Buchbesprechung

Sigrid März


Peter Cremer-Schaeffer:
Cannabis. Was man weiß, was man wissen sollte.

Taschenbuch: 122 Seiten
Verlag: Hirzel, S., Verlag; Auflage: 1. Auflage 2016 (28. Januar 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3777625531
ISBN-13: 978-3777625539
Preis: 14,80 Euro

Stone(d)-harte Fakten
Cannabis – Was man weiß, was man wissen sollte

Teufelszeug oder Heilsdroge? Wer die Wahrheit zwischen den Extremen kennen möchte, kommt um dieses Buch nicht herum.

Zum Jahreswechsel bastelte ein Scherzkeks die berühmten Buchstaben auf den Hügeln über dem Los Angeles-Stadtteil Hollywood mal wieder in „Hollyweed“ um. Damit wollte er auf die im November 2016 in Kalifornien per Volksentscheid beschlossene Entkriminalisierung von Marihuana (umgangssprachlich ‚weed‘ genannt) als Genussmittel aufmerksam machen. Nun gut, er war nicht der erste, der den Schriftzug in dieser Weise modifizierte.


Sachlich geht natürlich anders, und mangelnde Sachlichkeit in der Diskussion um Cannabis beklagt auch Peter Cremer-Schaeffer in seinem Buch Cannabis – Was man weiß, was man wissen sollte. Entweder man sei dafür oder dagegen; die entsprechenden Debatten emotionsgeladen und damit kontraproduktiv. Auf 122 Seiten beweist Cremer-Schaeffer, dass es auch anders geht. Der Anästhesist und Leiter der Bundesopiumstelle (ja, sowas gibt’s!) am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hat den Anspruch, allumfassend zu informieren sowie möglichst objektiv Pro und Contra gegeneinander abzuwägen. Verdammen möchte er ebensowenig wie verharmlosen. Und Cremer-Schaeffer führt in der Tat angenehm unaufgeregt durch die Geschichte der weltweit am häufigsten konsumierten Droge, verweist auf zahlreiche Originalquellen und rückt wissenschaftliche Erkenntnisse in den Fokus. Er handelt sowohl medizinische Aspekte als auch den weltweit praktizierten Missbrauch von Marihuana und Haschisch ab.

Die weibliche Hanfpflanze (Cannabis sativa) enthält mehr als vierhundert verschiedene Inhaltsstoffe, von denen die bekanntesten THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) sind. Neben seinem berüchtigten Rausch­effekt wirkt THC schmerzlindernd, CBD ist bekannt für seine beruhigende und krampflösende Wirkung. Nicht nur die Nutzung von Cannabis als heilendes und bewusstseinserweiterndes Kraut hat eine lange Tradition. Jahrhundertelang wurden Hanffasern als robuster Rohstoff für Seile und Stoffe verwendet: „Die Gutenberg-Bibel wurde genauso auf Hanfpapier gedruckt wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung“, weiß der Autor zu berichten. Und auch die Fensterrahmen eines Laborjournal-Redakteurs sind – kurzlebigem Bauschaum-Pfusch haushoch überlegen – mit Hanffasern isoliert.

Kriminalisiert wurde Cannabis im Rahmen der Opiumkonferenzen Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war der Versuch etlicher Staaten, nach zwei Opiumkriegen die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Seitdem war in vielen Ländern der Besitz und Verkauf von Cannabis illegal. Heute tolerieren oder erlauben viele Nationen den Konsum von Cannabisprodukten als Genussmittel – etwa in niederländischen „Coffeeshops“.

Cremer-Schaeffer sieht diese Entwicklung skeptisch. Ausführlich beschreibt er neben der Historie des Drogenkonsums die Wirkweise, und spart auch nicht mit Exkursen zu unbequemen Themen: Nebenwirkungen und Entzug, Cannabis als Einstiegsdroge, sowie mögliche Gesundheitsschäden insbesondere für Kinder und Jugendliche.

Deutschland bemüht sich seit 1972 mit dem Betäubungsmittelgesetz um Klarheit in der Drogenpolitik – laut Cremer-Schaeffer mit mäßigem Erfolg: „Cannabis gehört nach deutscher Gesetzgebung nicht zu den Genussmitteln, sondern zu den Drogen. Cannabiskonsumenten sehen das anders“, wirft er trocken ein, und stellt die Definition zur Diskussion. Warum ist Cannabis eine Droge, Alkohol oder Nikotin jedoch nicht, obwohl diese bekanntermaßen physisch und psychisch abhängig machen und die Gesundheit massiv gefährden können? Immer wieder streut Cremer-Schaeffer Gesetzestexte und Studienergebnisse ein, um Thesen zu untermauern oder zu widerlegen. „Wir stehen vor der Wahl: ein weiteres Genussmittel in der Gesellschaft zu etablieren, das genau wie Alkohol und Nikotin gleichzeitig auch eine Droge ist – oder das aus gutem Grund nicht zu tun“, lautet sein Fazit.

Wahnwitz der legalen Drogen

Das angeschlagene Image von Cannabis erschwere hingegen die Legalisierung für medizinische Zwecke. Der Gesetzgeber stehle sich aus seiner Verantwortung und gebe diese lieber an Ärzte oder gar Patienten weiter, so der Autor. Sogar selbst anbauen dürfen letztere, wenn sie sonst keine Bezugsquelle haben. Das aber berge die Gefahr falscher Dosierung und fehlender Kontrolle. Außerdem erkennen die deutschen Krankenkassen keine Cannabis-basierten Therapien an; die Patienten bleiben auf ihren Kosten von mehreren hundert bis zu tausend Euro monatlich sitzen. Dabei sei der medizinische Nutzen von Cannabis umstritten. Produkte aus THC & Co sollen lediglich Symptome wie Schmerzen, Krämpfe oder Übelkeit bei verschiedensten Erkrankungen lindern; heilen können sie weder HIV, Krebs noch Multiple Sklerose. Es fehlen aussagekräftige Studien und Zulassungsverfahren, um Wirksamkeit und Sicherheit zu belegen. Und so fordert der Autor: weitere Studien, intensive Debatten und mehr Information.

Wer sich vorurteilsfrei informieren möchte, der hat mit Cremer-Schaeffers Buch eine profunde Basis, von der aus es sich trefflich sachlich diskutieren lässt. Peace!








Letzte Änderungen: 06.02.2017


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