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20 Jahre Laborjournal

Die unterschätzte Welle

von Holger Zinke, ZWingenberg


Das biologische Wissen hat längst unsere Gesellschaft durchdrungen – und weil die „alten“ Branchen an ihre Grenzen stoßen, werden die kommenden zwanzig Jahre für Biologen noch spannender werden.

Blickt man zwanzig Jahre zurück, so ist praktisch unbemerkt eine neue Farbe sichtbar geworden: die Farbe „weiß“. Es wird schon bei dem Versuch einer solchen Einleitung dann auch sofort bezweifelt werden, dass „weiß“ überhaupt eine Farbe ist, und man statt von „weißer“ besser, wenn überhaupt, von „industrieller“ Biotechnologie sprechen solle. Doch dies löst die begriffliche Verwirrung nicht auf, denn sowohl die „rote“-biopharmazeutische wie auch die „grüne“ Agro-Biotechnologie sind ohne Zweifel ebenfalls „industriell“. Der Begriff „weiße Biotechnologie“ ist lediglich nicht klar definiert und auch deshalb wird die Bedeutung dieses Zweiges noch immer notorisch unterschätzt.

Die biotechnischen Produkte aus dem „weißen“ Sektor haben längst Eingang in unseren Alltag gefunden – allesamt Erfolgsbeispiele, die denen der roten Biotechnologie kaum nachstehen. Wer ist sich schon bewusst, dass eine ganze Reihe von Produkten mittlerweile essentiell auf biologischem Wissen basieren? So hängt die Leistung moderner Waschmittel von wenigen hundert Milligramm Enzymen pro Waschladung ab, die die wesentliche aktive Komponente darstellen. Es werden nicht mehr mehrere Becher Waschmittel aus der Zehn-Kilogramm-Trommel in eine Waschmaschine gefüllt wie noch vor wenigen Jahrzehnten; die Bäche und Flüsse tragen keine Schaumkronen mehr; und es muss auch nicht mehr bei 60 oder gar 95 Grad gewaschen werden. Es hat sich viel verändert – manche mögen einwenden: trivial – aber auch das trifft nicht zu. Hunderte von Forscherjahren sind investiert worden, Waschmittelenzyme zu dem zu machen, was sie heute sind. Man kann durchaus von den höchstentwickelten Biomolekülen sprechen: Praktisch jede Aminosäure wurde untersucht und ausgetauscht, die Produktionsprozesse und -organismen sind Hightech pur. Und dies führt auch zu bemerkenswerten unternehmerischen Erfolgsgeschichten: Eines der erfolgreichsten – nicht nur der weißen – Biotechnologieunternehmen ist die dänische Firma Novozymes, eine Abspaltung des Pharmakonzerns Novo Nordisk. Dieser Weltmarktführer für Enzym-Herstellung ist, wenn man auf den Börsenkurs schaut, für den Anleger erfolgreicher als die Pharmamutter. Und es ist auch viel erfolgreicher als „bloße“ Chemieunternehmen.

Dies überrascht, nimmt man an den Kapitalmärkten Biotechnologie immer noch als Nische wahr, als Spezialistenthema – und wenn nicht als technische, dann doch aus Anlegersicht äußerst risikoreiche Angelegenheit.

Was hingegen häufig übersehen wird: Die Biotechnologie hat die Pharmabranche binnen zwanzig Jahren völlig umgewandelt. Eine enorme Transformation auf Basis biologischen Verständnisses und Wissens ist durch die pharmazeutische Industrie gegangen. Enorme Summen wurde investiert, und längst wird mit biologischem Wissen – sprich: mit Biotechnologie – eine Menge Geld verdient. Dies ist hierzulande nicht so sichtbar. Hier beklagt man stattdessen gerne die Tiefschläge der Vergangenheit.

Es stimmt schon: die deutsche Pharmaindustrie – mit Recht einst „Apotheke der Welt“ genannt – konnte nicht so recht profitieren vom Bio-Boom. Heute findet über die Hälfte der industriellen Pharmaforschung und auch ein Gutteil Wertschöpfung in den USA statt. Dies ist umso bedauerlicher, als die beiden umsatzstärksten „Biologicals“, Humira und Enbrel, mit zusammen über 20 Milliarden US-Dollar Umsatz praktisch vollständig von Deutschen entwickelt worden sind, und viele US-amerikanischen Unternehmen von Deutschen mitgestaltet, zum Teil sogar mitgegründet wurden. Die deutsche Biotechnologiebranche wird heftig gescholten wegen einiger spektakulärer Misserfolge, doch an die Erfolge erinnert man sich nicht, denn diese wurden meist zum Gegenstand von Übernahmen.

Dies ist das Schicksal der deutschen Bio­technologie in einem notorisch schlechten Finanzierungsumfeld: Im Falle eines Misserfolgs wird abgewickelt, im Falle des Erfolgs das Unternehmen für eine spektakuläre Summe verkauft. Sicher ein Erfolg für die Entwickler, für die Investoren, manchmal auch für die Gründer. Aber aus einer volkswirtschaftlichen Gesamtsicht ist dies bedauerlich, denn so gelingt ganz gewiss nicht der Aufbau einer sichtbaren Branche.

An dieser Stelle soll gar nicht weiter über die grüne Biotechnologie lamentiert werden, die hierzulande eigentlich prosperieren müsste: Jahrzehntelange exzellente Forschung, die Entwicklung der wesentlichen Basistechnologien wie etwa das Agrobacterium-Transformationssystem durch Deutsche in Deutschland, auch heute noch eine international hervorragend aufgestellte Grundlagenforschung, und so weiter – und trotzdem: Eine Pflanzenbiotechnologie-Industrie ist keineswegs entstanden. Sie ist politisch und gesellschaftlich nicht gewünscht, unverdient und aus irrationalen Gründen. Diese wohl nicht zu ändernde Tatsache ist ein „Erfolg“ für die gutorganisierten Dauerkritiker, die dann aber auch die Verantwortung übernehmen mögen. Differenzierung wäre notwendig. Es soll nicht despektierlich verstanden werden, wenn man anmerkt: Es ist wirklich schade darum.

Es ist bemerkenswert, dass sich mit dem ursprünglich von der OECD (der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) geprägten Begriff „Knowledge Based Bio-Economy“ aus einer anderen Richtung eine neue Sichtweise ergab: Biotechnologie wird nicht als Nischentechnologie aufgefasst. Aus zwei Richtungen nähert man sich dem Thema, zum Einen aus der (überraschenden?) Erkenntnis der Endlichkeit fossiler Ressourcen als Grundlage der Energie und Grundstoffwirtschaft und zum Anderen dem explosionsartig vermehrten Wissen um die Grundlagen des Lebens, der Stoffwechselwege, der genetischen Grundlagen und der technischen Möglichkeiten, dieses quasi ingenieurmässig zu nutzen. Plötzlich wird sichtbar, dass ein bio- statt fossil-basiertes Wirtschaftssystem nicht der Wunsch einzelner Protagonisten ist, sondern eine Frage der Vernunft für ein Zeitalter des nachhaltigen Wirtschaftens.

Dies ruft nach politischen Initiativen. 2009 wurde ein Bioökonomierat zur Beratung der Bundesregierung installiert. Er hat in seinem Gutachten aus dem Jahr 2010 als zentralen Punkt empfohlen, Bioökonomie als System zu begreifen und die Vernetzung und Komplexität des Themas zu antizipieren. Es gibt kein primäres und generelles Richtig und Falsch. Auch die Wettbewerbs- und Wachstumsbegriffe sind nicht eindeutig, nicht einfach und eben nicht eindimensional anzuwenden.

Tatsächlich sind die Herausforderungen auf Ebene von Volkswirtschaften nicht groß genug einzuschätzen: es geht um einen Wechsel der Hauptrohstoffbasis ganzer Industrien und einem damit einhergehenden Wandel auch der Wertschöpfungsketten, auch und gerade der Konsumgüter. Womöglich ist sogar die „Energiewende“ mit all ihren politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen ein übersichtlicheres Terrain als eine künftige, derzeit mit zahlreichen Prognose­unsicherheiten gekennzeichnete, „bio­ökonomische“ Wirtschaftsform. Darüber sollte disziplinen- und lagerübergreifend diskutiert werden. Es werden Zeiträume von 20 bis 30 Jahren betrachtet. Es betrifft nicht nur einzelne Unternehmen oder Branchen; ganze Volkswirtschaften stehen im Wettbewerb, der nicht nur von einer Rohstoffbasis, sondern auch der Nutzung der Wissensbasis abhängt. So sind die Bioökonomie-Ambitionen von Volkswirtschaften wie Brasilien oder auch Argentinien bemerkenswert.

Der im April 2012 veröffentlichte „National Bioeconomy Blueprint“ der Obama-Administration setzt ebenfalls sehr ambitionierte Ziele. Er schließt interessanter- und richtigerweise auch die starke US-amerikanische (rote) Biotechologieindustrie explizit ein. Die bio­logische Revolution hat die US-Industrie massiv gestärkt, während hierzulande die „Apotheke der Welt“ verblasst ist.

Bioökonomie ist hierzulande nun richtigerweise Industriepolitik geworden. Die im Juni 2013 von der Bundesregierung beschlossene „Politikstrategie Bioökonomie“ ist ein enorm wichtiger Baustein zum politischen Verständnis der Bedeutung und des Wesens der „Bioökonomie“. Der Versuch, einen über Ressortgrenzen geltenden kohärenten Politikrahmen zu entwickeln zeigt, dass Bioökonomie eben mehr ist als Forschung und Technologie auf der einen und Rohstoffe und Verwertung auf der anderen Seite.

Und so ist es nicht nur eine ministerialbürokratische Petitesse, dass ein Referat im Bundeswirtschaftsministerium (!) seit wenigen Wochen „Biotech-Industrie, Bioökonomie und Lebensmittelindustrie“ heißt – und dass dieses Referat prominent in der Abteilung „Industriepolitik“ angesiedelt ist, innerhalb einer neuen Unterabteilung „Umwelt-, Klima-, Elektromobilität und Bioökonomie“. Man mag sich als Bio­loge für Berliner Ministerialorganisation nicht interessieren (was womöglich auch ein limitierender Faktor bei der Durchsetzung spezifischer Interessen bei der Verbandsarbeit ist), man mag über manche politische Aktivität schmunzeln, Aufregung oder Verständnislosigkeit zeigen, aber die Einordung des „Bio“-Themas in den großen politischen Themenkatalog unserer Zeit ist wichtig, richtig und nicht hoch genug einzuschätzen.

Es ist dies ein weiteres kleines, von vielen unbemerktes und für manche völlig irrelevantes Mosaik­steinchen, das aber die grosse Welle einer „Biologisierung“ von Gesellschaft, Industriezweigen und auch des politschen Denkens illustriert. Es ist keine Frage mehr, ob biologisches Wissen wirtschaftlich relevant ist oder ob ein bio­-basiertes Wirtschaftssystem entsteht. Die Fragen sind nunmehr eher: Wie wird es ausgestaltet sein? Wie wird Wissen genutzt? Wo wird Bioökonomie stattfinden? Und was ist der Bezug zur eigenen Volkswirtschaft, der Gesellschaft und des Individuums? Vor genau zehn Jahren wurde auf einem Berliner Kongress „Weiße Biotechnologie, Chancen für ein nachhaltige Chemieindustrie“ und nachfolgend einem politischen Thesenpapier konstatiert, dass jeder zehnte Industriearbeitsplatz von weisser Biotechnologie betroffen sei, was einen Aufschrei der Experten hervorgerufen hat: Wie man dazu komme, was denn die Definition von „Weißer Biotechnologie“ sei und was denn mit „betroffen“ gemeint wäre? Heute ist die Zahl und die Frage der Definition immer noch nicht geklärt, eher sind die Definitionen schwieriger geworden. Aber heute müsste die Zahl nach oben korrigiert werden, in einem nachhaltigen Wirtschaftssystem ist im Zweifel jeder Industriearbeitsplatz betroffen. Dies ahnt nun, und das ist wichtig, auch die vielgescholtene „Politik“.

Es waren mühevolle und von einigen Tiefschlägen geprägte zwanzig Jahre. Aber jetzt ist nicht mehr zu übersehen, wie stark das biologische Wissen das Wirtschaftssystem und auch die Gesellschaft und Politik durchdrungen hat und dies weiter tun wird. Es ist also nicht mehr eine Nische für wenige. Und weil parallel die etablierten Branchen und Wirtschaftssysteme an ihre Grenzen stoßen, versprechen die kommenden zwanzig Jahre, für Biologen noch spannender zu werden. Es ist zu hoffen, dass die hierzulande so starken „industriellen Strukturen“ die Welle für sich und die Gesellschaft positiv nutzen können. Es ist ein Privileg, in diesen Zeiten zu leben und als Mitglied einer wachsenden und immer diverser werdenden biologischen Community sogar manchmal an der Gestaltung mitwirken zu dürfen.

Die beste Möglichkeit, Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten – das Zitat von Willy Brandt trifft hier unbedingt zu. Einen herzlichen Glückwunsch und ein herzliches Dankeschön an die Gründer und die Redaktion des Laborjournals, die in diesen bewegten zwanzig Jahren etliche Mosaiksteine für die Community im besten Sinne investigativjournalistisch mitgestaltet haben.

Holger Zinke ist Mikrobiologe, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Brain AG (Zwingenberg) sowie stellvertretender Vorsitzender des Industrieverbunds Weiße Biotechnologie.


Letzte Änderungen: 11.07.2014

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