Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen (6)

Spiderman: Entlarvung eines Serienmörders

von Siegfried Bär, Zeichnung: Frieder Wiech (Laborjournal-Ausgabe 07, 2005)


Spiderman alias Peter Parker ist ein zweifelhaftes Wesen. Zweifelhaft in seinen Beziehungen zu Frauen, besonders zu Mary Jane Watson, zweifelhaft in seiner Moral, am zweifelhaftesten aber in seiner Biochemie. Siegfried Bär, ausgewiesener Experte für seltsame Lebewesen, schildert nachfolgend einige von Spidermans Problemen.

Spiderman, Peter Parker mit bürgerlichem Namen, kennen Sie aus dem gleichnamigen Film. Der hält sich, wie viele amerikanischen Filme, streng an Wirklichkeit und Plausibilität. Ja, es scheint, als ob hier das echte Leben nur abgefilmt worden sei.

Nach der Übertragung genetischen Materials einer genetisch veränderten Spinne entwickelt Spiderman übermenschliche Fähigkeiten. Daran ist noch nichts besonderes, das wäre nicht des Filmens wert: Die Übertragung von funktionellen Spinnengenen auf Säuger ist ein alter Hut. So haben Jeffrey Turner et al. die Gene für die Proteine der Tragfäden der Spinnen in Euterzellen von Ziegen übertragen. Die fleißigen Meckerer bilden jetzt in ihren Eutern etwa zwei Gramm Seidenprotein der Kreuzspinne pro Liter Milch.

Spiderman erhielt jedoch seine Spinnengene durch den Biss der Spinne. Ist das möglich?


Von der wilden Spinne gebissen

Eine Spinne überträgt mit ihrem "Biss" entweder Gift oder Mageninhalt (Regurgitate), d.h. sie injiziert entweder Flüssigkeit aus dem Giftsack oder die Nahrungsbrühe, die sie aus ihren verflüssigten Opfern saugte. Spinnengift enthält Proteine, Zucker und Salze aber keine DNA, also auch nicht die Gene, die spezifisch für Spinndrüsen sind. Regurgitate wiederum enthält DNA. Aber nicht die der Spinne, sondern die ihrer Opfer. Zudem dürfte diese DNA durch Nukleasen schon unspezifisch und weitgehend zerkleinert worden sein. Die Transfektion Spidermans ist ein Rätsel.

Ein noch größeres Rätsel ist folgendes: Spiderman verfügt über die beeindruckende Fähigkeit, Spinnfasern bis zu 50 Meter weit zu schleudern und sich daran wie Tarzan durch den Großstadtdschungel zu schwingen. Diese Spinnfaserbündel sind etwa kleinfingerdick und werden aus Spinnwarzen ausgeschieden, die wiederum von Spinndrüsen gespeist werden. In den Spinndrüsen produzieren die Spinnen eine hoch konzentrierte Brühe spezieller Proteine mit Random Coil und kristallinen Bereichen.

Kommt nun diese Brühe mit Sauerstoff bzw. mit Luft in Berührung, so polymerisieren die Proteine zum extrem reiß- und zugfesten Spinnfaden. Die Polymerisation ist irreversibel. Spiderman kann also seine Fäden nicht wieder aufsaugen und neu abspritzen.

Nun rechnen Sie mal: Der Durchmesser der Faserbündel betrage 0,5 cm. Das Volumen eines 50 Meter langen Bündels beträgt dann 103 cm3 oder rund einen Liter. Für jeden Schwung verbraucht Spiderman also einen Liter Spinnflüssigkeit, für eine Strecke von 1000 Metern - die 5th Avenue hinunter und hinauf - macht summa summarum etwa zehn Liter.

Warum sieht man dem schmächtigen Kerlchen den Verlust von zehn Litern Körperflüssigkeit nicht an? Nun, vielleicht ersetzt er den verlorenen Saft durch heiße Luft, das soll ja im Film öfters vorkommen.


Woher kommen die Aminosäuren?

Aber woher nimmt Spiderman die Unmengen an Aminosäuren, die er für die Proteine seiner Spinnfäden braucht?

Man sieht ihn nur einmal essen. In der Schulmensa verzehrt er, das ist noch am Anfang seiner Karriere, lustlos einige Pommes. Danach frühstückt er nicht mehr, lehnt das Essen seiner Tante Mae ab, verschmäht Hackbraten und Gemüse. Zwar scheint er Cheeseburger zu lieben und in der Tat zieht Käse Fäden, aber gegen Cheeseburger als Proteinquelle spricht das schmale Gehalt Parkers alias Spiderman. Er ist freier Mitarbeiter bei der Zeitung "Daily Bugle"und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass Beiträge für Zeitungen keine 20 oder 30 kg Cheeseburger täglich abwerfen.

Woher also stammt das Eiweiß, das Spiderman so dringend braucht?

Hier hilft folgende Überlegung: Wenn der Spinnenbiss - wie auch immer - die Gene des Spinnapparates übertragen konnte, wird er auch andere Spinnengene übertragen haben. In der Tat wachsen Spiderman zum Beispiel Hafthärchen aus den Fingerkuppen. Auch kann er Netze spinnen. Mit ihren Netzen fängt die Spinne Beute und was sie fängt, das frisst sie. Warum sollte das bei Spiderman anders sein?


Verflüssigte Kleinkriminelle

Denken Sie den Gedanken zu Ende und Sie stehen vor der erschütternden Erkenntnis: Spiderman zieht seine Aminosäuren aus der Verflüssigung der in seinen Netzen gefangenen Kleinkriminellen. Er betäubt sie durch eine Giftinjektion und injiziert Verdauungsenzyme in ihre Innereien. Die verwandeln den Bankräuber oder Handtaschendieb in ein nahrhaftes Süppchen, das Spiderman hinterher ausschlürft. Scheinheiligerweise wird das Schicksal der Kleinkriminellen im Film ausgeblendet: Gleich nachdem sie sich im Netz verfangen haben, schwenkt die Kamera weg.

Spiderman ist Kannibale, Serienkannibale; genau genommen ein Serienhalbkannibale, da er ja nur ein halber Mensch ist. Der Rest spinnt.

Jetzt verstehen wir seine Appetitlosigkeit, seine Abscheu vor fester Nahrung.

Man sieht ihn gelegentlich aus Zweiliter Tetrapacks trinken. Das bedeutet: Was er nicht aufsaugen kann, füllt er in Tetrapacks ab, die er im Kühlschrank aufbewahrt. Auf den Tetrapacks steht zwar "Orange juice", aber ich versichere Ihnen, es ist kein Orangensaft drin.


Nur eine faule Ausrede

Die Marotte Spidermans, die Welt zu retten, in dem er auf Verbrecherjagd geht, sein mit Aplomp verkauftes moralisches Anliegen, ist nur ein schlecht kaschierter Vorwand, sich genügend Aminosäuren zu besorgen. Ordinär ausgedrückt: Eine Ausrede, um ungestört zu fressen. Daher auch das ständige schlechte Gewissen Spidermans.

Ich bin stolz darauf, dass der einzige, der den wahren Charakter Spidermans ansatzweise erkennt, ein Kollege ist: Jonah Jameson, der Chefredakteur des "Daily Bugle".


Wovor hat Peter Parker nur soviel Angst?

Parkers Spinnennatur erklärt auch sein seltsames Verhalten gegenüber der verliebten Mary Jane. Er hat ja offensichtlich Angst vor ihr, vor allem vor dem so nahe liegenden Geschlechtsverkehr. Sich selbst lügt er zwar was vor, von edlem Helden, der die Welt retten muß und daher keine Zeit für Frauen hat. Aber wie die männlichen Leser wissen, kann man sehr wohl täglich die Welt retten und sich dennoch mit Frauen abgeben. Es ist schwer, aber nicht unmöglich. Warum hat Spiderman Angst vor Mary Jane?

Ganz einfach: Spinnenweibchen pflegen ihre Fortpflanzungspartner nach der Begattung zu verspeisen. Mary Jane ist zwar keine Spinne, und würde das vermutlich nicht tun, und Spiderman weiß das auch. Er weiß es, aber er fühlt anders. Tief in seiner hybriden Seele steckt die Angst vor dem Gefressenwerden. Er will nicht, dass er ihm geht wie seinen Opfern.


Nichts los im Schritt

Ein weiterer Grund liegt in den Fortpflanzungsgewohnheiten der Spinnen. Männliche Spinnen haben keinen Penis. Das Spinnenmännchen spritzt seinen Samen vielmehr auf ein extra dafür gesponnenes Netz und nimmt ihn dann mit den Kiefertasten, den Pedipalpen auf. Dort wird der Same bis zur Begattung gespeichert. Die findet dann quasi in Handarbeit statt.

Achten Sie mal auf den Schritt in Spidermans Kostüm. Was ist dort zu sehen? Nichts? Eben!

Sie sehen ein: Das ist ein Problem für Spiderman. Mary Jane weiß ja nicht, dass er quasi genetisch kastriert ist. Wie soll er ihr das beibringen?

Wird ihre Liebe mit diesem Wissen nicht erkalten?

Wird sie sich mit Handarbeit zufrieden geben?

Und selbst wenn ja: Wo soll er den Samen aufbewahren? In den Händen? In den Backentaschen?

Peinliche Fragen, peinliche Antworten. An Spidermans Stelle hätte ich auch Angst vor Mary Jane.



Letzte Änderungen: 22.09.2005


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