Buchbesprechung

Adriana Schatton




Andrea Walter:
Susannchen glaubt nicht alles. Ein Buch für skeptische Kinder

Gebundene Ausgabe: 48 Seiten
Verlag: NIBE-Verlag; Auflage: 150 (12. Dezember 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3981836669
ISBN-13: 978-3981836660
Preis: ab 14,95 Euro (gebundene Ausgabe)


„Ein skeptischer Katholik ist mir lieber als ein gläubiger Atheist“ (Kurt Tucholsky, 1890-1935). – Viele Angehörige der Skeptikerbewegung sehen das leider nicht so.

Skepsis mit Scheuklappen

Skeptiker sind oftmals auch nur Gläubige, wie ein jüngst erschienenes Kinderbuch zeigt.

Kinder müssen den Erwachsenen fast alles glauben. Das liegt in ihrer Natur, denn Nachmachen ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Natürlich lässt sich dies auch wunderbar dazu ausnutzen, um Irrglauben in Kinderköpfe zu pflanzen. Glücklicherweise wollen Kinder aber auch wissen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Es lohnt sich also für die Eltern, genau diese Neugierde und Skepsis bei Kindern zu kultivieren, damit sie später nicht nach einfachen, sondern nach Fakten-basierten Lösungen suchen. Kinderbücher, die dieses skeptische Denken trainieren, sind daher wünschenswert.

Andrea Walter, Mutter und Bloggerin, ist Teil der Skeptikerbewegung. Wohl weil sie ebenfalls Fakten-basierte Lösungen bevorzugt, verfasste sie das Buch Susannchen glaubt nicht alles. Das Vorwort in diesem „Buch für skeptische Kinder“ stammt von Florian Freistetter, einem in der Szene bekannten Skeptiker und Wissenschaftsblogger. Auf unaufdringliche und einleuchtende Weise bringt er dem Leser nahe, wie wichtig Aufklärung und Skepsis, aber auch Fantasie und Kreativität sind.

In der Geschichte um „Susannchen“ und ihre Alltagserlebnisse werden die kleinen Leser über Irrglauben wie Homöo­pathie, Astrologie, Impfgegnertum oder Aberglaube aufgeklärt. Unter Susannchens Mitschülern und in deren Familien scheinen sich nämlich eine Menge Gläubige zu befinden, die nichts wissen, aber viel glauben – an das Verhängnis schwarzer Katzen, an Zuckerkügelchen und derlei mehr. Susannchen wundert sich aber stets und fragt ihre klugen Eltern aus, die ihr die Welt vorbildlich erklären – zum Beispiel wie eine Impfung funktioniert oder dass der Mond für Ebbe und Flut verantwortlich ist.

Am Ende der Geschichten lässt sie sich entweder von einem Argument („Die Mondlandung war real, denn die Astronauten haben hunderte Kilo Mondgestein mitgebracht“), durch eigene Ideen („Homöopathie kann gar nicht funktionieren, weil hochverdünnter Apfelsaft einfach Wasser ist“) oder einfach durch die Ansichten ihrer Eltern („Aberglaube ist Blödsinn“) von der vermeintlichen Wirklichkeit überzeugen.

Allerdings könnte Susannchen ruhig auch ihren eigenen Eltern gegenüber ein bisschen skeptischer sein und auch deren Erklärungen regelmäßig durch eigene Versuche hinterfragen. Denn so wie im Buch dargestellt, ist Susannchen irgendwie auch nur eine Gläubige – nur eben in der nach Ansicht der Autorin „richtigen“ Sekte. Es wäre aber doch viel spannender und überzeugender (und vor allem in der Sache des Buches), wenn die Kinder selbst herausfinden würden, Irrsinn und Wissenschaft voneinander zu trennen, statt auch nur wieder ihren Eltern alles glauben zu müssen, beziehungsweise es von diesen vorgekaut zu bekommen. Denn ob die Ergebnisse nun richtig sind oder nicht, ist ja erstmal zweitrangig; wichtig im Sinne der Skeptikerbewegung ist es doch, die Methode des Probierens und Argumentierens zu lernen. An einer Stelle – immerhin! – hilft Susannchen selbst ihrem Mitschüler, sich auch ohne Talisman mehr zuzutrauen; ansonsten sind es leider immer die Erwachsenen, die die Welt erklären.

Zudem darf bezweifelt werden, dass die Aneinanderreihung der geschilderten Alltagserlebnisse für Kinder spannend ist. Die Sprache wirkt gelegentlich lehrerhaft – etwa wenn es heißt: „Wissenschaft als Maßstab“ oder „Wissenschaft ist eine tolle Sache“. Man bekommt irgendwie das Gefühl, dass sich die Geschichte um Susannchen in Wahrheit an gleichgesinnte Erwachsene richtet, mit denen man zusammen über die lächerlichen Esoterikdeppen in Kindersprache lachen möchte („Globuli werden doch nicht in der Bonbonfabrik hergestellt!“). Das mag ja legitim sein, aber dann sollte man das Thema nicht als Kinderbuch offerieren.


Die Religionskritikerin und Bloggerin Andrea Walter ist Mitglied der Skeptikerbewegung, Unterstützerin des „Informationsnetzwerks Homöopathie“ und engagiert sich ehrenamtlich für Esoterik-Geschädigte. Foto: A. Walter

Wichtig wäre Eigeninitiative

Schließlich wirkten die Manga-artigen Illustrationen etwas abgedroschen und nicht besonders Fantasie-anregend auf die Rezensentin – dies jedoch ist natürlich Geschmacksache. Mag sein, dass sie Kinder mehr ansprechen. Am Ende des Buches findet sich noch eine Bastelanleitung für einen Brausevulkan mit einer ziemlich langen Zutatenliste. Das Basteln und Manschen mit Farben macht bestimmt Spaß – jedoch erfüllt es vielleicht nicht ganz das, was sich die kleinen „Forscher und Abenteurer“ unter einem aufregenden Experiment vorstellen.

Fazit: Die Geschichte von Susannchen wurde sicherlich mit einer ehrenhaften Absicht geschrieben, kann aber die eigenen Maßstäbe nur teilweise erfüllen. Meist erklären doch nur wieder die Großen, wie die Welt funktioniert, und da haben manche Kinder eben Pech mit ihren Eltern und andere, wie Susannchen, Glück. Man sollte aber besser nicht davon ausgehen, die Lektüre des Buches werde seine wissbegierigen Leser in kleine Skeptiker verwandeln. Und das ist jammerschade.








Letzte Änderungen: 29.03.2017


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