Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen (2)

Der Werwolf

von Siegfried Bär, Zeichnung: Frieder Wiech (Laborjournal-Ausgabe 03, 2005)


Nach wir im letzten Heft das Rätsel von Draculas Verdauung lösen konnten, widmen wir uns nun einem ganz speziellen Gesellen: dem Werwolf (griech. lyk-anthropos; lat. versipellis).

Laborjournal hat sich schon immer der Unterdrückten angenommen. Dieser Beitrag steht in dieser Tradition. Ich will einem Wesen beistehen, das mehr als unterdrückt wird: Es wird gar nicht wahrgenommen. Man verleugnet seine Existenz. Ich spreche vom Werwolf.

Wahrscheinlich ist auch Ihnen, lieber Leser, nicht mehr gewärtig was einen Werwolf auszeichnet. Ich rekapituliere:

Werwölfe sind Menschen, die bei Vollmond rasches Haar-, Muskel- und Knochenwachstum zeigen. Es wachsen Reißzähne im Kiefer und das Gesicht nimmt einen caninen Ausdruck an. Innerhalb von Stunden überzieht sich der Körper - auch im Gesicht - mit einem dichten Pelz. Die Muskeln wachsen, die Rippen weiten sich und die Fingernägel werden zu Krallen, mit denen der Werwolf ohne weiteres eine Bauchdecke aufreißen kann.

Auch Charakter und Gemüt ändern sich. Der Werwolf ist böse, heult und frißt gierig frisches Menschenfleisch. Er frisst den Menschen mit Haut und Haar. Dies machte die Werwölfe unbeliebt und so stellte man ihnen auf allerlei Weise nach. Meist vergebens, denn ihre Wunden heilen rasch. Doch vertragen sie kein Silber. Den Schuß mit silberner Kugel oder Stich mit silbernem Messer übersteht der Werwolf nicht.


Ein Ding der Unmöglichkeit?

Sind diese Eigenschaften ein Ding der Unmöglichkeit? Nein, sage ich, und werde es beweisen.

Ich gehe aus vom raschen Haarwachstum des Werwolfs. Hier handelt es sich um eine periodische Hypertrichose, die im Tierreich - wenn auch mit geringerer Geschwindigkeit - oft vorkommt. Der Pinguin z.B. wechselt in der Mauser innerhalb von zwei Wochen sein gesamtes Federkleid. Der Werwolf kann es eben ein bisschen besser. Die Behaarung in Gesicht, Rücken und Bauch ist ungewöhnlich aber nicht unmöglich. So tritt beim Menschen die kongenitale Hypertrichose auf, eine bis zu 10 cm lange dichte Ganzkörperbehaarung. Seit dem Mittelalter sind 50 Fälle dieser Besonderheit bekannt geworden. Die Träger haben eine normale Lebenserwartung und einen gesunden Appetit. Das Haarwachstum setzt allerdings schon in der Kindheit ein und ist dauerhaft und nicht periodisch wie beim Werwolf. Es kann aber auch durch Stoffwechselstörungen zur Hypertrichose kommen und Stoffwechselstörungen können periodisch auftreten. Was soll also am Haarwachstum unmöglich sein?

Haare bestehen aus Keratin. Beim Werwolf aus α-Keratinen. Keratin ist ein Protein. Der Werwolf braucht also in der Zeit seiner Mauser enorme Mengen von Aminosäuren oder anders gesagt: Fleisch. Der besseren und schnelleren Verwertung wegen sollte dieses Fleisch bzw. dessen Aminosäurezusammensetzung seiner eigenen so ähnlich wie möglich sein. So erklärt sich seine Gier auf das Fleisch von Menschen und, daß er diese mit Haut, Haar und Knochen frißt. Denn das Ca2+ der Knochen braucht er für seinen eigenen Knochenauf- und umbau.

Warum Werwölfe allerdings mit Geheul gerade über junge schöne Frauen herfallen, bleibt noch zu klären. Bekannt dagegen ist, dass es für Aminosäuren kein Speicherorgan gibt. Aminosäuren kann Mann oder Wolf nur in Muskelmasse speichern. Daher die starke Muskelneubildung beim Werwolf.


Kein Grund, bösartig zu werden!

Nun ist ein gesegneter Appetit noch kein Grund bösartig zu werden, jedenfalls nicht bei ausreichender Fleischzufuhr. Dennoch zeigen nette harmlose Menschen, einmal in Werwölfe verwandelt, geradezu maligne Charakterzüge.

Auch daran ist nichts Geheimnisvolles. Derartige Wandlungen können Sie täglich im akademischen Umfeld beobachten. Eindrucksvoll sind zum Beispiel die psychischen Veränderungen bei einem Postdok, der zum Professor ernannt wird. Nein, ich behaupte nicht, das er schlagartig zum Monster mutiert, aber er hat doch plötzlich andere Einstellungen, in der Frage der Seniorautorschaft oder was die Arbeitszeit und Bezahlung von Postdoks und Doktoranden betrifft.

Selbst der Knochenbau des frisch Berufenen scheint sich zu ändern. So habe ich festgestellt, dass die Fähigkeit verloren geht, den Daumen der rechten Hand zu beugen - ein Vorgang, der für's Pipettieren notwendig ist. Daher werden Sie auch keinen Professor mehr an der Bench arbeiten sehen.

Und jetzt so ein armer Werwolf! Stellen Sie sich vor, Ihnen wüchsen innerhalb von Stunden am ganzen Körper Haare. Wie das juckt! Und dann das Zahnweh, wenn die Reißzähne durchbrechen! Da würde auch der Sanfteste wild und böse.

Interessant ist die Empfindlichkeit des Werwolfs gegen Silber, das heisst wohl gegen die Schicht von Silbersulfid (Ag2S), die Silbergegenstände nach längerer Lagerung überzieht. So kommt die von Werwolfjägern verwendete Silberkugel mit dem Antriebsmittel Schwarzpulver in Kontakt, das 10 Prozent Schwefel enthält. Bei der Passage der Silberkugel durch Körper wird das Ag2S abgestreift und verbleibt im Werwolf. Ag2S ist schwerlöslich und daher ungiftig, doch gibt es geringe Mengen von Ag+-Ionen ab. Diese Schwermetall-Ionen sind es, die dem Werwolf den Garaus machen, wahrscheinlich durch Komplexbildung mit cysteinhaltigen Proteinen.

Riha et al. (2005) wollen auf der Grundlage dieser Erkenntnis das brutale Niederschießen der Werwölfe durch eine humane - oder canine? - Methode ersetzen. Sie schlagen vor, dem Werwolf zum Frühstück ein Ei mit Silberlöffel zu servieren.


Ein Ei zum Frühstück?

Abgesehen von dem unpassenden Zeitpunkt hat diese Methode offensichtliche Schwächen. Zum einen schmeckt Ei auf Silberlöffeln, eben wegen dem sich bildenden Ag2S, widerlich. Zum zweiten dürfte sich der Werwolf in seiner Gier nicht damit aufhalten, das Eiweiß mit dem Löffel auszupulen. Er wird sich vielmehr das Ei mit Schale in den Rachen und den Löffel nach der Servierdame werfen.

Eines aber ist sicher: Es muß sich um ein wichtiges und seltenes Protein handeln. Wird hier ein Enzym oder ein Transkriptionsfaktor durch Ag+ gehemmt? Welches Protein könnte das sein?

Gestatten Sie mir, zu spekulieren. Ich vermute, es handelt sich um ein Werwolf-typisches Protein, also eines welches das Haarwachstum reguliert, oder den Knochenumbau. Dieses Protein zu finden und zu charakterisieren wäre eine verdienstvolle Tat, die Ihnen den Dank des Vaterlandes und einen Lehrstuhl einbringen könnte. Warum setzen Sie nicht einen Doktoranden auf das Werwolf-Projekt an?

Sicher, das könnte scheitern. Schon daran, dass in Ihrer Universitätsstadt in den nächsten drei Jahren kein Werwolf auftaucht. Wenn schon! Haben Sie halt einen Doktoranden verbraten. Das kommt alle Tage vor, darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Machen Sie auch nicht? Gut.


Wer zahlt's?

Schwieriger ist die Frage nach der Bezahlung des Doktoranden und der Finanzierung der Sachmittel. So kostet ein Kilo Feinsilber etwa 200 Euro, eine Vorderladerbüchse 500 Euro und ein Kilo Schwarzpulver 50 Euro. Für die Kauferlaubnis muß der Doktorand einen Kurs besuchen und eine Prüfung ablegen.

Ein Antrag bei der DFG dürfte - wie ich die Brüder kenne - aussichtslos sein.

Wenden Sie sich also ans BMBF. Dort scheint es einen Ministerialdirigenten zu geben, der Verständnis für derartige Projekte aufbringt. Mit BMBF-Mitteln wurde schon die Funktion von Wünschelruten geprüft oder die Effizienz homöopathischer Präparate: Projekte, die, davon habe ich Sie hoffentlich überzeugt, noch um einiges blödsinniger sind als die Untersuchung des Haarstoffwechsels von Werwölfen.


Literatur:

Riha, H. et al. (2005): A new, quiet and humane technique to manage the werewolve problem. The Indian Journal of esoteric animals 666, 1-21.



Letzte Änderungen: 22.09.2005


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