Gut gefragt...

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Das Wichtigste auf dem Weg zu echter Erkenntnis in der Wissenschaft ist, die richtigen Fragen zu stellen. Darüber scheint weithin Konsens zu bestehen, denn meist bestätigen Forscher diesen „Leitsatz“ durch gewichtig-bedeutungsschwangeres Kopfnicken.

Gemeint ist damit vor allem zweierlei: einmal überhaupt Fragen aufzuspüren, die zuvor keiner gestellt hat; und zum anderen, die Fragen so zu formulieren, dass man deren Beantwortung auch konkret und systematisch mit experimenteller Forschung angehen kann.

Was die Wissenschaft folglich weniger interessieren dürfte, sind Fragen, die auf der Hand liegen und/oder deren Antworten klar zu sein scheinen. In solchen Fällen trotzdem nochmal genauer nachzuschauen... – nee, das finden Forscher, die was auf sich halten, meist nicht spannend genug.

Damit liegen sie vielleicht öfter daneben, als sie denken. Wie lange etwa haben Forscher die Frage ignoriert, ob RNA womöglich noch etwas anderes kann als passives Matritzenmolekül für die Genexpression zu spielen? Abgesehen von ein paar exotischen RNA-Anekdoten schien die Antwort ein klares „Nein“. Bis irgendwann ein paar argwöhnische Köpfe doch mal genauer nachschauten – und damit die Tür zur wuselnden Welt der regulatorischen RNAs aufstießen.

Ein anderes Beispiel ist sicher nicht so spektakulär, dafür aber ganz frisch. Die konkrete Frage: Wenn eine Population ihren Lebensraum erweitert, nimmt sie dann auch ihre Parasiten mit in die neuen Gebiete? Auf den ersten Blick würde wohl jeder sagen: „Natürlich. Warum sollten sie nicht mitkommen? Wie sollten sie überhaupt 'aussteigen'?“

Nicht mehr ganz so „dumm“ erscheint die Frage, wenn man weiß, dass genau dies bei sogenannten invasiven Arten sehr oft passiert. Das heißt, wenn eine Art weit weg an einen neuen, geographisch komplett getrennten Lebensraum verschleppt wird, verliert sie dabei häufig die Parasiten, die sie in ihrem „Heimatland“ plagen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Die vergleichsweise wenigen verschleppten Individuen sind parasitenfrei – folglich „verpassen die Parasiten das Boot“;
  • Die „kritische Parasitenmasse“ wird im neuen Lebensraum unterschritten, da keine Neuinfektionen von außen erfolgen können;
  • Die Parasiten brauchen für ihren Lebenszyklus mehrere Wirte nacheinander – und im neuen Lebensraum finden sie nicht mehr alle vor.


All diese Punkte dürften jedoch kein Problem sein, wenn eine Population lediglich ihre Habitatgrenzen weiter ausdehnt. Wie etwa die marine Kellets Wellhornschnecke (Kelletia kelletii), die in den letzten Jahrzehnten ihren Lebensraum vor den Küsten Mexikos und Südkaliforniens deutlich nach Norden erweiterte.

Ein US-Team sammelte nun Kelletia-Schnecken aus dem Stammgewässer sowie den neuen Siedlungsgebieten zum Vergleich. Und siehe da: In der „Pionier-Population“ fanden sie sowohl deutlich weniger verschiedene Parasiten, wie auch insgesamt eine erheblich geringere Parasitenlast (J. Biogeography, publ. online 5 May 2014).

Nicht unbedingt das, was man als naheliegend erwartet hätte. Zum Glück sind die Autoren trotzdem der vermeintlich „billigen“ Frage genauer nachgegangen. Und fragen jetzt viel „größer“, ob solche Parasitenbefreiung nicht womöglich generell eine Triebkraft für Lebensraumerweiterung sein könnte.

Ganz getreu einem weiteren „Leitsatz“ der Wissenschaft: Jede neue Antwort öffnet die Tür zu etlichen weiteren Fragen.



Letzte Änderungen: 02.09.2014


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