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Der nervenstarke Tscheche

Winfried Köppelle


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Rätsel

(06.06.2016) Eine ganze Reihe biologischer und medizinischer Fachbegriffe sind nach dem nationalbewussten Kämpfer für die Unabhängigkeit seiner Volksgruppe benannt.

Jeder Medizinstudent kennt seinen Namen. Er steht für die größten Nervenzellen im Cerebellum, birnenförmig und von einem wild verzweigten Dendritenbaum geschmückt, die der legendäre spanische Neuroanatom Santiago Ramón y Cajal vor über hundert Jahren so kunstvoll auf Papier bannte. Der Name des hier Gesuchten steht auch für die zu jenen Zellen hinführenden Axone; er steht für der Erregungsausbreitung dienende Herzmuskelzellen, für das sich zu einem Vogelembryo entwickelnde Keimbläschen und für allerlei Effekte, die die Trägheit unseres optischen Wahrnehmungsapparates offenlegen.

Der multiple Namensgeber all dieser und vieler weiterer medizinischer Fachbegriffe kam im aufgeklärten Absolutismus des Königreichs Böhmen (dem heutigen Tschechien) zur Welt. Der aus einfachem Elternhaus stammende Knabe scheint ein höchst talentierter Sänger und Violonist gewesen zu sein: Mit einer bezahlten Stelle im Kirchenchor finanzierte er seinen Schulbesuch und trat danach einer katholischen Männer-Ordensgemeinschaft bei. Kurz vor der geplanten Priesterweihe suchte er jedoch das Weite, studierte in Prag Philosophie, verdingte sich als Hauslehrer auf dem Privatschloss eines Adeligen, und nahm schließlich als 26-Jähriger ein Medizinstudium auf. Fünf Jahre später war er Doktor der Medizin, bewarb sich jahrelang erfolglos auf tschechische Lehrstühle und wurde im Alter von 36 Jahren zum Professor für Pathologie und Physiologie an der polnischen Universität Breslau ernannt.

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Keimzelle der Histologie in Europa

Dort hatte er unter seinen zumeist missgünstigen Kollegen einen schweren Stand und bald keine Diensträume mehr; die Forschung verlagerte unser Gesuchter zwangsweise in seine Breslauer Privatwohnung, wo seine Studenten binnen weniger Jahre ein gutes Dutzend epochaler Dissertationen anfertigten. Später baute er in einem ehemaligen Karzerraum der Universität ein bald hochgeachtetes experimentell-physiologisches Institut auf, das heute als Wiege der Histologie in Mitteleuropa gesehen wird.

Nach 26 Jahren in Breslau, wo er trotz großer Widerstände unglaublich fruchtbare Forschung leistete, nahm er einen Ruf an die Universität Prag an. Dort verschaffte man dem inzwischen zu Berühmtheit gelangten Neuroanatomen ein opulent ausgestattetes Institut mit Luxus-Etat. Er hätte den Wechsel besser bleiben lassen sollen; wissenschaftlich bewegte er bis zu seiner Emeritierung nichts Neues mehr.

Stattdessen verlegte er sich, nunmehr knapp sechzigjährig, auf die Politik. Als glühender Nationalist engagierte er sich für die Gleichberechtigung und Selbständigkeit der slawischen Völker, hielt seine Vorlesungen parallel auch auf tschechisch, änderte seinen Familiennamen und ließ sich als Abgeordneter in den böhmischen Landtag wählen.

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Die wissenschaftlichen Lorbeeren unseres Gesuchten sind stattlich: Er erforschte die Physiologie des Sehens, den Tastsinn und das Schwindelgefühl; er lieferte Beiträge zur Analyse von Fingerabdrücken und entdeckte die Schweißdrüsen, das Augenleuchten sowie die eingangs beschriebenen Neurone und Fasern. Ferner prägte er die Begriffe „Enchym“ und „Protoplasma“ – und ersann, offenbar auch handwerklich begabt, einen Projektionsapparat zur Darstellung bewegter Bilder.

Wie heißt der im 83. Lebensjahr verstorbene Physiologe, der Ehrenbürger von 21 tschechischen Gemeinden war, vom österreichischen Kaiser einst zum Ritter geschlagen und dennoch von der staatlichen Geheimpolizei beobachtet wurde?




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Der gesuchte, nervenstarke Tscheche ist der Physiologe und bömische Nationalpolitiker Jan Evangelista Purkyne (1787-1869). Der „talentierte Geigenspieler“ jobbte als Schüler im Kirchenchor, beendete kurz vor der Priesterweihe seine Mönchskarriere und studierte stattdessen Medizin. Ab 1832 baute er im schlesischen Breslau ein experimentell-physio­logisches Institut auf (laut Fachkollegen die „Wiege der Histologie in Mitteleuropa“) und erforschte die Physiologie des Sehens, den Tastsinn und das Schwindelgefühl. Purkyneěund seine Studenten entdeckten die Schweißdrüsen, das Augenleuchten, das Keimbläschen im Vogelei sowie nach ihm benannte Neurone, Fasern und optische Effekte, und prägten die Begriffe „Enchym“ und „Protoplasma“. In seiner zweiten Lebenshälfte engagierte er sich in der panslawischen Bewegung und wurde Landtagsabgeordneter.