
Die Abweichungen erkennt man nur mit der Lupe
Folge 8: Die Österreichische Agentur für Wissenschaftliche Integrität (OeAWI)
Als Folge dieses und eines weiteren Skandals an der Medizinischen Universität Innsbruck (Laborjournal online: Inkontinenz am Inn) wurde die OeAWI im Juni 2009 gegründet, was bereits in der dritten Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien angekündigt worden war: „Es ist zu begrüßen, dass in Österreich demnächst eine dem ORI [US-amerikanisches Offices of Research Integrity], AL vergleichbare übergeordnete Einrichtung errichtet wird, welche für die beteiligten Institutionen Fälle von möglichen Verstößen gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis aufnimmt, behandelt und Empfehlungen für weitere Konsequenzen abgibt.“ Mit ausschlaggebend für die Entscheidung, eine solche nationale Agentur einzurichten, dürften die Kommentare der wissenschaftlichen Zeitschriften gewesen sein, die sich mit den Vorgängen in Innsbruck und Wien befassten. So war in Nature (454, 917-918 (21 August 2008)) zu lesen: „Austria is a small country, and networks between power-brokers are small and tight. But something, it seems, is rotten in the state of Austria ...“.
Während der Vorstand der OeAWI ausschließlich mit Österreichern besetzt ist, ist die Kommission (bis auf ein juristisch beratendes Mitglied) ausschließlich mit Nicht-Österreichern besetzt, vermutlich um die „tight networks“ gar nicht erst Einfluss nehmen zu lassen. Offensichtlich spielte bei der Auswahl der Kommissionsmitglieder Erfahrung eine große Rolle, da das Durchschnittsalter knapp 68 Jahre beträgt. Jüngstes Mitglied und Vorsitzende ist Ulrike Beisiegel, Direktorin des Instituts für Experimentelle Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und – neben anderen Aufgaben – derzeit noch Sprecherin des DFG-Ombudsgremiums. Da sie von der Georg-August Universität Göttingen ab 2011 zur Präsidentin gewählt wurde, wird sie u.a. ihre Tätigkeit bei der DFG und als Institutsdirektorin in Hamburg niederlegen (Göttinger Tageblatt 10.3.2010). Das ist schade, weil Frau Beisiegel die einzige aktive Forscherin in der Kommission ist.
Man kann der OeAWI nur viel Erfolg wünschen. Die Last der Verantwortung wiegt schwer, da diese Organisation offenbar die Aufklärung von Fälschungsvorwürfen an den Österreichischen Universitäten übernehmen soll. § 17 (1) der Statuten lautet: „Die Kommission für wissenschaftliche Integrität wird für die Mitglieder des Vereins tätig und berät diese in allen Angelegenheiten der wissenschaftlichen Integrität, insbesondere bei vermuteten wissenschaftlichen Fehlverhaltens unter Berücksichtigung internationaler Entwicklungen.“ In der Tat erklärte der Rektor der Medizinischen Universität Wien dem Autor im September 2009, dass die Tätigkeit des dortigen Rates für Wissenschaftsethik mit der Gründung der OeAWI „generell beendet“ sei.
Dieses „Outsourcen“ einer eminent wichtigen Tätigkeit einer Universität kann man durchaus kritisch sehen. Es ist zu hoffen, dass die Agentur tatsächlich in der Lage sein wird, ihre Aufgaben nachhaltig zu erledigen. Am 30. April wird die Causa REFLEX erneut von der OeAWI beraten. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.
von Alexander Lerchl
Was bisher geschah:
Folge 2: Die ersten Ungereimtheiten
Folge 3: Mikroskopische Abweichungen
Folge 4: Die ersten Magnetfeld-Ergebnisse
Folge 5: Fälschungen trotz Verblindung?
Folge 7: Die Untersuchung der Medizinischen Universität Wien
Folge 8: Die Österreichische Agentur für Wissenschaftliche Integrität (OeAWI)
Folge 9: Die (Nicht-) Reaktionen der Zeitschriften
Folge 10: Zusammenfassung und Kommentare