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Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

"Der Charité-Skandal" (Folgen 1-7 und 8, Update vom 1. März 2010) -- Es gehen Gerüchte, Forscher an der Charité hätten eine Unzahl von gefälschten Papern veröffentlicht. Höchste Stellen seien verwickelt, der Filz reiche bis nach Hamburg. Selbst Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsman der DFG, Kandidatin für das Präsidentenamt der Göttinger Universität, Ikone der deutschen Wissenschaftsethik, wurde angegriffen.

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Da biegt sich der (Fehler-)Balken

Folge 8: Der Ombudsman fordert Unterlagen an.

 

Der Ombudsman kam zu keiner Entscheidung und wollte weiter untersuchen. Am 28. Oktober 08 forderte Frau Beisiegel bei Savaskan folgendes an:

„... möchten wir Sie daher bitten, uns die folgenden Unterlagen schnellstmöglich nachzureichen:
1. Die Laborbücher, denen die Arbeiten an den in Fig. 3 Ihres Manuskriptes beschriebenen Ergebnisse zu entnehmen sind;
2. Die im Manuskript verwendeten, von Ihnen exponierten Schnitte;
3. Die Reviews zu dem von Ihnen im Februar 2008 beim Journal of Neurochemistry eingereichten Manuskript“

Dies teilte sie in einem Schreiben vom gleichen Tag auch Kühbacher mit:
„Wie in dem Gespräch bereits erwogen, haben wir daher Herrn Savaskan um Vorlage der Laborbücher, der Gewebeschnitte und der Reviews zu seinem im Februar 08 beim Journal of Neurochemistry eingereichten Manuskript gebeten.v

Dem Laborjournal-Reporter gegenüber behauptete Savaskan, er habe die geforderten Unterlagen, so das Laborbuch von 2007-8 mit den Auswertungen der Experimente, im November und Dezember 08 in zwei Tranchen nach Hamburg geschickt.

Waren die angeforderten Objektträger dabei?
In einer Email an Laborjournal vom 9.11.09 schrieb Savaskan: „Die Originalschnitte auf Objektträgern liegen der DFG als auch der Charite vor, dass ist also ein einfaches, die Urheberschaft festzustellen (im übrigen hat das DFG-Ombudsgremium seinerzeit meine Urheberschaft nach Vorlage der Originalobjektträger nicht angezweifelt).“

Auf Nachfrage von Laborjournal jedoch wollte das Ombudsgremium von Savaskan keine Objektträger erhalten haben. Nachfrage des Laborjournal-Reporters bei Savaskan ergab: In der 1. Tranche habe sich eine CD befunden, in der 2. Tranche Röntgenfilme und auf CD abgespeicherte Bilder der gegengefärbten Objektträger die den Autoradiogrammen auf den Röntgenfilmen entsprechen. Die Beschriftung der Objektträger sei auf diesen Bildern wohl nur schwer zu erkennen gewesen.

Weitere Recherchen bestätigten das, wenigstens teilweise: Savaskan hat die angeforderten Informationen in zwei Tranchen an den Ombudsman geschickt, das erste Mal aber per Email - es kann sich also nicht um eine CD gehandelt haben - und das zweite Mal per Post.

Also hat der Ombudsman keine Objektträger erhalten?
Savaskan hatte bei Nitsch neben den anderen Daten auch die Objektträger angefordert. Der hat dann Anja Bräuer, die an Anatomie der Charite arbeitet, beauftragt, der Bitte Savaskans nachzukommen. Frau Bräuer hat einen Teil der Daten, scans, per email geschickt und ansonsten alles zusammengepackt, was nur irgendwie mit Selen zu tun hatte, also auch Objektträger von anderen Projekten. Die Objektträger übergab Frau Bräuer dem Strahlenschutzbeauftragten Ninnemann. Der prüfte, ob das Material noch strahlte, und schickte es dann an Savaskan nach Zürich. Savaskan bestätigte gegenüber Laborjournal, daß er von Ninnemann die Röntgenfilme, die Fotografien der Objektträger und zwei Kästen mit Objektträgern erhalten habe - auch die richtigen von den Experimenten mit Kühbacher.

Savaskan hatte die Objektträger angefordert weil er gemäß dem Beisiegel-Brief vom 28.10.08 glaubte, Frau Beisiegel wolle diese haben. Nach einem Telefongespräch Savaskans mit Frau Beisiegel (wahrscheinlich am 18.12.08) ergab sich aber, daß nur die Röntgenfilme und Fotos gebraucht wurden.

Dementsprechend schrieb Savaskan am 23.12.08 aus Zürich an Frau Beisiegel:
„... ich bedanke mich für Ihre Nachricht vom 18.12.08 und komme Ihnen gerne nach, Ihnen die Originaldaten und -Unterlagen zuzusenden.
Anbei finden Sie:
1. Original Autoradiogramme, d.h. die primären Daten in Form von Röntgenfilmen als Leihgabe von Prof. R. Nitsch aus dem Institut für Zell- und Neurobiologie der Charite mit den zehn ausgewerteten Schnitten, die im Manuskript in der Abbildung 3 zur repräsentativen Darstellung und quantitativen Auswertung verwendet wurden. Zusätzlich sind die Nassfotografien beigelegt, die als Matrix zur Digitalisierung dieser Schnitte verwendet und an denen die quantitativen Auswertungen durchgeführt wurden.
2. Mein Laborbuch mit entsprechender Laborseite, in dem die Auswertung der Autoradiografien dokumentiert wurde und auf die elektronische Densiometrie mittels Image J verwiesen wird sowie die Exceldatei mit den Rohwerten.
3. Die digitalisierten Originaldatensätze der 10 ausgewerteten Schnitte sowie die Auswertvorlage Testis und Gehirn auf CD-ROM.“

Der Ombudsman hat die Objektträger also nicht erhalten.
Savaskan will die Objektträger Ende März 2009 wieder an die Charite zurückgeschickt haben (nach Kühbacher schon im Januar 2009). Die Hodenschnitte, darunter die, die in Figur 4D, Ms1 bzw. Fig3B, Ms2 eingingen, seien jedoch, schreibt Savaskan in obigem Brief, in diesen Sendungen nicht enthalten gewesen. Die will er schon Ende 2002 an Kühbacher geschickt haben. Kühbacher bestreitet von Savaskan Schnitte erhalten zu haben.

Nebenbei: Savaskan behauptet in diesem Brief auch, die Hodenschnitte seien unter seiner Leitung von seiner Laborantin Winkler hergestellt worden. Deren Aufzeichnungen lägen beim Strahlenschutzbeauftragten Ninnemann. Nachfrage des Laborjournal-Reporters bei Olaf Ninnemann ergab, daß er keine Aufzeichnungen irgendwelcher 75Se Arbeiten von Frau Winkler besitzt.

Warum reitet der Laborjournal-Reporter solange auf diesen Objektträgern herum?

Zu einen, weil Kühbacher viel an diesen Objektträgern liegt. Er ist der Ansicht, daß die Originalobjektträger anhand der handschriftlichen Beschriftung unter anderem die Frage entscheiden könnten, wer geschnitten hat und wer nicht, des weiteren die Frage, ob acht 75Se markierte Ratten verwendet wurden oder nur zwei (Savaskan soll ersteres beim Treffen mit dem Ombudsman behauptet haben, was er bestreitet). Deswegen hätte sie der Ombudsman unbedingt sichten müssen. Noch am 26. Januar 09 forderte Kühbacher die Geschäftsführerin des DFG Ombudsman, Frau Nolte, auf, die Objektträger bei Ninnemann anzufordern. Am 11. Februar 09 erhielt Kühbacher die Nachricht vom Ombudsgremium, daß Savaskan „inzwischen die von uns erbetenen Unterlagen vollständig eingereicht hat.“ Auf Nachfrage Kühbachers, ob die Objektträger mit den Gewebeschnitten dabei seien, antwortete der Ombudsman am 25. März: „daß uns von Herrn Savaskan keine Schnitte von Gewebeproben übersandt wurden. Herr Savaskan hat uns, wie erbeten, die Autoradiographien, Nassphotographien und die Dokumentation der Auswertung zugesandt.

Herr Savaskan teilte uns auch mit, daß die zehn von ihm verwandten Hodenschnitte Ende 2002, nach der Bearbeitung in seinem Labor, an Sie übersandt worden sind.“

Am 28. Oktober 08 hatte der DFG-Ombudsman dem Kühbacher jedoch noch geschrieben: „Wie in dem Gespräch bereits erwogen, haben wir daher Herrn Savaskan um Vorlage der Laborbücher, der Gewebeschnitte und der Reviews zu seinem im Februar 08 beim Journal of Neurochemistry eingereichten Manuskript gebeten.

Diese verwirrenden Aussagen des Ombudsman sollten zu Weiterungen führen und dies ist der zweite Grund, warum Sie solange mit den Glasscheibchen belästigt wurden.

 

 

von Hubert Rehm

 

Als PDFs zum Download:

 

MS1 v4

MS1 v5

Ms2

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Was bisher geschah:

Folge 1: Die Kontrahenten

 

Folge 2: Der Krach

 

Folge 3: Die Affäre eskaliert

 

Folge 4: Savaskan weist die Vorwürfe zurück

 

Folge 5: Nachforschungen des LJ-Reporters

 

Folge 6: Vermittlungsversuche

 

Folge 7: Der DFG-Ombudsman wird angerufen

 

Folge 8: Der Ombudsman fordert Unterlagen an

 

Folge 9: Der DFG-Ombudsman gibt an den DFG Ausschuß für Fehlverhalten ab

 

Folge 10: Kühbachers Generaluntersuchung

 

Folge 11: Frau Beisiegels Stellungnahme

 

Folge 12: Noch ein fehlerhaftes Paper: Das Nogo Paper

 

Folge 13: Juristische Nullnummer

 

Folge 14: Ein neuer Ermittler schaltet sich ein

 

Folge 15: Hugo Habicht widerspricht Adebar Storch!

 

Folge 16: Seltsame Endziffern

 

Folge 17: Zusammenfassung und Kommentar

 

Folge 18: Ergänzungen und Bemerkungen

 



Letzte Änderungen: 09.08.2010
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