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Wir schwitzen ... wofür?!

(26.5.15) Ein Popstar besingt Laborutensilien. Oder braucht unsere (andere) TA einfach Urlaub?
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Am Nachmittag kann sich die Zeit ziehen. Man sitzt am Rechner, erstellt Tabellen oder bearbeitet Bilddateien, die Gedanken sind nur halb bei der Sache. Die andere Hälfte der Gedanken treibt sich unbeaufsichtigt in der Gegend herum.

So wie jetzt gerade, als der MP3-Player einer Kollegin das neueste Lied von Rihanna spielt. Meine freilaufende Gedankenhälfte hört halb zu, und das verbliebene Gedankenviertel empfängt plötzlich die Textzeile:

„We sweat for Ni-NTA."

Vor Überraschung setzen sich meine Gedanken spontan wieder zu einem Ganzen zusammen. Aber auch die vereinigte Denkleistung reicht nicht aus, um die wunderliche Begebenheit zu erfassen.

Ohne der Künstlerin mangelnde Allgemeinbildung vorzuwerfen, bezweifle ich ernsthaft, dass sie jemals von Ni-NTA Agarose gehört hat. Wobei sich sogleich die Frage aufdrängt, was Ni-NTA Agarose, im Laborjargon kurz Ni-NTA genannt, überhaupt in der Kategorie Allgemeinbildung verloren hat. Und warum sollte ausgerechnet Rihanna darüber singen?

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Ich versuche, meine Kollegin für diese Frage zu begeistern. „Du brauchst Urlaub“, befindet sie und wendet sich wieder ihrer PCR zu.

Ich lausche intensiv dem Rest des Liedes. Tatsächlich höre ich den Teil mit der Ni-NTA noch zweimal, verstehe ihn aber immer noch nicht anders. Leider gibt es nur eine plausible, und zugleich leider komplett phantasiefreie Erklärung: Sie singt gar nicht von Ni-NTA. Aber wovon dann?

Um meine wiedervereinten Gedanken zu beruhigen, suche ich den Songtext im Internet. Das betreffende Gedankenviertel erinnert sich, dass in dem Lied mehrmals von „American oxygen“ gesungen wurde. Da es sich dabei zugleich um den Titel des Liedes handelt, ist der Text schnell gefunden, und schon in der fünften Refrainzeile klärt sich die Sache auf:

„We sweat for a nickel and a dime.”

Die von Rihanna gesungenen Worte “nickel and a” sind in meiner geteilten Wahrnehmung zu Ni-NTA verschmolzen.

So weit hergeholt finde ich das gar nicht. Immerhin fängt beides mit Nickel an. Meine Kollegin hingegen bleibt bei ihrer Meinung: „Du brauchst Urlaub!“

Leicht verstimmt, dass sie meine Begeisterung für des Rätsels Lösung nicht teilt, setze ich mich wieder an meine Grafiken. Ich kann mich aber immer noch nicht recht konzentrieren. Ein internationaler Superstar besingt gewissermassen unseren Alltag.

Es ist doch so: Aus unseren mit Schweiß und Blut erarbeiteten Forschungsergebnissen schreiben wir Paper, daraus werden im optimalen Fall Publikationen, mit denen wir im optimalen Fall neue Gelder eintreiben, von denen wir widerum unser Forschungszubehör kaufen. Wobei Ni-NTA Agarose zwar nicht der teuerste Posten auf der Liste ist, aber trotzdem einiges kostet. Im weitesten Sinne trifft meine auditive Textinterpretation also durchaus zu.

Hätte ich heute Nachmittag Proteine aufgereinigt, und mit flehendem Blick, unter Zeitdruck schwitzend, auf meine Säule gestarrt, hätte ich Rihanna bestimmt für ihre hellseherische Gabe bewundert.

Und falls mein Chef diesen Text gelesen hat: Den Urlaub nehme ich trotzdem.

Maike Ruprecht



Letzte Änderungen: 15.07.2015