. als Co-Autor des Manuskriptes „Neurochemical imaging of selenium homeostasis in the brain under nutritional deficiency“ auftreten, das Du beim Journal of Neurochemistry als Corresponding Author zur Publikation eingereicht hast und das in großen Teilen als Plagiat eines von mir erstellten Manuskriptes bezeichnet werden muß in dem zudem n-Zahlen und von mir quantifizierte Daten gefälscht dargestellt wurden.“


Kühbachers Vorwürfe
In einem beigefügten siebenseitigen Anhang und gegenüber Laborjournal detaillierte Markus Kühbacher seine Vorwürfe. Das für die Versuche verwendete 75Se sei von ihm, Kühbacher, im Dezember 2001 naßchemisch aufbereitet und vom HMI in die Nuklearmedizin des Benjamin-Franklin Klinikums transportiert und dort vom Tierpfleger in Ratten injiziert worden. Er und der Tierpfleger hätten dann die Organe präpariert und schockgefroren. Danach sei er, Kühbacher, zur Anatomie gefahren, habe die Organe dort eingelagert und am folgenden Freitag/Samstag am Kryostaten geschnitten. Die Objekträger habe er mit Bleistift beschriftet und numeriert. Anschließend habe er zwei Stunden lang das Mikrotom gesäubert und den radioaktiven Abfall am HMI entsorgt. Dazu könne er Transportunterlagen vorweisen. Er, Kühbacher, habe also nie Organe an Savaskan weitergegeben, sondern immer selber präpariert. Savaskan habe lediglich seine, Kühbachers, unbehandelte Schnitte mit Röntgenfilm exponiert und die Filme entwickelt. Nach der Exposition habe Savaskan auch manche Schnitte mit Ethanol-Reihen fixiert und Nissl gefärbt. Er, Kühbacher, habe die Filme erst 2007 mit der Software Aida quantitativ ausgewertet. Die Objektträger seien im Institut für Anatomie der Charite geblieben.

Kühbacher wirft Savaskan zudem vor, im Ms1 eine video time lapse Beobachtung erfunden zu haben. Als Kühbacher das bemängelt habe, habe Savaskan gesagt: „Wenn ein Reviewer danach fragt, machen wir die Versuche halt noch.“

Des weiteren habe Savaskan in der Legende zu Figur 4D von Ms1 (5. Version) die Fallzahl von 1 auf 3 erhöht. In der Legende zu Figur 4D (5. Version Ms1) ist von drei radioaktiv markierten Ratten die Rede. Es wurde jedoch nur eine radioaktive Se- Ratte verwendet. Unter anderem diese Diskrepanz war, nach Kühbacher, der Anlaß zum Zerwürfnis mit Savaskan. Er habe in den vorhergehenden Versionen des Ms1 immer nur von einem Hodenschnitt einer Ratte geschrieben. Savaskan habe dies willkürlich auf drei geändert.

Des weiteren habe Savaskan die Aussage der Figur 5, Ms1 (in der 4. Version Ms1 Figuren 7 und 8) in Legende und Diskussion verändert. Figur 5, 5. Version Ms1, vergleicht die Hirnproteome der Se+ mit der Se- Ratte (Autoradiogramme von 2D-Gelen, quantitative Analyse einzelner Flecken). In der Legende der Figur 5, 5. Version Ms 1 steht:

„The blue arrows (numbered 1-12) indicate unique protein spots with are only present in selenium deficient brains. Protein spots which are identical in both groups independent of the selenium status are marked with red arrows. C, Quantification of 12 unique protein spots. Note that protein spots 1, 9 and 10 are significantly decreased under low selenium status, whereas the other unique spots show equal or increased amounts compared to wild type controls.“

Dazu in der Diskussion der 5. Version Ms 1:

„Proteomic analysis revealed 21 uniquely labeled selenoprotein spots solely present in selenium deficient brains and 4 unique selenoproteins which were mitigated under low selenium status. We further confirmed the down-regulation of GPx1 and GPx4 in neurons following Se deficiency. Thus, this study revealed a unique Se uptake pattern in neurons and identified candidate selenoproteins which are nutritionally regulated.”

Wenn Sie, lieber Leser, diese beiden Aussagen verwirrend finden, so geht es Ihnen nicht besser wie mir. In der Legende ist von 12 Flecken die Rede, die nur in Se- Hirnen auftauchen sollen, in der Diskussion von 21. Ein Zahlendreher? Möglich. Auf die Zahl 21 kommt man aber auch, wenn man die roten Pfeile im Se+ Autoradiogramm zählt, also jene Pfeile die auf Flecken deuten, die sowohl in Se+ als auch in Se- Hirnen auftauchen sollen. Zudem wurde in der Figur 5 die Molekulargewichtsreferenz des analytischen Se- Autoradiogramms verschoben. Des weiteren ist in der Legende von 3 Proteinen die Rede, die „are significantly decreased under low selenium status“ in der Diskussion aber von 4. In der Tat sind es vier (1,3,9,10) aber warum diese Abnahme signifikant sein soll bleibt bei der Abwesenheit von Fehlerbalken (es wurde ja nur jeweils ein Gel gefahren) das Geheimnis des Autors der 5. Version Ms1. Dieser Autor muß in fürchterlicher Eile gewesen sein oder beim Erstellen dieser Figur (sie wurde aus den Figuren 7 und 8 der 4. Version Ms1 zusammengeschustert) an Geistesabwesenheit gelitten haben.

Kühbacher versichert, der Sachverhalt sei in seinem Original (4. Version Ms1) völlig anders dargestellt worden. Savaskan habe seine, Kühbachers, Aussage verdreht. Ganz abgesehen von obigen Flüchtigkeitsfehlern könne man den Daten nicht entnehmen, daß bestimmte Proteine nur in der Se- Ratte exprimiert würden. Diese Proteine seien vielmehr wegen der höheren 75Se Aufnahme in Se- Ratten sichtbar und in Se+ Ratten nicht. Die Figuren 7 und 8 der 4. Version Ms1 stimmen in der Tat mit Legende und Diskussion überein, auch stimmen dort die Molekulargewichte und Pfeile.

Im Ms2 habe Savaskan ebenfalls Fallzahlen gefälscht (s.u.). Des weiteren unterschieden sich im Ms2 in der Balkengrafik von Figur 2C die Ergebnisse deutlich von Kühbachers Quantifizierung (in Ms1, 5. Version, Figur 3C): Kühbachers Standardabweichungen seien größer und die betrachteten Hirnregionen zeigten einen geringeren Unterschied in ihrer 75Se Aktivität. Savaskan habe also die Ergebnisse signifikanter dargestellt als sie seien. Des weiteren fehlten in Figur 2C von Ms2 die Werte von Se+ Ratten, obwohl in der Legende behauptet werde, es würden sowohl die Werte von Se- als auch von Se+ Ratten gezeigt. Dies war schon einem der Gutachter des J. Neurochem. aufgefallen.

Schließlich wirft Kühbacher Savaskan Urheberrechtsverletzungen vor. So habe Savaskan Teile des Ms1 in Ms2 übernommen. Kühbacher: "Drei von fünf Abbildungen Deiner eingereichten Manuskriptversion basieren auf den von mir erstellten Abbildungen, an denen Du wie oben dargestellt beteiligt warst. Auch wenn Du einen Teil meines Originals nicht verwendet hast, so hast Du dennoch den Kern meines Manuskriptes und entgegen unserer Vereinbarung die gemeinsam produzierten Daten ohne meine Zustimmung zur Publikation eingereicht." Savaskan habe also die gemeinsam produzierten Daten ohne Kühbachers Zustimmung zur Veröffentlichung eingereicht. Mit gemeinsam produzierten Daten meint Kühbacher die oben erwähnten Schnitte von Hirn und Hoden und ihre quantitative Auswertung.

Kühbacher schrieb am 3.7.08 noch: "Der bereits jetzt entstandene Schaden für mich und alle übrigen Beteiligten ist erheblich und einzig und allein auf Dein Handeln zurückzuführen. Wie ich ja leider erkennen musste, stellt das Fälschen und Erfinden von Daten für dich kein Problem dar. Für mich ist es allerdings ein wissenschaftliches Fehlverhalten, das weder zu einer Professur noch zu einem Nobelpreis führen kann. Im Falle klinisch relevanter Forschung stellt es sogar eine Gefahr dar." Zudem drohte Kühbacher juristische Konsequenzen an.

 

 

von Hubert Rehm

 

Als PDFs zum Download:

 

MS1 v4

MS1 v5

Ms2

Dalla Pu


Was bisher geschah:

Folge 1: Die Kontrahenten

 

Folge 2: Der Krach

 

Folge 3: Die Affäre eskaliert

 

Folge 4: Savaskan weist die Vorwürfe zurück

 

Folge 5: Nachforschungen des LJ-Reporters

 

Folge 6: Vermittlungsversuche

 

Folge 7: Der DFG-Ombudsman wird angerufen

 

Folge 8: Der Ombudsman fordert Unterlagen an

 

Folge 9: Der DFG-Ombudsman gibt an den DFG Ausschuß für Fehlverhalten ab

 

Folge 10: Kühbachers Generaluntersuchung

 

Folge 11: Frau Beisiegels Stellungnahme

 

Folge 12: Noch ein fehlerhaftes Paper: Das Nogo Paper

 

Folge 13: Juristische Nullnummer

 

Folge 14: Ein neuer Ermittler schaltet sich ein

 

Folge 15: Hugo Habicht widerspricht Adebar Storch!

 

Folge 16: Seltsame Endziffern

 

Folge 17: Zusammenfassung und Kommentar

 

Folge 18: Ergänzungen und Bemerkungen

 



Letzte Änderungen: 09.08.2010
Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2016 LJ-Verlag GmbH & Co. KG, Freiburg, f+r internet agentur, Freiburg,
sowie - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei den jeweiligen Autoren und Fotografen.