
Die Abweichungen erkennt man nur mit der Lupe
Folge 5: Fälschungen trotz Verblindung?
Die erste Veröffentlichung aus 2002 offenbart noch ein weiteres Problem. Anscheinend wurden geradezu ungeheuer viele DNA-Spots mit höchster Präzision manuell ausgewertet. Allein für diese eine Studie wurden – nach Angaben in dem paper – nicht weniger als 184.000 Zellen ausgewertet. Angesichts der verblüffenden Präzision der Daten kann man davon ausgehen, dass für jeden Spot eine Zeit von mindestens 10 Sekunden für die Auswertung veranschlagt werden muss (inklusive Eintragung des Ergebnisses und Einstellen auf den nächsten Spot). Jeder, der schon einmal quantitativ mikroskopisch gearbeitet hat, wird zustimmen, dass diese Zeitspanne knapp veranschlagt ist. Bei 184,000 Zellen kommt man auf eine reine Arbeitszeit von 64 Arbeitstagen á 8 Stunden, wenn ununterbrochen mikroskopiert wird, Pausen, Umrüstzeiten usw. nicht mitgerechnet. Eine sportliche Angelegenheit.
Alternativ könnte es sein, dass nicht alle Zellen gezählt wurden, oder dass überhaupt nicht gezählt, also Daten erfunden wurden. Dafür sprechen viele Punkte, die später erörtert werden sollen. Doch zunächst schon hier eine Überlegung, die auf den ersten Blick klar gegen eine Datenfälschung spricht. Die Untersuchungen wurden ja „verblindet“ durchgeführt, ein besonderes Qualitätsmerkmal des REFLEX-Projektes. Die Untersucher in Wien wussten daher nicht, welche der Proben exponiert und welche scheinexponiert waren. Ein gezieltes Fälschen hätte aber zur Voraussetzung gehabt, dass die Zuordnung bekannt war. Wie also wäre Fälschung möglich gewesen?
Die Lösung dieses Problems, so stellte es sich 2008 heraus, war schockierend simpel. Im Rahmen einer Untersuchung über die Fälschungen der Mobilfunkstudien, die später behandelt werden, fand Christian Wolf, Interim-Chef der Arbeitsmedizin, heraus, dass die Verblindung kinderleicht zu knacken war (Bioelectromagnetics 29: 658-659, 2008). Ein Instrument (Agilent 34970 A Data Aquisition / Switch Unit), welches die Verblindung mittels des angeschlossenen Computers umsetzte, hatte einen Knopf, der, wenn man ihn drehte, das Display des Gerätes auf den Kanal 102 änderte. Die zweite Stelle von rechts (Im Falle der Magnetfeldexperimente) bzw. die dritte Stelle von links (Mobilfunkexperimente) zeigte an, welche der Zellen exponiert waren und welche nicht. Und das ganze Prozedere war im Handbuch der Anlagen beschrieben! Als Folge dieser Entdeckung von Wolf wurde die Software der Anlagen vom Hersteller, der IT’IS Foundation in Zürich, geändert, wie deren Chef, Niels Kuster, schrieb (Bioelectromagnetics 29: 660-661, 2008). Kuster meinte zwar völlig zu Recht, dass es noch andere Methoden gäbe, die Verblindung zu knacken, aber peinlich war diese Angelegenheit alle Mal, da die Anlagen von IT’IS weltweit im Einsatz sind.

Die Entblindungsmaschine (aus Wolf, 2008)
In den folgenden Jahren wurden noch einige weitere Publikationen der Wiener Gruppe produziert, die die anfänglichen Beobachtungen über DNA-Schäden durch Magnetfelder bestätigten und ausbauten (Ivancsits, S., Diem, E., Jahn, O. and Rüdiger, H. W. (2003) Age-related effects on induction of DNA strand breaks by intermittent exposure to electromagnetic fields. Mech Ageing Dev 124, 847-50; Ivancsits, S., Diem, E., Jahn, O. and Rüdiger, H. W. (2003) Intermittent extremely low frequency electromagnetic fields cause DNA damage in a dose-dependent way. Int Arch Occup Environ Health 76, 431-436; Pilger, A., Ivancsits, S., Diem, E., Steffens, M., Kolb, H. A. and Rüdiger, H. W. (2004) No effects of intermittent 50 Hz EMF on cytoplasmic free calcium and on the mitochondrial membrane potential in human diploid fibroblasts. Radiat Environ Biophys 43, 203-207; Winker, R., Ivancsits, S., Pilger, A., Adlkofer, F. and Rüdiger, H. W. (2005) Chromosomal damage in human diploid fibroblasts by intermittent exposure to extremely low-frequency electromagnetic fields. Mutat Res 585, 43-49. Ivancsits, S., Pilger, A., Diem, E., Jahn, O. and Rüdiger, H. W. (2005) Cell type-specific genotoxic effects of intermittent extremely low-frequency electromagnetic fields. Mutat Res 583, 184-188).
Insgesamt wurden also von 2002 bis 2005 sechs Publikationen der Wiener Arbeitsgruppe vorgelegt, die viel gemeinsam hatten: Starke, hoch signifikante Effekte auf die DNA bei extrem geringen Standardabweichungen und Verwendung der IT’IS-Apparatur mit der im Handbuch beschriebenen Methode der Entblindung. Sind alle in den Publikationen beschriebenen Daten Fälschungen?
Abgesehen vom fehlenden Wirkmechanismus, wie überhaupt derartige Schäden auf die Erbsubstanz durch schwache Magnetfelder erklärt werden können, erwiesen sich die Ergebnisse in unabhängigen Wiederholungsversuchen als nicht reproduzierbar. Scarfi et al. (Radiat Res 164: 270-276, 2005) konnten in einem Versuch mit der gleichen Expositionsapparatur und identischen Expositionsbedingungen keinerlei Effekte auf die DNA von humanen Fibroblasten feststellen, also denselben Zellen, die auch in Wien untersucht und als besonders empfindlich bezeichnet wurden. In dem Wiederholungsexperiment zeigte sich aber, dass die Standardabweichungen in den Einzeluntersuchungen etwa um den Faktor 5 bis 10 über denen lagen, die aus Wien berichtet wurden, trotz gleicher Auswertemethode.
Den Vogel abgeschossen hat eine Arbeit der Wiener aus dem Jahr 2004 (Pilger et al., Radiat Environ Biophys 43: 203-207). Der Titel der Arbeit ist zunächst eher langweilig: „No effects of intermittent 50 Hz EMF on cytoplasmic free calcium and on the mitochondrial membrane potential in human diploid fibroblasts.“ Interessant ist die Publikation dennoch, und zwar aus drei Gründen: erstens war hier ein anerkannter Biophysiker aus Hannover beteiligt (Hans Kolb), zweitens verursachte das Paper einige öffentliche Aufregung und drittens sind die DNA-Schäden rekordverdächtig hoch und die Standardabweichungen rekordverdächtig gering. Letztere liegen bei den Kontrollen bei 1% und bei den exponierten Zellen bei 0,5%, obwohl die Tailfaktoren sich um 400 % unterschieden.
von Alexander Lerchl
Was bisher geschah:
Folge 2: Die ersten Ungereimtheiten
Folge 3: Mikroskopische Abweichungen
Folge 4: Die ersten Magnetfeld-Ergebnisse
Folge 5: Fälschungen trotz Verblindung?
Folge 7: Die Untersuchung der Medizinischen Universität Wien
Folge 8: Die Österreichische Agentur für Wissenschaftliche Integrität (OeAWI)
Folge 9: Die (Nicht-) Reaktionen der Zeitschriften
Folge 10: Zusammenfassung und Kommentare