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Der Aggressionsdämpfer

Ralf Neumann


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Rätsel

(10.05.2021) Auf manchen Posten braucht man als Forscher nicht nur wissenschaftliches Geschick. Unser Gesuchter beweist das seit knapp vierzig Jahren.

Lemmy Kilmister, der verstorbene Sänger der Heavy-Metal-Band „Motörhead“, und unser Gesuchter haben etwas gemeinsam: Beide kamen an einem Heiligabend zur Welt – Letzterer allerdings fünf Jahre vor Kilmister und nicht in Stoke-on-Trent, sondern in Brooklyn, New York. Als Sohn italienischer Einwanderer wuchs er zunächst in dem italoamerikanisch geprägten Viertel Bensonhurst auf, bevor sein Vater Stephen ein Häuschen im Stadtteil Dyker Heights kaufte. In dessen Erdgeschoss betrieb die Familie fortan eine Drogerie, in welcher der Sohn von klein auf mitarbeitete: Mutter und Schwester kassierten, er selbst packte Medikamente ein und lieferte sie aus.

Die Schulbildung des „Junior-Apothekers“ war zuerst stark katholisch und dann vor allem jesuitisch geprägt. Die Folgen blieben nicht aus: So räumte er selbst einmal ein, dass es wohl insbesondere die jesuitische Lehre vom Dienst am anderen war, die ihn schon früh den Plan fassen ließ, Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Ersteres tat er zunächst an einem jesuitischen College knapp zweihundert Kilometer nordwestlich seiner Heimat, bevor er wieder zurückkam, um an einer der sogenannten Ivy-League-Universitäten seinen medizinischen Abschluss zu machen.

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Bereits im Alter von 28 wechselte der junge Mediziner als klinischer Mitarbeiter an ein staatliches Forschungsinstitut, das seitdem um ein Vielfaches angewachsen ist und dem er seit 1984 bis zum heutigen Tage als Direktor vorsteht. Zehn Jahre zuvor war er zum Leiter der Abteilung für klinische Physiologie ernannt worden, wo er sich insbesondere der Behandlung von Patienten mit Autoimmunkrankheiten widmete.

Eines Tages hatte er dazu eine entscheidende Idee – und die kam etwa so zustande: Als Spezialist für Infektionskrankheiten beriet er sich oft mit den Ärzten des benachbarten Krebs-Instituts, da viele von deren Patienten sich aufgrund ihres Chemotherapie-geschwächten Immunsystems opportunistische Infektionen einfingen. Der Gedanke, dass geringere Dosierungen derselben Chemotherapeutika womöglich die überschießenden Immunreaktionen bei Autoimmunkrankheiten im Zaum halten könnten, ohne das Immunsystem komplett zu unterdrücken, lag im Rückblick betrachtet eigentlich nicht so fern – unser Gesuchter jedoch war es, der die Idee als Erster formulierte und in die Praxis umsetzte. Am Ende seiner Studien stand tatsächlich der erwartete Durchbruch – insbesondere in der Behandlung von bis dato unheilbaren entzündlich-rheumatischen Vaskulitiden wie Polyarteriitis nodosa, Granulomatose mit Polyangiitis oder Lymphomatoide Granulomatose.

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Dass unser Gesuchter wenige Jahre später Direktor seiner Einrichtung wurde, verdankte er wiederum einer Immunschwäche – allerdings auf völlig andere Weise. Die Krise rund um das Erworbene Immunschwächesyndrom AIDS hatte ihren Höhepunkt erreicht, und gerade in seinem Heimatland wurde der Ton in Gesellschaft und Politik daher besonders rau. Die Regierungspolitik inklusive der staatlichen Stellen hatte nur langsam auf die Krise reagiert, und die Patientengemeinschaft, zu denen anfangs vorwiegend homosexuelle Männer und Drogenkonsumenten gehörten, wurde zunehmend wütend, da sie sich ob der Gleichgültigkeit der Politik stigmatisiert fühlte. Als der bis dahin amtierende Institutsdirektor daraufhin seinen Platz räumte, folgte ihm unser Gesuchter nach.

Trotz der vielen politischen Pflichten dieses Amtes blieb er auch als Forschungsleiter aktiv – und erfolgreich: Viele Einsichten zu den molekularen und zellulären Mechanismen der AIDS-Erkrankung kamen aus seinem Haus – und führten zur Entwicklung von antiviralen Medikamenten und Therapien, die HIV-positiven Patienten schließlich ein weithin langes und aktives Leben ermöglichten. Nicht umsonst rangiert er bis heute unter den meistzitierten Forschern weltweit.

Auffälliger waren seitdem aber seine Arbeit und seine Auftritte als Regierungsberater. Gerade in der AIDS-Krise galt er schnell als „Gesicht der Regierung“ und wurde von Teilen der Öffentlichkeit massiv angefeindet. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen beschuldigte ihn gar ein landesweit bekannter Dramatiker öffentlichkeitswirksam des Mordes, da er der Meinung war, dass die Regierung den Patienten unter dem Vorwand mehrjähriger klinischer Studien vielversprechende Medikamente vorenthalten würde. Anstatt sich zu isolieren, suchte „der Direktor“ jedoch den direkten Dialog mit Patienten, Ärzten und Aktivistengruppen und konnte mit seiner ruhigen und geduldigen Art die Wogen schließlich Stück für Stück glätten – nicht zuletzt auch, weil er zudem neue Kanäle für den Zugang zu experimentellen Medikamenten öffnete.

Unser Gesuchter war also schon gut in politischen Gesundheitskontroversen geschult, als im letzten Jahr die Corona-Krise die nächsten heftigen Auseinandersetzungen in seinem Land auslöste. Dass er in diesem Zusammenhang von seinem obersten Dienstherrn als „Idiot“ und „Katastrophe“ beschimpft wurde, hatte allerdings auch für ihn eine neue Qualität.

Wie heißt der derart Beschimpfte?





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Der „Aggressionsdämpfer“ ist Anthony Fauci, der als Infektionsimmunologe und Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) die US-Regierung in der Coronakrise berät