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"Mehr Licht"

Wie kommt der Kabarettist zur Wissenschaft?

Von Martin Puntigam


Essays
Illustr.: Hanser Verlag

Wie kommt man als Kabarettist in die Welt der Wissenschaft? Auch wenn Wissenschaft und Komik mittlerweile immer wieder glückliche Verbindungen eingehen, wie etwa die Arbeiten der britischen Komiker Robin Ince oder Dara Ó Briain und anderen mit dem Physiker Brian Cox zeigen – naheliegend ist es nach wie vor nicht.

Als mich Heinz Oberhummer, damals frisch emeritierter Professor für Theoretische Physik an der TU-Wien, im Jahr 2005 anrief, ob ich Lust hätte mich mit ihm zu treffen und über eine Zusammenarbeit zu sprechen, staunte ich trotzdem nicht in dem Maße, wie man denken könnte. Aber gefreut habe ich mich doch, weil mir gleich ein wenig geschwant hat, was daraus entstehen könnte – und was es dann mit viel Glück und Fleiß auch geworden ist.

Denn Naturwissenschaft und Technik können faszinierend sein. Schon allein deshalb, weil auch solche wie ich sich heute mit wissenschaftlichem Halbwissen in fast jeder Gesellschaft hervorragend wichtigmachen können.

Allein durch meinen jahrelangen Umgang mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besitze ich mittlerweile in meinem Bekanntenkreis eine Glaubwürdigkeit, dass fast alles, was ich diesbezüglich sage, ernst genommen wird – obwohl ich wirklich keine nennenswerte Expertise vorweisen kann. Und obwohl das, was ich sage, auch oft falsch ist. Aber egal, wer sich nicht vor Naturwissenschaft graust, sondern sogar in der Öffentlichkeit damit angibt und durchkommt, ist fein heraus. Kann ich nur empfehlen.

Aber der Reihe nach.

Mein Zugang zur Naturwissenschaft war ursprünglich erstmal nicht Prahlerei sondern Sprache. Konkret recherchierte ich vor mittlerweile knapp zwanzig Jahren während der Entwicklung meines Kabarettsolos „Wildwochen“ über Elementarteilchenphysik. Die Handlung des Stückes ist kurz umrissen: ein promovierter Teilchenphysiker möchte am größten Teilchenbeschleuniger der Welt arbeiten, kommt aber vorerst nur auf die Warteliste. Bis er Einlass in den unterirdischen Super-Collider findet, muss er helfen Drittmittel einzuwerben. Und das schaut so aus: Im angeschlossenen oberirdischen Vergnügungspark „Teilchenbeschleunigerland“ tanzt er dreimal täglich als Up-Quark verkleidet im Elementarteilchenballett.

Damals war das die absurde Annahme eines Laien – heute weiß ich aus Erzählungen, dass der akademische Alltag sich mitunter nur marginal davon unterscheidet. Allein meine Kostüme waren vermutlich bizarrer.

Interessiert hat mich die Teilchenphysik aber vor allem deshalb, weil es sich um eine wahrlich eigenartige Welt handelt, die hauptsächlich in Superlativen kommuniziert: der größte Beschleuniger der Welt, die komplizierteste Maschine der Menschheit, die schnellsten Teilchen, die höchsten Energie, und so weiter. Gleichzeitig klingt diese Welt aus Hadronen, Gluonen, Leptonen, Quarks und Co. wie ein Spielzeugbauernhof mit lauter kleinen Tierchen. Und den Begriff Teilchenzoo gibt es ja tatsächlich. Einerseits. Andererseits wird diese Super-Welt aber nach wie vor hauptsächlich von Männer betrieben, die vor lauter Forschen zwar oft keine Zeit für ihre eigenen Frauen haben, ihre Theorien und Beschleunigeranlagen aber konsequent nach Frauenvornamen benennen: PETRA, SUSY, DESY, DORIS, HERA, VERA...

Diese komische Welt, in der verhaltensauffällige Männer die unglaublichsten Dinge vollbringen – diese Welt hat mich interessiert. Und so bin ich zur Physik gekommen, habe Heinz Oberhummer kennengelernt, die Science Busters mitbegründet und kann mir heute ein Leben ohne Naturwissenschaften nicht mehr vorstellen.

Die Science Busters sind ein Showprogramm, das sich unter dem Claim „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ (Marie von Ebner-Eschenbach) nichts weniger vorgenommen hat, als zu beweisen, dass Topwissenschaft und Spitzenhumor keine Feinde sein müssen. Das war natürlich dick aufgetragen, aber die Verbindung von Komik und Wissenschaft darf – nach zehn erfolgreichen Jahren auf der Bühne und im Fernsehen, einer ebenso langen laufenden Radiokolumne und mittlerweile drei Büchern, die sich allesamt zu Bestsellern entwickelt haben – als geglückt gelten.

Wie kann die Verbindung von Wissenschaft und Komik gelingen, und ist sie überhaupt wünschenswert? Und wie bringt man Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Bühne dazu, ihr Fachgebiet mit Humor zu präsentieren, sodass es auch den Ansprüchen des Theaters genügt? Denn wissenschaftliche Vorträge sind, bei aller Liebe zum Thema, in der Regel nicht selten brotfade Angelegenheiten, bei denen dem Publikum einfach PowerPoint-Folien vorgelesen werden. Im Theater würde man damit nicht durchkommen.

Es dauerte eine Zeitlang, bis ich verstand, dass man in der Wissenschaft anders denkt und dramaturgisch anders arbeitet. Bei Publikationen und Vorträgen steht das Abstract am Beginn – und darin wird erklärt, was untersucht wurde, wie auch, was man folglich zu erwarten habe und was nicht. Jede Überraschung wird damit vorweggenommen – und das ist gewollt. Am Theater ist eine derartige Vorgangsweise natürlich verheerend – also wenn man mit der Pointe beginnt, um dann den Witz zu erzählen. Da werden im Gegenteil hohe Erwartungen geweckt, ohne Genaueres zu verraten, um sie dann nach Möglichkeit noch zu übertreffen, oder aber – was genauso wirkungsvoll sein kann – sie zu enttäuschen.

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Die Science Busters-Urbesetzung mit Martin Puntigam an der Blockflöte. Foto: Gebhardt Productions

Nicht selten kam es daher vor – und passiert mitunter immer noch –, dass Wissenschaftler neben mir auf der Bühne mit der Quintessenz der Nummer beginnen und dann ein paar Minuten lang erzählen müssen, wie überraschend ihr Befund sei.

Anfangs verfiel ich dabei immer etwas und hoffte eben auf Besserung bei der nächsten Vorstellung. Inzwischen aber lache ich meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einfach auf offener Bühne aus und mache den Vorgang fürs Publikum transparent. Denn es hat sich als günstig erwiesen, dass die wirkungsvollste Maßnahme, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in gutem Licht zu präsentieren, die ist, sie als Menschen mit Schwächen und Leidenschaften zu zeigen – inklusive der Fähigkeit, über ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu lachen.

Wenn ein Fehler passiert, dann passiert er eben – und dann schaut man, was man daraus machen kann. Denn zum einen hat sich gezeigt, dass es für das Publikum oft am spannendsten wird, wenn wir auf der Bühne das vorbereitete Programm hinter uns lassen und improvisieren – wenn also etwas entsteht, was es nur in diesem Moment so zu sehen gibt und dann nie wieder. Und zum anderen sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach keine Schauspieler. Man darf daher auch nicht von ihnen verlangen, dass sie über Rollengestaltung und Subtext nachdenken – oder dass sie ihren Text so gut können, dass sie damit nach Belieben spielen können.

An diesem Punkt wird es zwar für mich als Solist am interessantesten, wenn ich eines meiner Kabarettprogramme spiele, weil man dann selbst mit dem Rhythmus der Atmung das Publikum manipulieren kann – aber bei unseren Science Shows ist das die falsche Maßnahme.

Zu Beginn unserer Zusammenarbeit ließ ich mich dazu hinreißen, die beiden Physiker an meiner Seite zu nötigen, einen von mir geschriebenen Text auswendig zu lernen und ihn exakt zu reproduzieren. Heraus kam ein Fest für alle, die es lieben, wenn Laien Bauerntheater schlecht parodieren. Die beiden hatten sich nach eigener Aussage tatsächlich bemüht, ihr Bestes zu geben; hätten sie sich aber umgekehrt bemüht, meine Begehrlichkeiten wirkungsvoll zu sabotieren – das Ergebnis hätte nicht anders ausgesehen. Es war mein Fehler, nicht sofort zu erkennen, dass man das Fachwissen, das in den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geparkt ist und weiter reift, zärtlich aus ihnen herausmoderieren muss. Und dass ich ihnen weiterhin dabei das Gefühl geben muss, dass sie sich, ohne auf Strukturen achten zu müssen, in jedem Fall auf mich verlassen können; dass ich sie, solange sie nicht vor der Zeit die Pointe verraten, sicher durch die Nummer geleite in dem Bemühen, uns alle möglichst gut dastehen zu lassen – den Kabarettisten, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und vor allem die Wissenschaft selbst.

Denn natürlich müssen wir die von uns verhandelten Forschungsergebnisse stark verkürzen und aufs Wesentliche eindampfen, damit das Theater- oder Fernsehpublikum die Chance hat zu verstehen, worum es geht. Und das ist keine kleine Kunst. Denn alle wissen, dass ein Forschungsergebnis, indem man es populär erzählbar macht, mit jeder Vereinfachung ein bisschen weniger ganz richtig wird. Die Kunst besteht nun darin, Richtiges so wegzulassen, so dass die Erzählung zwar nicht mehr vollständig richtig, aber eben trotzdem nicht falsch ist.

Helmut Jungwirth und ich halten an der Universität Graz eine Lehrveranstaltung, in der wir versuchen, Studierenden das „Prinzip Science Busters“ zu erklären. Also, wie wir konkret Themen aussuchen, warum das hautenge rosa Shirt und die Kunststoffnippel eine wichtige dramaturgische Funktion haben, und wie man kürzt, ohne zu verfälschen. Dazu teilen wir Publikationen aus und bitten die Studierenden, das für sie Wesentliche herauszuarbeiten und zu präsentieren. Nach mehreren Arbeitsschritten kam oft die Rückmeldung, dass sie nie gedacht hätten, man könne soviel weglassen und trotzdem noch das Wesentliche referieren.

Durch diese Verkürzung bekommt man den Stoff nicht nur zeitlich in eine Länge, während der sich das Publikum gut konzentrieren kann, sondern man bekommt auch die Hände frei, neben der Sprache noch andere Gestaltungsmittel einzusetzen, um das Thema zu veranschaulichen. Das können Bilder, Töne, Experimente, Verkleidungen, Scheingefechte der Darsteller und dergleichen mehr sein.

Heinz Oberhummer erzählte immer, um eine neue Studie auf einen Aufsatz zu kürzen, der auf eine DIN A4-Seite passt, brauchte er mindestens zwei Tage. Und das war dann erst die Grundlage für alle weiteren Formen wie Radiokolumne, Bühnen- oder TV-Nummer.

Aber wenn alles passt, dann kommt dabei eine Nummer heraus, in der man die Errungenschaften der Wissenschaft feiern kann – etwa die Suche nach dem Ursprung des Lebens. Denn um dem Ursprung des Lebens auf die Spur zu kommen, schicken wir Menschen inzwischen Sonden über Jahre und Millionen Kilometer durchs All, um auf Kometen zu landen und zu schauen, woraus sie bestehen. Denn es könnte sein, dass Wasser oder andere Bausteine des irdischen Lebens mit Kometen zu uns gekommen sind. Findet man das, woraus Leben auf der Erde ist, woraus wir sind, auch dort?

Und es gibt tatsächlich Hinweise darauf – konkret in der Atmosphäre des Kometen Churyumov-Gerasimenko (der auch in der Welt der Wissenschaft liebevoll „Tschuri“ genannt wurde, was für Wiener Ohren ziemlich einschlägig klingt). Man hat darin die Aminosäure Glycin gefunden, Bestandteil vieler Proteine auf der Erde. Und Phosphor. Phosphor ist zwar kein Popstar unter den Elementen wie Gold oder Helium, aber ohne ihn gibt es kein Leben, wie wir es kennen – ohne Phosphor könnten wir nicht existieren. Und das war längst nicht alles, man hat noch viel mehr herausgefunden. Man weiß auch, wonach der Komet riecht. Die Sonde „Rosetta“ hat Moleküle, die der Komet ausgegast hat, analysiert – und viele davon kennen wir auch auf der Erde. Gefunden wurden Schwefelwasserstoff – der riecht bekanntlich nach faulen Eiern, Ammoniak – so duften Latrinen auf dem Oktoberfest, Formaldehyd, das einen säuerlich-beißenden Geruch verbreitet, das bittermandelartige Aroma von Cyanwasserstoff, und Schwefeldioxid, das nach Essig riecht. Und Methanol hat man auch entdeckt – also Alkohol.

Der Komet riecht somit wie ein Bubenzimmer am Morgen nach dem Abschlussabend des Schul-Skikurses. Eine Mischung aus Mundgeruch, Schweiß, Bierschiss und Eierfurz. Allerdings, wenn man uns Menschen kennt, vermutlich gar kein schlechter Ort, um nach dem Ursprung des Lebens zu suchen.

Und wer Heinz Oberhummer erlebt hat, wie er nach einer derartigen Erklärung begeistert aus diesen Zutaten noch einen Do-it-Yourself-Kometen live auf der Bühne gebastelt und danach den tosenden Applaus des Publikums entgegengenommen hat – der hat gesehen, wie gut Humor und Wissenschaft zusammenpassen können, und wie vielen Menschen man so von der Faszination der Naturwissenschaften erzählen kann, die nie eine Universität betreten oder sich einen wissenschaftlichen Vortrag anhören würden.

Begonnen haben die Science Busters zu dritt, heute stehen in wechselnden Besetzungen sechs Leute auf der Bühne: eine Verhaltensbiologin, ein Astronom, ein Molekularbiologe, zwei Kabarettisten und ein Chemiker. Der Experimentalphysiker Werner Gruber ist nicht mehr dabei, da er sich seit geraumer Zeit auf die Leitung eines Planetariums konzentriert. Und der Physiker Heinz Oberhummer ist leider im November 2015 gestorben. Aber er hat den Umbau der Science Busters noch mitinitiiert, hat auch noch erste Auftritte im erweiterten Ensemble miterlebt – und hätte sich sehr gefreut, wie gut es gelungen ist, das Projekt der populärwissenschaftlichen Wissensvermittlung um andere Disziplinen zu erweitern.

Die „Feinabstimmung des Universums“ war sein wissenschaftlicher Tophit, für den er sogar für den Nobelpreis nominiert war; mit den Science Busters hat er den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen, die wichtigste Auszeichnung des deutschsprachigen Raumes in diesem Gebiet. Es gibt nicht viele Wissenschaftler auf der Welt, denen dieser Spagat gelungen ist, in Österreich war Heinz Oberhummer der einzige. Und hat damit geholfen, die Grundlage zu legen, dass mit den Science Busters das Hohelied der Wissenschaft für alle gesungen werden kann. Denn wenn Menschen Wissenschaft nicht mehr verstehen, dann halten sie diese auch bald nicht mehr für wichtig für ihr Leben und unsere Gesellschaft. Dann wollen sie kein Geld dafür ausgeben und wenden sich Pseudowissenschaften zu, halten Zuckerkügelchen für Medizin, fürchten sich vor Kondensstreifen und lassen ihre Kinder nicht mehr impfen.

Aber wenn man dem Publikum ein Lachen ins Gesicht zaubern kann, während man ihm erzählt, wie außergewöhnlich die Reise der Sonde „Rosetta“ zum Kometen Tschuri war, und wenn es sich danach nicht nur gemerkt hat, was Tschuri auf Wienerisch heißt, sondern wie phantastisch Wissenschaft sein kann – dann können Wissenschaft und Humor zufrieden auf ein Bier gehen.

Martin Puntigam macht seit 1989 Kabarett und hat inzwischen 12 Soloprogramme aufgeführt. Seit der Gründung 2007 ist er kabarettistisches Mastermind der Science Busters, die Anfang diesen Jahres mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurden.


Letzte Änderungen: 12.07.2016




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