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Hirn in der Kiste

(9. Juli 2014) Das von der EU geförderte Human Brain Projekt will eine Milliarde Euro in die Hand nehmen, um eine Computersimulation des menschlichen Gehirns zu erstellen. Aber einflussreiche Neurowissenschaftler protestieren: Das Scheitern des Megaprojekts in seiner jetzigen Form sei vorprogrammiert.
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Letztes Jahr wählte die EU-Kommission unter sechs Projektvorschlägen zwei Gewinner aus, die eine enorme Fördersumme von mindestens einer Milliarde Euro erhalten sollen. Die  erfolgreichen Projekte sollen die Menschheit mit Hilfe von Computer und Hochtechnologie in die Zukunft katapultieren; es bewarben sich humanoide Kuschelroboter, schadstoff-detektierende Nano-„Schutzengel“, ein Weltzivilisations-Simulator sowie ein simulierter Patient. Diese Ideen gingen aber leer aus, die beiden Gewinner waren ein Projekt für die Graphen-Synthese und das Human Brain Project (HBP), auch salopp Brain-in-the-Box genannt.

HBP verspricht, alleine durch Simulationen auf Supercomputern ein funktionelles Modell des menschlichen Gehirns zu erstellen, in einem bottom-up-Verfahren, also angefangen von Genen über einzelne Neuronen und deren Synapsen bis hin zu Bewusstsein und Verhalten. Künstliche Intelligenz also, mit allen in Science-Fiction-Filmen dargelegten gefährlichen Konsequenzen? Hätte die EU statt in Graphen besser in die Entwicklung einer Zeitmaschine investieren sollen, damit die Menschheit bei Problemen einen Terminator-Retter zurück ins Jahr 2013 schicken kann, der dann die Förderbewilligung für das HBP verhindert?

Aufruf zum Boykott

Vielleicht kommt es aber gar nicht so weit. Erstens stellt die EU-Kommission nur die Hälfte der Förderung bereit, in kleinen Tranchen und abhängig vom wackeligen Horizon 2020-Förderverbund. Die andere Hälfte soll aus den von der Wirtschaftskrise geplagten EU-Ländern kommen – also ist die Milliarde nicht unbedingt sicher. Zweitens halten viele Neurowissenschaftler das Projekt für wenig sinnvoll. Das Geld, das die EU ins HBP stecken will, würde ihrer Meinung nach für ernsthafte Forschung fehlen. Deshalb gab es bereits jetzt, ganz am Anfang der Förderung, einen Riesenkonflikt. Zahlreiche europäische Neurowissenschaftler rufen in einem offenen Brief zum Boykott auf. Sie plädieren für die Abwicklung des Vorhabens, oder zumindest für eine komplette Neu-Begutachtung durch eine unabhängige Kommission. Der Kern des Vorwurfs: das Megaprojekt wäre intransparent geführt und gar komplett von Henry Markram (Ecole Polytechnique Federal de Lausanne) kontrolliert – mit der Konsequenz, dass alle wissenschaftlichen Aspekte, die nicht mit seinem eigenen Forschungsgebiet zu tun haben, herausgedrängt würden.

Gehirn á la Markram

Das künstliche Gehirn á la Markram soll anscheinend weitgehend ohne die Beteiligung von Neurologie und Neurowissenschaften aufgebaut werden. Nach eigenen Aussagen seien Forscher aus diesen Bereichen durch die Fokusverengung von der Teilnahme abgeschreckt oder ausgeschlossen worden. Zuletzt wurden 18 Labore, die sich mit kognitiver Hirnforschung befassen, aus dem Förderverbund herausgeworfen. Markram aber ist von der Unterschriftenaktion wenig beeindruckt und behauptet, seine Kritiker hätten das Projekt eben nicht verstanden.

Meine Meinung zu dieser Geschichte: Es ist wirklich unverständlich, warum die EU-Kommission auf die Hybris von Markram hereinfiel und eine obszöne Summe in ein derart aussichtsloses Projekt stecken will. Der Auswahl-Prozess der EU-Kommission war wohl sogar für die Gewinner nicht erschließbar, die Antragsanforderungen kaum logisch. Am Ende gewann HBP neben Graphen nur, weil die anderen vier Anträge noch schlechter gewesen wären. Künstliche Intelligenz ist offenbar immer noch eine fixe Idee, obwohl es bis jetzt, trotz großer Ankündigungen, keine zuverlässigen Anzeichen gibt, dass diese bald technisch in Reichweite wäre.

Mehr als ein Haufen verknoteter Zellen

Es wäre schon eine enorme Herausforderung, das Zentralnervensystem einer Fruchtfliege am Computer zu simulieren, und sogar das ist in naher Zukunft alles andere als wahrscheinlich. Das menschliche Gehirn, wenn man es überhaupt abgekoppelt vom Rest des Organismus betrachten sollte, ist das komplizierteste System im uns bekannten Universum. Es enthält 86 Milliarden Nervenzellen, mit 100 Trillionen Synapsen und jeweils unterschiedlicher Genexpression. Dazu kommen die den Neuronen zahlenmäßig überlegenen und ebenfalls aktiv an der Hirnaktivität beteiligten Gliazellen. Ganz egal, wie Markram das der EU-Kommission dargelegt hat, es ist kein riesengroßer Haufen verknoteter Zellen, die man mit ausreichend Rechenleistung und Fördergeld-Motivation in nur zehn Jahren kartographieren kann.

Jeder Bioinformatiker benötigt echte experimentelle Daten, auf denen Computer-Modelle aufgebaut werden können. Eine Integration hochkomplizierter Vorgänge mit vielen interagierenden Komponenten hat zuallererst das Problem der fehlenden Daten. Und selbst die bestehenden experimentellen Informationen können fehlerhaft oder unzuverlässig sein. Was die Wissenschaft über die Gehirnfunktion mehr oder weniger weiß, kommt entweder aus phänomenologischer Neurologie oder aus der nur im Kleinstmaßstab anwendbaren molekularen Zellbiologie. Das enorme Schwarze Loch unseres Unwissens ist auch beim besten EU-Willen niemals mit einem Haufen Euros für Professor Markram und ihm loyale Kollegen zu füllen.

Es ist nicht klar, ob Markram selbst an seine Vision glaubt; jedem Menschen mit einem Minimum an Biologieverständnis sollte das HBP-Konzept wie eine alte Science-Fiction Story oder ein schlechter Witz vorkommen. Deswegen verlangen auch die Forscherkollegen eine Rückkehr zur individuellen Projektförderung, bei der die wissenschaftliche Plausibilität eines Antrags über dessen hochtrabenden Zukunftsversprechungen stehen soll. Vielleicht wird man das auch bei der EU-Kommission erkennen und dem Projekt den Geldhahn abdrehen.

 

Leonid Schneider

 Abb.: © Thomas Jansa - Fotolia.com

 



Letzte Änderungen: 01.09.2014

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