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STAP-Hochsprung für Gläubige

Das japanische RIKEN Institut hat in einer Pressekonferenz zu den sogenannten STAP-Zellen Stellung genommen. Zwischenstand: Aufgrund zahlreicher Fehler und Mängel sind die beiden Nature-Veröffentlichungen nicht mehr zuverlässig genug, um die Existenz von STAP-Zellen beweisen zu können.
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(15. März 2014) Dies ist der aktuelle Stand nach der RIKEN-Pressekonferenz vom 14. März zum STAP-Skandal (zur Vorgeschichte siehe hier und hier):

1. STAP-Experimente konnten bis jetzt nirgendwo nachweislich reproduziert werden, nicht mal von Teruhiko Wakayama, dem Letzt-Autor einer der beiden Studien.

2. Die soweit untersuchten Probleme mit den Daten und Aussagen der beiden Publikationen sind zwar sehr schwerwiegend, aber bis jetzt von RIKEN nicht als mutwilliges wissenschaftliches Fehlverhalten gewertet. Die Erstautorin Haruko Obokata schiebt bisher alles auf ihre Übermüdung und versehentliches Vertauschen des Bild-Materials. Zusätzlich untersucht die Waseda Universität die Doktorarbeit von Obokata unter anderem auf den Verdacht des Plagiats.

3. Nachdem Wakayama deswegen eine Retraction gefordert hat (siehe hier), bat nun auch die Erstautorin Haruko Obokata zusammen mit zwei weiteren bei RIKEN beschäftigten Ko-Autoren, Yoshiki Sasai und Hitoshi Niwa, in einem vorgelesenen Statement um Rücknahme der Publikationen.

4. Nature verlangt für eine Rücknahme der Artikel die Zustimmung aller Autoren. Der Letztautor einer der beiden Publikationen, Charles Vacanti, denkt jedoch bis jetzt nicht daran, Zweifel über STAP-Zellen aufkommen zu lassen.

Nur Denkanstöße aus Boston?

Der Zwischenstand der RIKEN-Untersuchungen hat einige interessante Aspekte. So hat man bei der Pressekonferenz erklärt, Vacanti habe lediglich den Denkanstoß für die STAP-Forschung gegeben, an den Experimenten selbst sei er nicht beteiligt gewesen. Zur Erinnerung: Vacanti ist Letzt- und korrespondierender Autor der Hauptpublikation in Nature – damit ist er per Definition für die gesamte darin präsentierte Forschung als Stratege und Koordinator verantwortlich. Tatsächlich wurden die ersten STAP-Versuche im Vacanti-Labor in Boston, USA, von dessen damaliger Studentin Obokata durchgeführt und in einer offenbar mit Bildmanipulationen belasteten Publikation im Jahr 2011 vorgestellt. Vacanti behauptete außerdem, ständig STAP-Zellen in seinem Bostoner Labor zu erzeugen und auch Erfolg mit menschlichen STAPs gehabt zu haben. Seine Rolle als stiller Ideengeber wäre damit schwer vereinbar. Spricht RIKEN ihm die Zuständigkeiten nun ab, um von Nature die Retraction einfordern zu können – gegebenenfalls an Vacanti vorbei?

Die interne Untersuchung läuft zur Zeit gegen vier zum Publikationszeitpunkt bei RIKEN beschäftigte Gruppenleiter: Obokata, Wakayama, Sasai und Niwa. Erstaunlicherweise aber wurde Hitoshi Niwa nun von RIKEN damit beauftragt, die STAP-Zell-Herstellung zu reproduzieren. Dabei hat Niwa doch soeben zusammen mit Obokata ein neues STAP-Zell-Protokoll veröffentlicht, welches stark von den Behauptungen in der Nature-Publikation abweicht und bis jetzt ebenfalls extern nicht reproduziert werden konnte. Niwa hat auch neulich als „Beweis“ für die Existenz der STAP-Zellen die Anekdote angeführt, er habe einen gänzlich unbedarften Neuling dabei beobachtet, unter Obokatas Aufsicht STAP-Zellen erzeugt zu haben (siehe hier). Und diese Person soll jetzt unvoreingenommen der Sache nachgehen?

Wissenschaftlich unreif

Die Empfehlung von Nobelpreisträger und RIKEN-Präsident Ryoji Noyori ist jedenfalls, die Artikel wegen der schwerwiegenden Mängel und wissenschaftlicher Unreife zurückzuziehen (hier der Wortlaut in englischer Übersetzung). Gleichzeitig distanziert sich RIKEN von der früheren Aussage, bedingungslos an die Zuverlässigkeit der Daten zu glauben. Man will aber dennoch das Ende der internen Untersuchung abwarten, um über die Existenz oder Nicht-Existenz der STAP-Zellen zu entscheiden. Haruko Obokata ist inzwischen von der Forschungstätigkeit bei RIKEN suspendiert und soll in einem „schlechten psychologischen Zustand“ sein.

Die STAP-Geschichte entwickelt sich nun zu einem Drama, oder gar zu einer Tragödie. Jedenfalls könnte sie zu einem der größten Wissenschaftsskandale werden. Die STAP-Zellen waren offenbar eine mehr oder weniger bewusste Erfindung. Biologisch haben sie sowieso nicht besonders viel Sinn ergeben. Natürlich werden sie als Ideen nicht mehr so einfach aus der Welt zu schaffen sein, denn Gläubige finden sich immer. Doch deren einziger wissenschaftlicher Existenzbeweis sind die beiden inzwischen als unzuverlässig eingestuften Publikationen, die jetzt hoffentlich – wenn Nature mitmacht – zurückgezogen werden. Ob die STAP-Zellen womöglich nur einem wirren Wunschdenken von Haruko Obokata entsprangen, oder gar schlimmerem – das werden wir vielleicht nie erfahren. Dennoch, ihr alleine die Schuld an dem sich abzeichnenden Debakel zu geben, wie es die RIKEN-Untersuchung als Tendenz erkennen lässt, wäre höchst nachlässig.

Befremdliche Gier nach Sensationen

Mitschuldig ist sicher auch Nature in seiner befremdlichen Gier nach Sensationsergebnissen, vor allem wenn es um Stammzellen geht. Daher sollte Nature jetzt zumindest das schlitzohrige Festhalten an der Zustimmung aller Autoren für die Rücknahme der Veröffentlichungen aufgeben – und die Publikationen umgehend von RIKENs Wissenschaftlern zurückziehen lassen. Weiterhin muss das Journal endlich das geheimgehaltene redaktionelle Verfahren offenlegen und erklären, wieso die Manuskripte erst abgelehnt, dann aber doch angenommen wurden. Auch die Kommentare der Gutachter sollten veröffentlicht werden. Denn auch die Peer Reviewer haben sich in diesem Fall im besten Fall blamiert und im schlimmsten Fall mitschuldig gemacht. Es wäre  sicherlich moralisch angebracht, dass sie aus ihrer Anonymität hinaustreten; aber das ist noch weniger wahrscheinlich als bei Nature in die Karten schauen zu dürfen.

Wirre Veröffentlichungen

Zwei Nature-Publikationen können nicht mal eben zusammengepfuscht werden, egal wie nachsichtig die Gutachter waren. Es ist naiv zu glauben, dass Obokata all dies allein schaffte und die 13 weiteren Autoren ahnungslose Opfer waren. Vor allem muss die Rolle von Charles Vacanti ins Rampenlicht gerückt werden, auch wenn RIKEN gerade das Gegenteil versucht. Obokatas Doktorarbeit und ihre erste STAP-Publikation entstanden unter Vacantis direkter Verantwortung. Zudem enthält Vacantis Publikationsliste einige unglaubwürdige und wirre Veröffentlichungen aus der Vor-Obokata-Zeit zum Thema Stammzellen (siehe dieses Laborjournal-Editorial). Und nicht zuletzt erkennt Vacanti immer noch keine bedeutenden Probleme mit den STAP-Zellen, während er sich gleichzeitig beharrlich weigert, direkte experimentelle Beweise für deren Existenz zu liefern.

RIKENs Direktoren, Maki Kawai und Masatoshi Takeichi, meinten in der Pressekonferenz, Wissenschaftler unter den Ko-Autoren der beiden Publikationen zu kennen, die STAP-Ergebnisse reproduzieren können. Die Rollen von Niwa, Sasai und anderen, die dies von sich behaupten, muss also ebenfalls untersucht werden.

Es geht inzwischen um mehr als nur zwei Nature-Paper. Bei der Häufung an zurückgezogenen oder nicht reproduzierbaren High Impact-Publikationen geht es bald um die Glaubwürdigkeit und den Bestand gewichtiger Teile der Forschung an sich.

 

 

Leonid Schneider

 

Abb: Bekehrung des Saulus, Lucas Cranach d.J.; geringfügig manipuliert



Letzte Änderungen: 20.07.2015

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