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Der deutsche Kakteenkundler

Winfried Köppelle


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Rätsel

(28.04.2016) Der mit 23 Jahren nach Übersee ausgewanderte Mediziner studierte lieber die Beschaffenheit von Nordamerikas Stammsukkulenten als die Wehwehchen seiner Patienten.

Was verbindet säulig-bedornte Wüstenbewohner mit wohlklingenden Meistergitarren der gehobenen Preisklasse? Nicht viel, und doch gibt es Gemeinsamkeiten: Beider Grundbaumaterial ist botanisch, und sowohl hier als auch dort taucht immer wieder ein Männername auf, der urdeutsch klingt und doch einem Amerikaner gehört. Diesen Namen gilt es herauszufinden.

Freunde spanischer Gitarrenmusik im Stile Tárregas und Aguados ahnen vielleicht schon, um wen es sich handelt: um einen deutschstämmigen Arzt und Botaniker, nach dem ein immergrünes Gewächs aus der Familie der Kieferngewächse benannt ist. Wegen seines klaren Obertonspektrums und der edlen Seidenoptik gilt dessen Holz als ideales Baumaterial für die Decke hochwertiger Konzertgitarren. Heimisch ist die erstmals 1863 beschriebene Pflanze vor allem im pazifischen Nordwesten der USA; trotz ihrer flachen Wurzeln erreicht sie Wuchshöhen von bis zu 48 Metern und wird bis zu 600 Jahre alt. Bereitet die Motorsäge jedoch einem in höheren Lagen besonders langsam und damit gleichmäßig gewachsenem Exemplar ein vorzeitiges Ende, so erfährt das extrem leichte, resonanzfreudige Holz oftmals eine akustische Wiedergeburt in der Werkstatt eines Instrumentenbauers.

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Junger Abenteurer mit Botanik-Spleen

Ob der hier Gesuchte musikalisches Talent besaß, ist dem Verfasser dieses Rätsels nicht bekannt; eine gute Portion Abenteuerlust scheint er jedenfalls besessen zu haben – denn wer von uns würde sich mit gerade einmal 23 Lebensjahren ins Ungewisse verabschieden, in ein Land der Indianerkriege, Siedlertrecks und Sklaverei?

Wie auch immer – neun Monate, nachdem Charles Darwin mit der HMS Beagle von Devonport aus in See gestochen war, machte sich auch unser Mann in Bremen auf die längste Reise seines Lebens quer über den Atlantik und dann per Dampfschiff auf Ohio und Mississippi hoch in die Gateway City des Wilden Westens. Dort eröffnete der Erstgeborene der 13 Kinder eines Frankfurter Pädagogen eine Arztpraxis, verbrachte seine Freizeit jedoch vorrangig im Gelände beim Botanisieren und Naturbeobachten. Er präparierte Schlangenhäute, begann akribisch über 46 Jahre hinweg alle möglichen Wetterdaten zu sammeln, untersuchte für eine Minengesellschaft eine Silbererz-Lagerstätte und erkrankte zwischendurch an Malaria.

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Neben seinen umfassenden meteorologischen Aufzeichnungen, die bis heute vom amerikanischen Wetterdienst genutzt werden, machte sich der Gesuchte vor allem um die nordamerikanischen Cactaceae verdient. Er sammelte unzählige Belegexemplare und verschickte diese an Naturkundemuseen und botanische Gärten; er beschrieb zahlreiche Gattungen und Arten im Dunstkreis von Echinocactus, Opuntia und Mamillaria; und er publizierte eine Reihe wichtiger Fachartikel über die ausdauernden Stammsukkulenten. Seine wichtigste Einzelarbeit – eine Gesamtübersicht über die damals bekannte Kakteenflora Nordamerikas – erschien just im selben Jahr, in dem Darwin auf der anderen Seite des Atlantiks On the Origin of Species veröffentlichte.

Nach einem Vierteljahrhundert in Amerika besuchte der Mann, dessen Doktorarbeit einst keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe beeindruckt hatte, noch einmal Europa – und traf sich dort mit Alexander von Humboldt und anderen Naturkunde-Koryphäen. Zurück in den USA, unterstützte er die Gründung des Missouri Botanical Gardens und erforschte noch im reifen Alter von 71 Jahren Regenwälder und die Sonora-Wüste. Ein Berggipfel und mehrere Pflanzenarten sind nach dem Gesuchten benannt, so auch die eingangs erwähnte Konifere. Wie heißt er?




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Der gesuchte, deutsche Kakteenkundler ist der Deutsch-Amerikaner George Engelmann (1809-1884). Im Auftrag der Großfamilie Engelmann reiste der 23-Jährige, frisch (mit einer Arbeit über Blütenfehlbildungen) promovierte Jungmediziner 1832 in die Vereinigten Staaten, um eine eventuelle Auswanderung seiner Verwandten vorzubereiten. Zumindest George blieb zeitlebens in Übersee hängen, praktizierte in seinem erlernten Brotberuf als Arzt nur zeitweise zum Lebensunterhalt und verwirklichte in seiner Freizeit seine naturkundlichen Ambitionen. Engelmanns Erstbeschreibungen nordamerikanischer Kakteen – speziell das 1859 veröffentlichte Werk Cactaceae of the Boundary – sollten ihn in Fachkreisen bekannt machen. Ein Berggipfel und mehrere Pflanzenarten sind nach ihm benannt, so die im Gitarrenbau geschätzte Engelmann-Fichte (Picea engelmannii).