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Die Vielpresserin

Ralf Neumann


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Rätsel

(05.03.2020) Die Folgen ihrer Scheidung machten unsere Gesuchte zur botanischen Mega-Sammlerin. Ihre Fundstücke werden bis heute ausgewertet.

Wer Biologie studiert hat, musste sicher auch durchs Botanik-Praktikum. Und wie bekam man in aller Regel am Ende den Schein dafür? Richtig – durch Pflanzen sammeln, pressen und bestimmen. Da es aber meist schon mehrere Dutzend sein sollten, machte die Presserei bisweilen richtig Arbeit. Und ging auch hin und wieder schief.

Unsere Gesuchte würde sich heute angesichts solcher Nöte wohl ziemlich gut amüsieren. Laut mehrerer Quellen presste und konservierte sie in nur dreizehn Jahren aktiver Tätigkeit als Forscherin um die 150.000 Pflanzen, Blüten und Blätter. Und das, obwohl sie erst im fortgeschrittenen Alter von 51 Jahren damit begann.

Geboren wurde die spätere Botanikerin in der US-amerikanischen Hauptstadt, wo ihr Vater sein Heimatland damals als Diplomat vertrat. Zwei Monate nach ihrer Geburt sollte in einem anderen Teil der Welt der französische Kaiser Napoleon III. Preußen samt seinen weiteren deutschen Verbündeten den Krieg erklären.

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Als die Diplomatentochter neun Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Zuerst blieb sie bei ihrer Mutter und zog nach Phila­delphia und Kanada. Später jedoch, als junge Erwachsene, ging sie zu ihrem kranken Vater, um ihn in dessen Heimatland zu pflegen. Dort heiratete sie schließlich – doch als sie 28 Jahre war, starb ihr Ehemann. Und auch ihr „zweiter Versuch“ war nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt: Mit Mitte Dreißig erfolgte die Scheidung von Ehemann Nummer zwei.

Wenn man will, kann man diese Scheidung jedoch durchaus als Startschuss zu ihrer Karriere als Pflanzensammlerin ansehen. Denn nach ihrem Neustart als Sozialarbeiterin in der kalifornischen Stadt mit der berühmten Brücke schloss sie sich dort einem gewissen Club an, mit dem sie zahlreiche ausgedehnte Wandertouren in der näheren und weiteren Umgebung unternahm. Wie sie selber sagte, verschaffte ihr dies den dringend benötigten inneren Frieden nach der offensichtlich heftigen Scheidung.

Gleichzeitig jedoch weckten diese Touren in ihr ein geradezu leidenschaftliches Interesse an der Pflanzenwelt inklusive der botanischen Wissenschaft. Dennoch dauerte es bis zu ihrem 51. Lebensjahr, bis sie erstmals einen Botanik-Kurs an der University of California in Berkeley besuchte. Zwar sollten noch viele weitere Kurse folgen, einen wissenschaftlichen Abschluss jedoch machte unsere Senior-Studentin nie.

Stattdessen startete sie lieber zu immer ausgedehnteren Exkursionen, teilweise sogar abenteuerlichen Expeditionen, um Pflanzenexemplare zu sammeln und zu konservieren. Ihre Ziele streuten sich über den gesamten amerikanischen Kontinent von Chile bis Alaska – und nicht selten war sie alleine unterwegs, was für eine Frau im frühen 20. Jahrhundert mehr als bemerkenswert war. Einmal schipperte sie beispielsweise im Dampfschiff den Amazonas bis an die Grenze der Befahrbarkeit flussaufwärts, um dann mit einem Floß aus Balsaholz sowie mit dem Kanu noch weiter in Richtung Quellen vorzudringen. Zweieinhalb Jahre und 4.800 Kilometer weit war sie schließlich auf dem Fluss unterwegs.

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Am Ende hatte unsere Sammlerin knapp 150.000 Pflanzenexemplare konserviert, dabei über fünfhundert bis dahin unbekannte Spezies aufgespürt sowie eine gänzlich neue Gattung von Korbblütlern beschrieben. Und quasi nebenbei entdeckte sie auch noch eine neue Gattung von pflanzenpathogenen Rostpilzen.

Der Großteil ihrer Sammlung ist heute in der California Academy of Sciences untergebracht, Ableger davon befinden sich aber auch in den Forschungsstellen vieler anderer Museen und Botanischer Gärten – etwa in London, Paris, Stockholm, Zürich, Genf sowie mehreren Orten in den USA.

Wie hoch ihr tatsächlicher Beitrag zum botanischen Wissen damit ist, lässt sich allerdings immer noch nicht endgültig festmachen. Bis zum heutigen Tag, über achtzig Jahre nach ihrem Tod, werden ihre gepressten Proben weiter untersucht und klassifiziert.

Ein durchaus nachhaltiges Vermächtnis, das unsere Reise- und Abenteuer-lustige Pflanzennärrin der Botanikerzunft folglich hinterließ. Sicherlich nachhaltiger als die Leistungen vieler männlicher Kollegen, die sie damals trotz ihrer vielen gehaltvollen Vorträge nur selten als ausgewiesene Wissenschaftlerin akzeptierten. Vielmehr qualifizierten diese sie meist abschätzig als „reine Sammlerin“ ab.

Ihre letzte Expedition führte sie im Alter von 68 Jahren in den Südwesten des Heimatlandes ihrer Eltern. Doch auch jetzt brachte dieses ihr kein Glück: Mittendrin wurde bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert. Sie musste umkehren und starb wenige Monate später.

Ihr Name jedoch lebt weiter in rund fünfzig Artnamen der von ihr gesammelten Pflanzen. Wie lautet er?




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Die „Vielpresserin“ ist Ynes Enriquetta Julietta Mexia, die in gut 16 Jahren voller Exkursionen quer über den amerikanischen Kontinent der Botanik über 150.000 konservierte Pflanzenproben hinterließ.