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Buchbesprechung

Winfried Köppelle


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Michel Cymes:
Hippokrates in der Hölle: Die Verbrechen der KZ-Ärzte.

Broschiert: 208 Seiten
Verlag: Theiss, Konrad (7. März 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3806232857
ISBN-13: 978-3806232851
Preis: 19,95 Euro (Broschiert)



Heinz G. Konsalik:
Der Arzt von Stalingrad

Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (1. September 1989)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453033221
ISBN-13: 978-3453033221
Preis: 14,99 Euro (Softcover), eBook in Kürze verfügbar



Hubert Rehm:
Der Untergang des Hauses Rascher

Eigenverlag
3. Auflage 2014
616 Seiten
(2215 KB) eBuch,
Kindle-Edition, 10 Euro.

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Seemannsgarn aus Frankreich

Ahnungslos der Autor, ahnungslos die durchwegs wohlwollenden Kritiker: Warum wird ein mit Fehlern und Falschinformationen gespicktes Buch über Nazi-Ärzte zum internationalen Bestseller?

Auf Hippokrates in der Hölle war ich gespannt. Der Franzose Michel Cymes beschreibe darin, so hieß es allerorten, die Menschenversuche in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches und das Leben von Ärzten, die dort ihr Unwesen trieben: Sigmund Rascher, August Hirt, Josef Mengele, Aribert Heim, Wilhelm Beiglböck, Carl Clauberg, Herta Oberheuser und Erwin Ding-Schuler. Hippokrates in der Hölle wurde im Focus, im Spiegel, in Charlie Hebdo, in La Journal du Dimanche und sogar in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) besprochen und durchweg gelobt; es war einige Tage unter den hundert meistverkauften Büchern von Amazon, es ist ein Bestseller in Frankreich. „Schonungslos“ soll es sein, versichert der Verlag, „aufrüttelnd, mit chirurgischer Präzision gezeichnet“.

Cymes, im Hauptberuf Arzt in einem Pariser Krankenhaus, moderiert laut Verlag nebenher eine der beliebtesten Gesundheitssendungen im französischen Fernsehen.

„Aufrüttelnder“ Bestseller

Als Autor einer eher mäßig erfolgreichen Rascher-Biographie (Der Untergang des Hauses Rascher, 3. Auflage, Amazon-Kindle) habe ich mich gefragt: Was hat Cymes besser gemacht als ich? Hat er neue Quellen gefunden? Hat er die Personen besser analysiert? Schreibt er einen besseren Stil?

Ich habe das Amazon-Päckchen noch auf dem Treppenabsatz aufgefetzt. „Waaas so dünn?“, staunte ich und blätterte: „Das Leben Raschers auf siebzehn Seiten! In Großschrift! Ich hab über fünfhundert Seiten gebraucht und hätte tausend füllen können.“

Mit Cymes’ zwei Rascher-Kapiteln war ich denn auch in einer Viertelstunde durch – und staunte immer noch: „So was hat Erfolg?“ Cymes hat mit Schaum vor dem Mund geschrieben. Er predigt und schimpft („Hund“, „Schuft“, „Ungeheuer“, „Dreckskerl“, „Monstrum“). Er scheint, mit Ausnahme der Protokolle der Ärzteprozesse, keine Originalquelle gelesen zu haben. Er greift jedes im Internet verbreitete Klischee auf, offenbar ungeprüft. Er hält sich nicht mit Einzelheiten auf. Bringt er doch welche, sind sie in der Regel falsch.

Klischees und Fehler am Fließband...

Einige Beispiele:

  • Rascher und seine Frau wurden nicht im Frühjahr 1945, sondern im Frühjahr 1944 verhaftet.
  • Rascher wurde nicht nach einem Fluchtversuch erschossen, sondern nach seiner Überführung von Buchenwald nach Dachau. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er je fliehen wollte.
  • Rascher war keineswegs davon überzeugt, dass animalische Wärme am besten für die Wiedererwärmung geeignet sein. Das war vielmehr die Überzeugung seines Patrons Himmler.
  • Raschers Frau war unfruchtbar, das heißt, sie war zu alt, um Kinder zu bekommen. Ob auch Rascher unfruchtbar war, wie Cymes nahelegt, steht nicht fest.
  • Rascher und seine Frau haben die Neugeborenen nicht gestohlen, wie Cymes schreibt. Raschers Frau hat vielmehr den Müttern weisgemacht, sie in Pflege zu nehmen. Sie hat die Kinder auch wieder zurückgegeben, wenn die Mütter darauf bestanden – freilich nicht immer das richtige. Die Kindsunterschiebungen wurden, im Gegensatz zu Cymes Meinung, durchaus geklärt. Es gibt dazu einen mehrere hundert Seiten langen Kriminalakt.
  • Raschers Vater war keineswegs unbescholten, wie Cymes meint, sondern ein Agent des SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS). Es war Raschers Vater, der seine Schwiegertochter – Raschers Frau – 1939 bei der Gestapo anzeigte. Erst danach hat der Sohn den Vater seinerseits bei der Gestapo angeschwärzt.
...und noch mehr Irrtümer
  • Raschers Frau war nicht „höchstwahrscheinlich“ Himmlers Ex-Geliebte. Das ist nur ein Gerücht; die beiden waren „per Sie“.
  • Rascher hat dem Münchener Pädiater Josef Trumpp nicht bei hämatologischen Untersuchungen assistiert – eher umgekehrt. Des weiteren haben diese hämatologischen Untersuchungen Raschers nichts, aber auch gar nichts mit seinen späteren Polygal-Versuchen zu tun („Polygal“ war ein vom „halbjüdischen“ Unternehmer und KZ-Insassen Robert Feix entwickeltes, pektinhaltiges und vermeintlich blutstillendes Medikament). Letztere wurden Rascher vielmehr von einem jüdischen KZ-Insassen angetragen und sind thematisch nicht vergleichbar.
  • Der Unterdruckwagen rumpelte nicht im Februar 1944, sondern im Februar 1942 nach Dachau. Es war auch keine sargähnliche Kiste darin, wie es Cymes so eindrücklich beschreibt. Vielmehr war der ganze Wagen als Untersuchungsstation gebaut.
  • Rascher feierte weder 1942 noch 1944 seinen 39. Geburtstag, denn Rascher wurde im Februar 1909 geboren (wenigstens das hätte Cymes nachschlagen können!).
  • Cymes versichert, Rascher habe seinen Bruder, den Saxophonisten Sigurd Rascher, nicht gemocht. Das Gegenteil ist richtig. Die beiden Brüder hatten ein inniges Verhältnis. Es kühlte erst 1939 ab, als Sigurd in die USA zog. Das ergibt sich aus dem Briefwechsel zwischen den beiden.
Haarsträubende Desinformation

In Summa: Selten wurde auf siebzehn Seiten soviel Datenschrott zusammengefegt wie im Bestseller Hippokrates in der Hölle. „Das Unzulängliche wurde Ereignis.“ (Faust II)

Zudem fehlt eine Darstellung von Raschers Gedankenwelt. Cymes spekuliert über Raschers angeblichen Wunsch, „ein guter Arier zu sein“ – in Raschers Verlautbarungen ist davon nichts zu finden. Er schreibt aber kein Wort darüber, dass Rascher ein überzeugter Anhänger des anthroposophischen Gurus Ehrenfried Pfeiffer war. Es fehlt auch jeder Hinweis auf die Wissenschaftsbetrügereien, die sich Rascher in seiner Doktorarbeit und als DFG-Stipendiat geleistet hat, oder auf die Zwänge und Mechanismen, die Rascher in Himmlers Arme trieben.

Ich habe den „Hippokrates“ nach den zwei Rascher-Kapiteln zugeklappt. Der Rest wird von ähnlicher Qualität sein, denke ich mir – und ich lass mich doch nicht desinformieren.

Nichts Neues, nur falscher

An der historischen Genauigkeit kann es also nicht liegen, dass Hippokrates in der Hölle ein Bestseller wurde. Es liegt auch nicht daran, dass Cymes etwas Neues im Fall Rascher gefunden hätte. Alles, was er schreibt, ist schon seit den vierziger Jahren bekannt und wurde von Fred Mielke und Alexander Mitscherlich (Medizin ohne Menschlichkeit, erschienen 1947/1960), Wolfgang Benz (Dr. med Sigmund Rascher – eine Karriere, in: Dachauer Hefte. Heft 4: Medizin im NS-Staat; Täter, Opfer, Handlanger, erschienen 1980), Michael Kater (Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945, erschienen 2006) und in zahllosen Netzartikeln beschrieben – und zwar oft besser und genauer.

Nur die von Cymes zitierte Aussage des Hendrik Knol war mir neu. Allerdings bezweifle ich, aus Gründen, die zu erörtern hier zu weit führen würde, deren Zuverlässigkeit – und einen Erkenntniswert bringt sie auch nicht: Knol sagt im Wesentlichen nichts anderes als das, was schon der polnische Pfarrer Leo Michailowski zu Protokoll gab, der ebenfalls Raschers Unterkühlungsversuche überlebte.

Wie erklärt sich Cymes Erfolg?

Er erklärt sich mit der Kürze der Texte, dem Verzicht auf verwirrende Einzelheiten, dem Konsalik-haften eingängigen Stil. Auch inhaltlich erinnert Hippokrates in der Hölle an Konsaliks Herz-Schmerz-Drama Der Arzt von Stalingrad. Zudem ist Cymes’ Text kein abgestandener wissenschaftlicher Essay: Hier hat einer sein Herzblut fließen lassen – oder tut wenigstens so, als ob. Die Wut ist verständlich. Raschers Experimente waren widerlich und Cymes soll seine Großväter in Auschwitz verloren haben.

Zu meiner Überraschung stieß ich auf Seite 30, oben, auf die Formulierung „Der Untergang des Hauses Rascher“. Hat Cymes oder sein Übersetzer mir meinen Buchtitel geklaut? Ist Cymes zufällig auf diese Formulierung gestoßen? Ich nehme das als Kompliment. Freilich, ein unberechtigtes: Den Titel hat mir im Jahre 2005 der Freund einer Bekannten nahegelegt.

Kein Neid!

Nein, ich bin nicht neidisch auf Cymes! Überhaupt nicht. Himmel, Zwirn und Afterspülung! Ich habe gar keinen Grund dazu. Im Gegenteil. Seit Cymes auf dem Markt ist, haben sich die Verkaufszahlen meiner Rascher-Biographie verdoppelt. Anscheinend regt Cymes einige seiner Leser an, sich genauer zu informieren.

Nein, ich ärgere mich auch nicht! Ich wundere mich. Nicht über Cymes, nicht über seinen Lektor, sondern über seine Rezensenten in Spiegel, Focus und NZZ. Die haben anscheinend nichts nachgeprüft. Nicht einmal den Wikipedia-Artikel zu Rascher haben sie gelesen, sonst wären ihnen die falschen Daten aufgefallen. Hier haben Ahnungslose das Buch eines Ahnungslosen besprochen. Oder trauen sich die Journalisten der „Qualitätspresse“ nicht, das Buch eines Juden zu verreißen, der zwei Angehörige in Auschwitz verloren hat? Möglich ist das. Ich hatte ja auch Muffensausen beim Verfassen dieser Rezension.

Aber wahrscheinlich sind die Herren nur stinkefaul.




Letzte Änderungen: 28.04.2016


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