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Der verkannte Prophet

Winfried Köppelle


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Rätsel

(03.11.2015) Während die Amerikaner seine gewitzte Untersuchungsmethode früh wertschätzten, galt der Zigarrenraucher in seiner Heimat unter Medizinern nichts.

„Mit solchen Kunststückchen kannst Du Dich im Zirkus habilitieren, mein Lieber, aber nicht bei mir!“

Oh ja, er war stinksauer, der berühmte Geheimrat von der Charité, als er vom tollkühnen Selbstversuch seines neuen Mitarbeiters erfahren hatte: Der hatte sich einen mit Olivenöl eingeriebenen, 65 Zentimeter langen Gummischlauch in die Armvene eingeführt und ihn bis in die rechte Herzkammer bugsiert, ohne zu wissen, was passieren würde; war dann damit auch noch seelenruhig in den Klinikumskeller marschiert und hatte dort eine Röntgenaufnahme anfertigen lassen – was für ein haarsträubend verantwortungsloser Blödsinn war das denn? Unwirsch wies der autoritäre Medizinprofessor den frechen Jungspund zurecht und befahl ihm, derlei künftig zu unterlassen. Mit diesem Verweis beschädigte er die Reputation des Jüngeren irreversibel. Dessen wissenschaftliche Karriere war damit so gut wie tot.

Der Gesuchte war ohne Geschwister aufgewachsen und hatte schon als Zwölfjähriger den Weltkriegstod seines Vaters verkraften müssen. Der Onkel betrieb eine Landarztpraxis, und auch der Neffe beschloss, Medizin zu studieren. Im Berlin der Goldenen Zwanziger! Dort feierten die Bubi­köpfe und Schiebermützen allabendlich rauschende Parties; in den Nachtclubs und Ballhäusern jazzte es, am Alexanderplatz pulsierte das pralle Leben, und dazu gab’s Sechstagerennen und Max Schmeling im Sportpalast, Avantgardistisches von Beckmann, Dix und Klee, sowie Zauberberg, Marlene Dietrich und Kisch-Reportagen.

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Schweineleberbrühe literweise

Die Doktorarbeit unseres Jungarztes aber war noch viel aufregender. Mit der Zigarre im Mund betrieb der starke Raucher seine Experimente; und um zu beweisen, dass man Blutarmut durch die Verabreichung üppiger Vitamin-B12-Mengen heilen könne, tranken er und seine Kollegen täglich einen Liter Schweineleberbrühe und dokumentierten eifrig die Veränderungen ihrer Blutbilder. In einer Klinik in Eberswalde, die heute seinen Namen trägt, vollführte er im Alleingang und ohne Erlaubnis seines Chefs das eingangs geschilderte „Kunststückchen“ – inspiriert durch frühere Tierversuche dreier Franzosen. Die Beschreibung seines riskanten Selbstversuchs (als Begleiterscheinung erwähnte er „Hustenreiz, wohl durch Reizung benachbarter Nervenäste“) erschien Anfang November 1929 in der Klinischen Wochenschrift. Doch das eigentliche Ziel – eine neue, bessere Herzdiagnostik zu begründen – war ja noch längst nicht erreicht. Deshalb beeilte er sich, sein Experiment mit dem logischen nächsten Schritt zu krönen: Er bugsierte den Schlauch erneut bis zum Herzen – und spritzte sich eine 25-prozentige Jod-Natrium-Lösung in die schlagende Kammer, während er zeitgleich eine Röntgenaufnahme veranlasste. Doch die antiquierte, nur träge reagierende Bestrahlungsapparatur vereitelte eine gelungene Aufnahme und mangels Bildbeweis somit auch die geplante zweite Publikation.

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Enttäuscht verlegte er sich auf Tierversuche – und stellte mit Schrecken fest, dass seine Kaninchen reihenweise starben. Welch glückliche Fügung, dass er sein erstes Experiment nicht an ihnen durchgeführt hatte, denn in diesem Fall hätte er nie einen Selbstversuch gewagt! Endlich gelang es ihm doch, mithilfe eines robusten caninen Probanden, das obligate Foto anzufertigen und die bislang fehlende Veröffentlichung auf den Weg zu bringen.

Wie heißt der Gesuchte, dessen spektakuläre Ergebnisse bei der deutschen Chirurgenzunft jahrzehntelang auf Desinteresse stießen, während man im Ausland schon bald seine Technik anwandte und weiterentwickelte – und den schließlich ein später Nobelpreis für die Ignoranz seiner Landsleute entschädigte?




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Der gesuchte, verkannte Prophet ist der deutsche Mediziner Werner Forßmann (1904-1979). Als 25-jähriger Assistenzarzt führte er sich im Selbstversuch, unterstützt von einer Krankenschwester, im Sommer 1929 einen Gummischlauch über die Ellenbeugenvene bis ins Herz – genauer: die rechte Vorhofkammer – und realisierte damit die weltweit erste Herzkatheterisierung. Im Anschluss daran begab er sich samt gelegtem Schlauch ins Kellergeschoss und ließ dort auch gleich noch eine Röntgenaufnahme anfertigen. Sein Klinikchef hatte ihm das riskante Experiment verboten; und auch nach einem Wechsel an die Berliner Charité war der dort regierende Medizinerpapst Sauerbruch nicht entzückt. Nach Kriegsende und Berufsverbot wegen NS-Nähe sprach man Forßmann 1956 gemeinsam mit zwei US-Amerikanern unerwartet den Nobelpreis zu.