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Der Schnittebesudler

Ralf Neumann


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Rätsel

(26.02.2020) Manchmal birgt gerade ein Unfall großes Potenzial für die Forschung – vorausgesetzt, man erkennt es dann auch. Bei unserem Gesuchten war das klar der Fall.

Eine wissenschaftliche Karriere wie diejenige unseres Gesuchten ist heute nicht mehr möglich. Oder kennt jemand einen zeitgenössischen Forscher, der seine Fußspuren nacheinander in derart verschiedenen Disziplinen wie Botanik, Zoologie, Hämatologie, Pathologie, Klinischer Mikrobiologie und Pharmakologie hinterlässt?

Aber der Reihe nach: Seine Eltern hießen Frederik und Louise mit erstem Vornamen – und hatten dahinter noch ein paar mehr. Unser Gesuchter selbst sollte von seinen eigenen drei Vornamen ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch den zweiten benutzen.

Geboren wurde er als ältester von sieben Brüdern in der Stadt der berühmten Kleinen Meerjungfrau – im gleichen Jahr, in dem Charles Darwin die Medaille der britischen Royal Society für seine Arbeiten über Seepocken erhielt. Schon in der Schule zeigte der sportbegeisterte junge Mann großes Interesse an den Naturwissenschaften und stürzte sich erst einmal in die Botanik. Hier stellte er sich bald derart geschickt beim Mikroskopieren an, dass er bereits im Alter von zwanzig Jahren botanischer (!) Assistent eines Zoologen norwegischer Abstammung wurde, der unter anderem das Potenzial steinzeitlicher Muschelhaufen für die Interpretation früherer Klima- und Vegetationsveränderungen erkannt hatte.

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Damit war das nachfolgende Disziplinen-Hopping unseres Gesuchten im Prinzip angestoßen. Besonders lange hielt es ihn jedenfalls nicht bei diesen „paläoklimatozoobotanischen“ Fragestellungen. Vielmehr schwenkte er um in die Medizin, um darin erst den „M.D.“ und im Alter von dreißig Jahren schließlich auch den „Ph.D.“ von der Universität seiner Heimatstadt verliehen zu bekommen. Zum Abschluss dieser Zeit hatte er in eleganter Handarbeit erstmals Erythrozyten in ihrem eigenen Serum untersucht. Ein Aufsatz über deren Zahl und Größe in besonderen Fällen von Blutarmut hatte ihm gar eine Goldmedaille seiner Alma mater eingebracht.

Die klinische Ausbildung im Gepäck tingelte der so Gepreiste erstmal zwei Jahre quasi als Postdoc durch Europa – was ihn unter anderem auch in die unmittelbare Nachbarschaft Paul Ehrlichs und Robert Kochs führte. Dort arbeitete er im Labor eines bekannten Pathologen, der – selber lungenkrank – seinen Fokus vor allem auf Lungenentzündung und Tuberkulose gerichtet hatte. Und ebendort sollte er auch die Entdeckung machen, die bis zum heutigen Tag mit seiner Person verbunden ist.

Diese startete buchstäblich mit einem Unfall: Unbeabsichtigt schüttete unser „Postdoc“ eine Lösung, die dem Labor eigentlich zur Stärkefärbung diente, über zwanzig Lungenschnitte von Patienten, die an Lobärpneumonie verstorben waren. Glücklicherweise jedoch schmiss er die besudelten Schnitte nicht gleich weg, sondern schaute sie sich etwas genauer an – und erkannte umgehend die Bedeutung dessen, was er sah...

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Im Rückblick sollte sich dieser Moment als die Geburtsstunde eines simplen Verfahrens erweisen, mit dem sich bald darauf ein jeder Student in einem bestimmten biologischen Praktikum etwas mehr Klarheit über seine Proben verschaffen musste. Als unser Gesuchter sein Verfahren jedoch erstmals in derjenigen Zeitschrift vorstellte, die damals sein eigener Chef herausgab, stapelte er ziemlich tief und schloss ab mit den Worten:

„Ich habe die Methode veröffentlicht, obwohl mir bewusst ist, dass sie bislang sehr fehlerhaft und unvollkommen ist; es ist aber zu hoffen, dass sie sich auch in den Händen anderer Forscher schließlich als nützlich erweisen wird.“

Worauf sein Chef entgegen aller Gebräuche des wissenschaftlichen Publizierens einen eigenen Nachsatz ergänzte:

„Hierzu möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass ich die [...] Methode als eine ganz ausgezeichnete kennen gelernt habe.“

Ein sehr früher Post-Publication-Peer-Review, wenn man so will.

Die Methode wurde tatsächlich nachfolgend mehrfach modifiziert und verbessert, blieb aber bis heute unter seinem Nachnamen bekannt. Unser Gesuchter selbst orientierte sich jedoch bald wieder um, wendete sich der Pharmakologie zu und praktizierte als Internist in seiner Heimatstadt. Zur vorletzten Jahrhundertwende wurde er dort schließlich ordentlicher Professor für Pathologie an der Universität. Bis kurz vor seiner Pensionierung stand er zudem zwanzig Jahre lang dem Vorgänger der heutigen Europäischen Arzneibuch-Kommission vor – und strich in dieser Zeit viele wirkungslose Therapeutika aus dem Feld. Er starb 85-jährig kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs.

Wie hieß er mit allen drei Vornamen?




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Der „Schnittebesudler“ ist Hans Christian Joachim Gram, der durch eine Ungeschicklichkeit die nach ihm benannte diagnostische Bakterien-Färbung erfand – auch wenn er ansonsten nicht viel mit Bakterienforschung am Hut hatte.