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Bill Gates im Schwabenländle

(24.3.2015) Der reichste Mann der Welt öffnet mal eben die Portokasse, und Deutschland einig Biotechland verfällt kollektiv in Freudentaumel.
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Der Laborjournal Online-Redakteur fand’s so interessant, dass er gleich eine Mail schickte, die Tageszeitung Die Welt widmete der Nachricht einen dicken Artikel samt Video-Experteninterview, und in der gesamten Biotechbranche sorgte die Pressemitteilung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung für Hysterie und Freudentaumel: 46 plus x Millionen Euro fließen aufs Konto der Tübinger Curevac GmbH. Das Geld soll einerseits dazu dienen, die Kapazität der bestehenden Impfstoff-Produktionsstätte aufs Zehnfache zu vergrößern, und zweitens soll es der Entwicklung und klinischen Erprobung neuartiger Impfstoffe zugute kommen – beispielsweise gegen HIV, Ebola und Tuberkulose.

Endlich reich und berühmt

Ja, der reichste Mann der Welt investiert endlich auch in die deutsche Biotechnologie, nachdem er längst diverse Multimillionen in die amerikanische gepumpt hat. Zwar tut er dies nicht direkt als Privatmann, aber immerhin über seine gemeinnützige Stiftung, die ja die mit Abstand größte der Welt ist (Stiftungsvermögen: gut 33 Milliarden Euro; jährliche Ausschüttung für primär Drittweltprojekte: zwischen 3 und 5 Milliarden Euro). Und in Deutschland ist man ja bekanntermaßen um jede Brotkrume froh, die aus Wagniskapitalgeberhand in die biotechnologische Forschung und Entwicklung fließt. Zumal der Name „Bill Gates“ dazu geeignet scheint, der gebeutelten, kapitalschwachen und händeringend nach Investoren suchenden Branche endlich auf die Beine zu helfen und ihr das Prestige und die Öffentlichkeitswirkung zu verleihen, die ihr nach Meinung ihrer Funktionäre schon längst gebührt.

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Nicht nur Gates, sondern auch Hopp

Gates’ Stiftung hält damit künftig rund fünf Prozent der Curevac-Besitzeranteile. Weitaus größer ist das Kuchenstück, das ein anderer Milliardär an dem schwäbischen Unternehmen besitzt: Dietmar Hopp, SAP-Gründer und Fußballschwärmer aus der Kurpfalz, hat seit 2006 in mehreren Tranchen rund 145 Millionen Euro in Curevac gesteckt (was bedeutet: ihm gehört die Firma mehrheitlich) und wird zeitgleich mit dem Gates'schen Engagement nochmal 21 weitere Euromillionen in das 160-Mitarbeiter-Unternehmen pumpen. Damit hat Hopp in den letzten zehn Jahren eine gute Milliarde in die von ihm favorisierte Biotechnologie gesteckt. In seinem Stall steht neben Curevac so manches lahme Pferd, etwa die Pleitefimen GPC/Agennix, Wilex (beide München) sowie die derzeit rekonvaleszente Sygnis AG aus Heidelberg – aber auch vielversprechende Heißblüter wie Immatics (Tübingen) und Agennix (Heidelberg).

Schwäbische Immun-Aktivierung

Curevac entwickelt Impfstoffe, basierend auf „sequenz-optimierter mRNA“, die laut Eigendarstellung der Firma das patienteneigene Immunsystem ankurbeln („aktivieren“) und dadurch gegen alle nur denkbaren Krankheiten einsetzbar seien: gegen Krebs genauso wie gegen alle möglichen Infektionskrankheiten. Seit einigen Jahren laufen mehrere klinische Studien (Phase I und II) für die Indikationen Prostatakrebs und Lungenkrebs.

Zusammen mit Pharmakonzernen wie Sanofi-Pasteur und Johnson&Johnson entwickelt Curevac zudem prophylaktische Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten (beispielsweise Grippe) sowie Immunstimulanzien auf RNA-Basis.

Baldiger Börsengang?

Während Branchenexperten nach der Gates’schen Investition längst von einer sensationellen Biotech-Hausse träumen, gespickt mit weiteren Allianzen und Partnerschaften mit Pharma-Schwergewichten und potenten Wagniskapitalgebern, deutete Curevacs Großaktionär Hopp einen baldigen Börsengang in Deutschland an. Es wäre der Erste seit dem 27. März 2007, als die Nabelschnurblutbanker von Vita 34 (Leipzig) aufs Parkett stürmten. Seit einem kurzen Zwischenhoch im Oktober 2007 bei mehr als 18 Euro ist die Vita-34-Aktie allerdings dramatisch auf derzeit 5,50 Euro abgesackt – Verlust in den vergangenen siebeneinhalb Jahren: 70 Prozent.

Aber wir wollen dem frisch entfachten Enthusiasmus ja nicht schon vor dem Börsengang das Wasser abgraben. Und wenn ganz viele Kleinaktionäre die Curevac-Papiere kaufen und nur ganz wenige wieder verkaufen, sollte der Kurs ja sensationell steigen. Wenn.

Winfried Köppelle

Foto: Gates Foundation



Letzte Änderungen: 18.05.2015