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Fische, Fliegen, Frösche - und vor allem Mäuse

Zitationsvergleich 1997 bis 1999: Entwicklungsbiologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 9/2001


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Mit wenigen Artikeln zu vielen Zitierungen. An sich ein Zeichen für gute Forschungsqualität statt schierer Paper-Masse. Den Entwicklungsbiologen gelang dies in den Jahren 1997 bis 99 durchaus.

Eine wahre Traditionsdisziplin, die Entwicklungsbiologie. Voller klingender Namen ist deren deutschsprachige Geschichte. Das beginnt etwa bei Ernst Haeckel, setzt sich fort über Hans Driesch, Wilhelm Roux oder die Brüder Oscar und Richard Hertwig bis hin zum Nobelpreisträger des Jahres 1935, Hans Speman.

Und auch nach dem Krieg ging es mit durchaus vergleichbarer Qualität weiter: Der Freiburger Klaus Sander beschrieb den ersten morphogenetischen Gradienten in Insekteneiern, Alfred Gierer und Hans Meinhardt formulierten ihre Gradiententheorie der biologischen Musterbildung, der Basler Walter Gehring entdeckte die Homöobox und Christiane Nüsslein-Volhard erhielt schließlich im Jahre 1995 den Nobelpreis für ihre systematische Mutagenese und Analyse von Drosophila-Entwicklungsmutanten, die sie mit Eric Wieschhaus zwischen Ende 1979 und 1980 durchführte.

Walter Gehring und Christiane Nüsslein-Volhard sind auch heute noch aktiv, wenn auch ihre Publikationen der Jahre 1997 bis 99 nicht ganz top zitiert wurden. Für Gehring reichte es zu Platz 22, für Nüsslein-Volhard gar nur“ zu 29.

Doch hier muss einiges erklärt werden. Nicht nur in der Entwicklungs-Szene“ ist bekannt, dass die Tübinger MPI-Direktorin Mitte der 90er Jahre einen ähnlichen systematischen Mutanten-Screen, wie seinerzeit mit der Fliege Drosophila, jetzt mit dem Wirbeltier Zebrafisch durchführte. Die Ergebnisse dieser Fleißarbeit waren der Zeitschrift Development im Dezember 1996 ein Sonderheft wert, in dem Nüsslein-Volhard und Co. gleich 25 Artikel auf einmal veröffentlichen durften. Damit hatte sie auf einen Schlag viel Daten-Pulver“ verschossen, und es scheint logisch, dass darauf vorerst eine vergleichsweise ruhigere Zeit folgen musste.


Was ein Monat ausmacht

Die Community“ würdigte jedoch ihre neuerliche Pionierleistung, indem sie die gesammelten 25 Development-Artikel bis zum Juli 2001 insgesamt 1.420mal zitierte. Wäre das Heft also einen Monat später erschienen, stünde sie klar auf Platz eins der meistzitierten Entwicklungsbiologen. Und auch viele ihrer damaligen Mitarbeiter stünden weiter oben. Pascal Haffter etwa, der indes auch ohne die Development-Artikel auf Platz 12 rangiert. Oder Matthias Hammerschmidt (46.) und Michael Brand (47.), die inzwischen in Freiburg und Dresden forschen. Andere ihrer Mitarbeiter, die es gar nicht unter die Top 50 geschafft haben, wären zudem sicher darunter. Carl-Philipp Heisenberg etwa, oder Jörg Odenthal.

Und noch einer rutscht wegen des Monats, den Development mit seinem Zebrafisch-Sonderheft für unsere Wertung zu früh erschien, weiter ab, als er es womöglich verdient: der Freiburger Wolfgang Driever. Er steuerte aus einem Parallel-Screen seiner Gruppe, damals noch in Harvard/USA, 13 weitere Papers zu dem Sonderheft dazu, die bis Juli diesen Jahres 714mal zitiert wurden. Zwischen 1997 und 99 konnte er dann nur“ noch 10 Artikel nachlegen, die zusammen 196 Zitate einstrichen - zu wenig für die Top 50.

So sind die Jahre 1997 bis 99, nachdem 1996 eindeutig das Jahr des Fisches“ war, dominiert von Mäuse-Forschern. Gleich sechs der zehn Erstplatzierten verdanken ihre guten Bilanzen dem Nagetier. Drei landeten ganz vorn.

Die meisten Zitate strich dabei Peter Gruss ein, der Direktor der Abteilung Molekulare Zellbiologie am Göttinger MPI für biophysikalische Chemie. Folgerichtig platzierten sich auch drei seiner an Seniorstelle“ gezeichneten Artikel auf den Plätzen 3, 5 und 7 der am häufigsten zitierten Werke deutscher Entwicklungsbiologen. Doch nicht mit seinem aktuellen Spezialgebiet, der Differenzierungs-steuernden Wirkung von Pax-Genen, erregte der Träger des Deutschen Zukunftspreises 1999 die größte Resonanz unter seinen Kollegen - sondern mit einem Abstecher in den programmierten Zelltod (siehe Tabelle S. 36, Platz 3).

Die beiden nächstplatzierten Mäuse-Entwicklungsforscher sind USA-Importe“: Gregor Eichele (2.) kam 1998 vom Baylor College of Medicine in Houston/Texas auf einen Direktorenstuhl am MPI für experimentelle Endokrinologie in Hannover; Rudolf Grosschedl (3.) wechselte im gleichen Jahr von der University of California in San Francisco an das Genzentrum der Universität München. Und beide sind streng genommen nur halbe Entwicklungsforscher“. Denn während Eichele neben der Entwicklung von Mäusen und Hühnern noch die Steuerung zirkadianer Rhythmen erforscht, weitet Grosschedl sein Intersse an der transkriptionellen Steuerung von Zelldifferenzierung auch stark in die Immunologie aus.

Der vierte Mäuse-Forscher, Rolf Kemler vom Freiburger MPI für Immunbiologie auf Platz fünf, hat dann zu der guten Platzierung noch das meistzitierte Paper der Jahre 1979 bis 99 in seinem Portfolio: 339mal stand sein 97er EMBO-Journal-Artikel über die Rolle von Beta-Catenin im Wingless/Wnt-Signalweg bis zum Juli in der Referenzliste anderer Werke. Der nächstplatzierte Artikel des Basler Drosophila-Spezialisten George Thomas (4.) aus der Abteilung Wachstumskontrolle“ des Basler Friedrich Miescher-Instituts folgt dann schon mit erheblichem Abstand.


Ballung im Südwesten

Neben Thomas schaffte mit Steven Cohen (8.) vom Heidelberger EMBL noch ein weiterer Fliegen-Forscher den Sprung unter die Top Ten. Gleiches gelang noch den beiden Krallenfrosch-Spezialisten Christoph Niehrs vom Heidelberger DKFZ (6.) sowie Tewis Bouwmeester, ebenfalls vom EMBL (10.).

Allein diese Platzierungen deuten schon auf das gute Abschneiden der Heidelberger Institute hin. Und tatsächlich: Allein 14 der Top 50 forschten im Bewertungszeitraum zumindest teilweise in Heidelberg - acht davon als europäische Gäste“ am EMBL. Rechnet man dazu noch die fünf Forscher des Tübinger MPIs für Entwicklungsbiologie, sowie die sechs Freiburger und zwei Ulmer, so kommt man auf 27 Forscher aus Baden-Württemberg unter den ersten Fünfzig. Und bedenkt man weiter, dass es zu den sechs Baslern und zwei Zürchern auch nicht weit ist, dann muss man zwingend folgern, dass sich im Südwesten des deutschen Sprachraums eine deutliche Konzentrierung entwicklungsbiologischen Know-hows vollzogen hat.

Doch noch weitere Dinge fallen beim Studium der Forscher-Liste ins Auge. Zum Beispiel, dass so viele Frauen wie in noch keiner anderen Disziplin vertreten sind. Ob das an dem Vorbild“ Christiane Nüsslein-Volhard liegt? Wie auch immer, ganze acht Forscherinnen schafften es, sich zwischen ihre männlichen Kollegen unter die Top 50 zu drängen.

Weiter bemerkenswert ist, dass den Entwicklungsbiologen in aller Regel vergleichsweise wenige Artikel genügten um gut zitiert zu werden: 21 Forscher der Top 50 schrieben in den Jahren 1997 bis 99 weniger als zehn Artikel - und kamen damit auf zwischen 260 und 530 Zitierungen. Weitere 22 Forscher produzierten zwischen 10 und 20 Papers. Darunter etwa alle diejenigen auf den Plätzen zwischen 2 und 8, die mit ihren 14 bis 18 Artikeln immerhin jeweils zwischen 560 und 1000mal zitiert wurden. Nur sechs Forscher sammelten ihre Zitierungen mit mehr als zwanzig Artikeln. Eindsam an der Spitze steht hier die Nummer eins, Peter Gruss: Ganze 42 Artikel brauchte er für seine knapp 1.200 Zitierungen.

Insgesamt ist das sicherlich ein Hinweis darauf, dass in Deutschland und der Schweiz immer noch gute entwicklungsbiologische Qualität geliefert wird - wenn auch stark unterstützt durch die europäischen EMBL-Labors in Heidelberg.Aber das ist ja nicht neu. Christiane Nüsslein Volhards Nobelpreis-gekrönter Drosophila-Screen fand seinerzeit ebenfalls dort statt.

Zum Schluss noch ein paar Worte dazu, wer nicht in dem Zitationsvergleich berücksichtigt wurde: Nämlich die Mehrheit der Entwicklungsneurobiologen. Eine Reihe exzellenter und gut zitierter Forscher wäre hier zu nennen, die sich um Gehirnentwicklung oder Steuerung neuronalen Wachstums kümmern - beispielsweise der Heidelberger Klaus Unsicker, der Freiburger Michael Frotscher oder der Neu-Dresdner Wieland Huttner. Doch im Gegensatz zu etwa Michael Brand (47.) publizieren diese nahezu ausschließlich in neurowissenschaftlichen Journals. Also werden sie ihre Chance in dem entsprechenden Zitationsvergleich bekommen - wenn auch gegen andere Konkurrenz.


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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