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Der schottische Marinedoktor

Winfried Köppelle


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Rätsel

(25.02.2016) Vor 269 Jahren veranlasste er die erste mehrarmige Studie der Geschichte – mit trotz niedriger Probandenzahl augenfälligem Ergebnis.

Es ist so peinlich – aber die meisten von uns kennen diesen klugen Mann nicht, weil er unzähligen Seeleuten Gesundheit und Leben gerettet und sich noch dazu um die Methodik in der klinischen Forschung unsterblich gemacht hat, sondern – wenn überhaupt – wegen eines mit Vitaminen angereicherten Erfrischungsgetränks. Genau: Ein bescheuerter Lifestyle-Tee in vier verdammten Geschmacksrichtungen, vertrieben von einer belgischen Firma, trägt seinen einst verehrten Namen. Das ist beschämend. Der Mann hat Besseres verdient.

Geboren im Jahr des Jakobitenaufstands in Eiddyns Festung, trat er mit 23 Jahren als frischgebackener Chirurg in die Royal Navy ein und kam als königlicher Schiffsarzt weit herum: er segelte durchs Mittelmeer nach Westafrika und bis in die Karibik. Später wechselte er zur britischen Kanalflotte, ließ sich in seiner Heimatstadt als Mediziner nieder und wurde im Alter von 42 Jahren zum Chefarzt eines Marinehospitals ernannt.

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Soweit kein außergewöhnlicher Lebenslauf, doch während seiner Dienstzeit veranlasste der hier Gesuchte ein extravagantes, wegweisendes Experiment: Er führte die weltweit erste mehrarmige klinische Studie durch – zu einer Zeit, in der man in Zentraleuropa noch reihenweise „mit dem Teufel im Bunde stehende“ Menschen als Hexen und Zauberer folterte und verbrannte.

Zugleich war die Epoche aber auch höchst fortschrittlich: Liberale Vordenker wie John Locke und David Hume hatten ihre Gedanken zu den Naturrechten Leben, Freiheit und Eigentum formuliert und Voltaire mit seinen aufrührerischen Texten der Französischen Revolution den Weg bereitet. Daniel Gabriel Fahrenheit erfand das Quecksilberthermometer, Thomas Newcomen die erste nutzbare Dampfmaschine, und Benjamin Franklin den flexiblen Harnkatheter. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts war die allgemeine Aufbruchsstimmung fast mit Händen zu greifen.

Mysteriöse See-Seuche

Auf den Weltmeeren hingegen merkten die Seeleute wenig von den sich anbahnenden Umwälzungen. Sie waren froh, wenn sie lebend und mit vollständigem Gebiss von ihren gefährlichen Reisen heimkehrten. Die Geißel jener Zeit war eine mysteriöse Seuche, welche den Körper nach zehn Wochen auf See „verfaulen“ und die bemitleidenswerten Erkrankten Zähne, Haare und Zuversicht verlieren ließ. Über drei Jahrhunderte war das Leiden auf den Decks der großen Segler allgegenwärtig; zwischen 1500 und 1700 soll es schätzungsweise zwei Millionen Tote gefordert haben. Keine Sprenggranate war wirkungsvoller.

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Immer wieder erkannten Einzelne probate Heilmittel, und regelmäßig ging dieses Wissen wieder verloren. So nutzten portugiesische Seefahrer schon früh vorbeugend Orangen und Zitronen, und englische Matrosen Zitronensaft als Therapie. Mitte des 18. Jahrhunderts beschloss der hier gesuchte Marinearzt, die Wirksamkeit der vielen angeblichen Heilmittel wissenschaftlich zu untersuchen und zu vergleichen. Er verordnete zwölf erkrankten Matrosen die jeweils gleiche Diät, wobei immer ein Probandenpaar pro Tag zusätzlich entweder einen Liter Apfelwein, 25 Tropfen Schwefelsäure, sechs Löffel Essig, einen Viertelliter Seewasser, drei Zitrusfrüchte oder eine Gewürzpaste mit Gerstenwasser erhielt. Das Ergebnis war evident: Nur die mit Zitrusfrüchten versorgten Probanden gesundeten; dem Apfelwein-Duo ging es zumindest ein wenig besser.

Doch was geschah? Erneut strafte man die doch so eindeutigen Resultate mit Missachtung, obwohl unser Mann nicht müde wurde, seine Mitmenschen über die „Seuche“ (die in Wahrheit eine Mangelerscheinung war) aufzuklären. Erst fünfzig Jahre später befahl die englische Admiralität, Zitronensaft in die offizielle Seeverpflegung aufzunehmen. Kurz zuvor war der Gesuchte verstorben. Wie heißt er?




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Der gesuchte, schottische Marinedoktor heißt James Lind (1716-1794). Lind trat 1739 in die Royal Navy ein und befuhr zehn Jahre lang die Meere. Er war ein Verfechter von Reinlichkeit und sauberer Seemannskleidung; Lind ließ die Kajüten regelmäßig belüften und ferner gelegentlich mit Schwefel und Arsen ausräuchern, um Krankheiten vorzubeugen. Schon zu Lebzeiten galt er als „Pionier der Bordhygiene“. Bekannt wurde er auch durch seinen Vorschlag, Trinkwasser durch die Destillation von Meerwasser zu gewinnen – und durch seine berühmte, sechsarmige Vergleichsstudie, in der er Therapien zur Behandlung von Skorbut gegeneinander austestete. Danach verfasste er eine Doktorarbeit über Geschlechtskrankheiten und wurde bodenständig. Seine gesammelten Erkenntnisse zur Skorbut, 1753 in A treatise of the scurvy niedergeschrieben, wurden zunächst ignoriert.