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Der lange Schatten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

(13.2.2015) Bei Bauarbeiten tauchen Knochen auf, die in die dunkle Vergangenheit der Max-Planck-Gesellschaft weisen. Ein geschichtlich höchst bedeutsamer Fund – dennoch sind die Gebeine voreilig eingeäschert worden.
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Ehemaliges KWI für Anthropologie

Im Juli des vergangenen Jahres entdeckten Bauarbeiter an der Harnackstraße in Berlin Skelettfragmente von mindestens 15 Menschen. Menschliche Knochen tauchen bei Bauarbeiten immer wieder auf, selten sind sie von Bedeutung. Aber der Fundort auf einem Gelände der Freien Universität Berlin, nahe dem ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, war ein wichtiges Indiz: Es könnte sich um Opfer verbrecherischer Menschenversuche während der Nazi-Zeit handeln. Forensiker fanden zudem handschriftlich markierte Plastikmarken bei den Skeletten, die „Markierungen für biologische/medizinische Präparate“ ähnlich seien. Auch eine Ampulle mit Resten des Betäubungsmittels Procain entdeckte man. Was hier ans Tageslicht kam, ist also mit ziemlicher Sicherheit ein Zeugnis der düsteren Vergangenheit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorgängerorganisation der heutigen Max-Planck-Gesellschaft (MPG).

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Im Dienst der NS-Rassenideologie

Der Eugeniker Eugen Fischer, ab 1933 Direktor am KWI für Anthropologie, ordnete das Institut den Interessen des NS-Staats unter und verlieh der NS-Rassenideologie einen wissenschaftlichen Anstrich. Ab 1942 war dann Otmar Freiherr von Verschuer Institutsleiter. Josef Mengele, Lagerarzt in Auschwitz und verantwortlich für brutale Menschenversuche, hatte bei Verschuer an der Universität Frankfurt promoviert. Über Mengele bezog das KWI ab 1943 Blutproben, Organe, Körperteile und Skelette ermordeter Häftlinge, häufig von Zwillingen.

Es ist dem im Januar verstorbenen Hubert Markl zu verdanken, dass die Verstrickung und Mitwirkung der KWG an Nazi-Verbrechen detailliert aufgeklärt wurde, nach langen Jahrzehnten des Schweigens (die Ergebnisse der Aufklärungsarbeit sind hier aufgelistet). Im Jahr 2001 hatte sich der damalige Max-Planck-Präsident Markl im Namen der MPG für die Untaten entschuldigt. Die jüngsten Knochenfunde an der Harnackstraße sollten nun eigentlich eine Gelegenheit sein, zur weiteren Aufklärung der Vorgänge am KWI beizutragen und der Opfer zu gedenken. Die MPG hat auch angeboten, die Knochenfunde nach München zu überführen und an einer bereits existierenden Gedenkstätte am Waldfriedhof würdig beizusetzen.

Wusste die Rechtsmedizin von nichts?

Aber dann ging etwas schief. Die Gebeine waren, dem ordnungsgemäßen Gang folgend, bei der Berliner Rechtsmedizin gelandet. Und dort maß man den jahrzehntealten Skelettfragmenten offenbar keine besondere Bedeutung zu.

Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität, erklärt die Hintergründe aus seiner Sicht in einem Interview mit dem FU-Magazin Campus.leben: „Als die MPG die Bestattung [an der Gedenkstätte in München, die Red] veranlassen wollte, hat sie erfahren, dass die Knochen bereits vom Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin zur Einäscherung an das Krematorium Ruhleben gegeben und auch schon auf dem dortigen Friedhof anonym bestattet worden waren.“

Was den Fund mit den Verbrechen der Nazi-Wissenschaft verbindet, ist in erster Linie der geschichtsträchtige Fundort an der Harnackstaße. An der Freien Universität und der Max-Planck-Gesellschaft wusste man um diese Bedeutung. Aber offenbar kam es niemandem in den Sinn, den Rechtsmedizinern die Zusammenhänge zu erklären.

"Keine optimale Koordination"

Alt erklärt dazu weiter: „Nach unseren Informationen wäre eine exakte Datierung der Knochen auf einen Zeitraum von nur wenigen Jahren nicht möglich gewesen, ein eindeutiger Zusammenhang des Fundes mit Auschwitz-Opfern hätte somit nicht zweifelsfrei belegt werden können. Nach Absprache mit der Max-Planck-Gesellschaft haben wir uns deshalb entschieden, keine weiteren Untersuchungen bei den Behörden zu beantragen.“

Die voreilige Einäscherung der Knochen ist wohl auf Kommunikationsfehler zurückzuführen und war keine gezielte Vernebelungsaktion, wie die „Berliner Zeitung“ zunächst geargwöhnt hatte. Dennoch ist schwer zu verstehen, wie dieser Fehler passieren konnte, bei einem für die deutsche Wissenschaftsgeschichte derart bedeutenden Fund.

Das ist auch dem FU-Präsidenten klar geworden: „Es hat in der Abstimmung zwischen allen Beteiligten ganz sicher keine optimale Koordination gegeben. Man hätte insbesondere mit den Behörden besser kommunizieren müssen, um sich frühzeitig über das weitere Vorgehen abzustimmen.“

Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, fand am Fundort der Skelette eine Kranzniederlegung statt.


Hans Zauner

Foto: Torinberl via Wikimedia, CC-BY-SA

 

Weitere Quellen:

Berichte im Tagesspiegel hier und hier

Pressemitteilung der MPG

Richtigstellung zu einem Kommentar in der "Berliner Zeitung"

Interview mit dem FU-Präsidenten in "Campus.leben"

"Auf Knochen gebaut" , aus dem studentischen Campusmagazin "Furios".





Letzte Änderungen: 13.04.2015