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Rückzug!

(1.11.15) Immer nur im Labor rumhocken macht träge. Aber wo holt sich eine Arbeitsgruppe frische Motivation? Vielleicht bei einem mehr oder weniger freiwilligen Rückzug in die Wildnis.
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Retreat: Kurz nach Halloween fällt einem dazu "Trick or Treat" ein, und man liegt damit nicht falsch: Für manche ist der Gruppen-Retreat eine süße Belohnung, für andere ein übler Streich. Aber eigentlich ist mit dem Anglizismus aus der Teammotivator-Branche ein Rückzug gemeint: ein gemeinschaftliches sich-in-die-Wälder-verziehen, das bei vielen Forscher-Arbeitsgruppen ein jährlich wiederkehrender Programmpunkt ist.

Je nach Budget fällt der Ausflug in die Wildnis unterschiedlich komfortabel aus. Während gut versorgte Forscher in Nobelhotels residieren, steigen ärmere Arbeitsgruppen in evangelischen Jugendherbergen ab. Das Ziel ist in jedem Fall weit genug weg, um eine abendliche Heimfahrt Richtung eigenes Bett unmöglich zu machen. Denn die klaustrophobische Schullandheimatmosphäre ist es ja gerade, die beim Retreaten bezweckt wird.

Die Reaktionen auf die Ankündigung dieser teamfördernden Gruppenaktivität sind unterschiedlich, aber oft altersabhängig. Diplomanden und Doktoranden freuen sich ehrlich auf die Abwechslung vom Frondienst im Labor. Gesetztere Wissenschaftler graust es dagegen insgeheim davor, auch noch die Nacht mit Kollegen und kindischen Nachwuchsforschern verbringen zu müssen, eventuell sogar – oh Schreck – im gleichen Zimmer.

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Ehrgeizige Jungforscher nehmen das Primärziel des geselligen Beisammenseins oft auch etwas zu ernst, und es soll Wirte geben, die eine auf dem Papier zutiefst seriös erscheinende Wissenschaftlergruppe mit renommierter Rechnungsanschrift in unguter Erinnerung haben. Nur so viel: Naturwissenschaftler sind selten gute Sänger.

Vorträge über wissenschaftliche Projekte gibt es natürlich auch. Aber mal ehrlich, dafür müsste man nicht gefühlt bis nach Sibirien reisen, sondern könnte entspannt im heimischen Seminarraum tagen. Deshalb bereitet das Retreat-Planungskomitee auch Teamgeist-fördernde Bewegungsübungen an der frischen Luft vor. Ein Laborjournal-Informant berichtet, wie so etwas in seiner Arbeitsgruppe gewöhnlich endet: Eine "gemütliche Wanderung in die Berge" artet dort schnell in verbissenen Leistungssport aus. Doktoranden und Postdocs sind schließlich früher oder später auf einen enthusiastischen Letter of Reference angewiesen, in dem ihre unbedingte Leistungsbereitschaft lobend erwähnt wird. Es gilt folglich zu beweisen, dass man auch beim Erklimmen felsiger Berggipfel zu den top 5 % gehört.

Während sich die TAs vor dem eigentlichen Aufstieg ein Kaffeepäuschen auf der Hütte gönnen, liefert sich der wissenschaftliche Nachwuchs oben am Berg einen schweißtreibenden Kampf um jeden Meter Geröll. Klaffende Wunden an den Knien werden heldenhaft ignoriert, der Atem geht schnell. Auch der Gruppenleiter macht selbstredend beim Gipfelsturm mit, ihm geht es dabei um sein jugendliches Selbstbild und seinen Status als in allen Disziplinen unbezwingbarer Anführer. Weiter unten löst derweil der Anblick eines bergunerfahrenen asiatischen Postdocs, der auf Flipflops in eine Felswand einsteigt, Besorgnis aus.

Ob der Rückzug ins Gebirge, an die See oder in abgelegene Wälder den erwünschten Effekt auf Teamgeist und Motivation hat, ist im Einzelfall schwer nachzuweisen. Aber zumindest kommen die Rückzügler mit netten Anekdoten nach Hause. So wie die über den Postdoc, der bei der Ankunft an der Herberge eines abgelegenen Kaffs trocken kommentierte: "Hoffentlich verpassen wir nicht den Bus, der uns hier raus bringt".


Hans Zauner

Illustration: (c) JFL Photography / Fotolia



Letzte Änderungen: 18.12.2015