Buchbesprechung

Larissa Tetsch


Antonia Byatt:
Die Verwandlung des Schmetterlings

englischsprachiges Original Morpho Eugenia erstmals veröffentlicht 1992 in „Angels & Insects“
Taschenbuch: 235 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (21. November 1995)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518390031
ISBN-13: 978-3518390030
Gebraucht/neuwertig als Taschenbuch beispielsweise bei booklooker.de zwischen 0,40 und 8,00 Euro.

Kleinode der Wissenschaftsliteratur (10):
Liebesgeschichte mit Insekten

Ein vom Amazonas zurückgekehrter Naturforscher heiratet eine Frau mit dunklem Geheimnis. Während sie ihm entgleitet, kehrt er zu seiner wahren Leidenschaft zurück: den Insekten, deren Verhalten alle Facetten der menschlichen Gesellschaft abbildet.


Foto: University of St Andrews

Es ist die Zeit der Naturforscher, der Erkundung ferner Länder und der Evolutionstheorie. Der Insektenforscher William Adamson kehrt nach einem zehnjährigen Aufenthalt am Amazonas nach England zurück. Dort hofft er, durch den Verkauf seiner Präparate eine weitere Expedition finanzieren zu können. Bei einem Schiffbruch verliert der junge Mann jedoch fast seine gesamte Habe. Unverhofft nimmt sein Gönner Reverend Sir Alabaster den mittellosen Forscher in seine Familie auf und stellt ihm für die Katalogisierung seiner naturkundlichen Sammlung eine neue Forschungsreise in Aussicht.

Dankbar für die Rettung dient Adamson dem wissenschaftlich interessierten Geistlichen als „Advocatus Diaboli“ und unterrichtet dessen Kinder. Für ihn beginnt das Leben in einer Parallelwelt. Immer wieder zieht der Insektenforscher Vergleiche zwischen der Tierwelt, den „Wilden“ Brasiliens und der Gesellschaft der „zivilisierten“ Welt. So scheinen ihm die bunt gekleideten Frauen der britischen Aristokratie wie eine Wolke aus Schmetterlingen. Darunter befindet sich die melancholische Eugenia, Albasters älteste Tochter, in die sich Adamson unsterblich verliebt. Durch einen glücklichen Zufall kann er ihr einen aus Brasilien geretteten Schmetterling überreichen, der ihren Namen trägt, und gewinnt mit einer geschickt arrangierten Wolke aus lebenden Schmetterlingen ihr Herz. Doch obwohl Eugenia ihm mehrere Kinder schenkt, bleiben sich die Eheleute fremd.

Adamson ist begeistert von der gerade veröffentlichten Evolutionstheorie Darwins, die das Weltbild seines Gönners Alabaster und dessen Zeitgenossen erschüttert. In ihr sieht der vom rachsüchtigen Gottesbild seiner Kindheit in den Atheismus getriebene Forscher eine Bestätigung, dass es Gott nicht geben kann.

Dem gegenüber steht Alabaster, der einen Gott der Liebe und der Barmherzigkeit predigt, aber die Gültigkeit der Evolutionstheorie nicht leugnen kann. Verzweifelt schreibt er an einem Buch, das darlegt, „dass es nicht undenkbar ist, dass die Welt von einem Schöpfer … geschaffen wurde“. Dieses Ringen um die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben ist religiösen Menschen auch heute noch vertraut. Der Roman stellt die Frage, ob Gott von dem Menschen erschaffen wurde, lässt die Beantwortung aber offen. Wie die Kreationisten unserer Zeit findet Alabaster eine Scheinlösung in der Annahme, dass das Leben nicht durch „blinden Zufall“ alleine, sondern unter dem Einfluss eines „Gestalters“ entstanden ist. Zwischen dem ungläubigen Naturforscher und dem Geistlichen öffnet sich ein Graben.

Ameisenstaat im Klassenzimmer

Vermittelt durch Matty Crompton, ein scheinbar alters- und farbloses, an der Kindererziehung beteiligtes Familienmitglied, begleitet Adamson die Kinder der Großfamilie zum „Botanisieren“ und richtet einen Bienenstock sowie einen Ameisenstaat im Klassenzimmer ein. Durch Beobachtung und Dokumentation – typisch für die Forschung dieser Zeit – entsteht eine Naturbeschreibung des Ameisenstaats, die durch Mattys Beitrag auch Frauen ansprechen soll, denen die akademische Welt weitgehend verschlossen war. Daneben verfasst Matty eine ebenfalls in die Romanhandlung eingeflochtene Fabel, in der entomologische Nomenklatur und Mythologie miteinander verwoben sind.

Letztlich liest sich der Roman beinahe selbst wie ein naturkundliches Werk, in dem es um den Mechanismus der natürlichen Zuchtwahl, den Widerstreit zwischen Wettbewerb und Kooperation, um die Suche des Menschen nach seinem Platz in einem gottlosen Universum und um die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft geht. Immer wieder werden Beobachtungen von Natur und menschlichen Verhaltensweisen miteinander verknüpft: ein Stichlingsmännchen, das aggressiv sein Revier verteidigt; ein Tagpfauenaugenweibchen, das über seinen Geruch eine erdrückende Menge an Männchen anzieht; blutrote Raubameisen, die Sklaven halten, ohne die sie nicht lebensfähig wären. Die Gesellschaft wird zum Studienobjekt, wenn sich Adamson über die herausgeputzten Engländerinnen wundert, wo doch im Tierreich die Männchen eine auffällige Färbung zur Werbung um Weibchen aufweisen, während diese zum Schutz vor Feinden unscheinbar bleiben – ganz im Einklang mit dem Verhalten der indigenen Völker, bei denen Adamson gelebt hat.

Falls Ihnen längst etwas bekannt vorkommen sollte: Viele Details – die einfache Herkunft, die Reise zum Amazonas, der Schiffbruch – erinnern an den Insektenkundler Alfred Russell Wallace, der zeitgleich mit Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hat, und auch im Roman eine gewisse Rolle spielt.

Das Ende der Geschichte überrascht. Hier sei nur verraten, dass Matty Crompton weit weniger farblos ist als gedacht. Die Verwandlung des Schmetterlings, verfasst von der 1936 geborenen Britin Antonia Byatt, ist ein anspruchsvolles Buch, philosophisch und naturwissenschaftlich, dazu ein spannender Roman mit Sex & Crime, Liebe, Enttäuschung und einem Happy End. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen.








Letzte Änderungen: 06.03.2017


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