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Etiketten-Probleme: Zellbiologie ist nicht nur da,
wo Zellbiologie drauf steht

Zitationsvergleich 1997 bis 1999: Zellbiologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 11/2001


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Die bis heute meistzitierte zellbiologische Arbeit aus dem deutschen Sprachraum der Jahre 1997 bis 99 kommt aus dem Gene Expression Program am Heidelberger EMBL. An den beiden nächsthäufig zitierten waren Forscher der Abteilung Neurobiologie am Göttinger MPI für biophysikalische Chemie sowie des Structural Biology Programs am EMBL beteiligt. Erst auf Platz vier kommt eine Arbeit, deren Verfasser an einem Institut arbeiten, das Zellbiologie auch wirklich im Namen hat: Die Jenaer Max-Planck Gruppe Molekulare Zellbiologie um Reinhard Wetzker.

Ähnlich verhält es sich an der Spitze der meistzitierten Zellbiologen: Nummer eins mit knapp 2000 Zitierungen ist Kim Nasmyth, amtierender Direktor des Wiener Instituts für Molekulare Pathologie; Nummer zwei Iain Mattaj, wissenschaftlicher Koordinator am European Molecular Biology Laboratory (EMBL); Nummer drei Dirk Görlich vom Heidelberger Zentrum für Molekularbiologie. Und wo sind die, an deren Klingelschild ausdrücklich Zellbiologie steht? Nur vereinzelt trifft man sie unter den ersten 50: Etwa an Nummer fünf den Ende 1998 verstorbenen Werner Risau, der am MPI für physiologische und klinische Forschung in Bad Nauheim die Abteilung für Molekulare Zellbiologie leitete. Oder an Nummer sieben Kai Simons, der bis 1999 das Cell Biology Program am EMBL leitete und dann als Gründungsdirektor an das MPI für Molekulare Zellbiologie und Genetik nach Dresden gerufen wurde. Insgesamt sind es aber gerade mal 18 der Top 50, die Zellbiologie oder wenigstens Zelle in ihrem Institutsnamen haben.

Somit hatten wir ein echtes Problem bei diesem Zitationsvergleich. Wer ist tatsächlich Zellbiologe? Und wer ist keiner mehr? Denn auch das Umgekehrte trifft zu: Nicht jeder, der Zellbiologie im Namen seines Instituts hat, ist in erster Linie einer. Peter Gruss zum Beispiel. Der leitet zwar am MPI für biophysikalische Chemie die Abteilung Molekulare Zellbiologie - doch wird jeder, der sich auskennt, ihn zuvorderst als Entwicklungsbiologen ansehen. Sicher, man kann darüber streiten, ob diese nicht sowieso als besondere Gattung der Ordnung Zellbiologie zu gelten haben. Bei uns jedoch hatten die Entwicklungsbiologen ihren ganz eigenenen Zitationsvergleich (LJ 9/2001, S. 38), und zumindest Peter Gruss wurde darin ja hinreichend gewürdigt.

Eines dürfte damit indes belegt sein: Welches Etikett außen an einem Institut steht, ist das Eine - was drinnen gemacht wird, öfter mal was ganz Anderes. Uns blieb also nichts anderes übrig, als zuerst einmal selbst zu definieren, wer denn nun als Zellbiologie anzusehen sei - und wer nicht. Wenigstens ein Kriterium war dabei einfach: Wer vorwiegend in zellbiologischen Zeitschriften wie Cell oder Journal of Cell Biology veröffentlicht, wird wohl auch zellbiologisch forschen. Ansonsten half nur der Weg über die Dörfer: Die Kandidatenliste eingrenzen - und bei jedem einzeln schauen, woran er wirklich forscht.


Bunte Liste

Was bei der Erbsenzählerei herauskam, ist eine bunte Liste von Forschern aus allen möglichen Häusern biomedizinischer Forschung: Strukturbiologie, Zoologie, Biochemie, Neurobiologie, Tumorforschung - alles mit dabei. Doch eines haben alle gemeinsam: Sie arbeiten an Zellprozessen, wie Zellteilung oder zellulären Transportvorgängen - oder an Zellstrukturen, wie Cytoskelett, Muskelfilamenten oder Proteasomen.

Wie etwa der bereits erwähnte Spitzenreiter Kim Nasmyth. Sein großes Thema, die Zellteilung, wurde gerade mit dem Nobelpreis geehrt (siehe S. 10). Während die Laureaten jedoch die globale Steuerung der einzelnen Zellteilungsschritte entschlüsseln halfen, widmet sich der Engländer Nasmyth an seinem Wiener Institut einem spezielleren Problem der ganzen Geschichte - der Chromosomensegregation.

Ein anderes Beispiel ist die hierzulande sehr erfolgreiche Forschung über nukleären Import und Export von RNA und Proteinen. Gleich fünf Forscher, die an unterschiedlichen Instituten über dieses Thema zusammenarbeiten, konnten sich unter den ersten 10 platzieren - neben Iain Mattaj auf Platz zwei und Dirk Görich auf Platz drei noch Elisa Izaurrale vom EMBL (6.), die Neu-Zürcherin Ulrike Kutay (8.) und F. Ralf Bischoff vom Heidelberger DKFZ (9.).


Spitzen-Europäer

Auch Neurobiologe Reinhard Jahn vom Göttinger MPI für biophysikalische Chemie fand diesbezüglich Gnade vor unseren Augen. Zwar firmiert seine Forschung unter dem Oberbegriff Reizübertragung an der Synapse, konkret geht es an seinen Laborbänken jedoch um den exo- und endocytotischen Membrankreislauf der Neurotransmitter-transportierenden synaptischen Vesikel. Und das kann man durchaus als Zellbiologie durchgehen lassen.

Was allerdings beim Durchgehen der Top 50 zu allererst ins Auge stechen muss, ist die Dominanz des EMBL. 16 Forscher waren im Bewertungszeitraum wenigstens teilweise dort. Und vom Rest hat ein gehöriger Teil ebenfalls EMBL-Vergangenheit: Wie Eduart Hurt (25.), einer der Leibnizpreisträger diesen Jahres, oder Brigitte Jockusch (35.). Sicher, das EMBL ist ein europäisches Institut auf Heidelberger Boden - und einige meinen, es gehöre daher nicht in einen Vergleich deutschsprachiger Institute. Allerdings bleiben nachfolgend so viele EMBLer an Instituten in Deutschland oder Schweiz hängen, dass dies doch wieder gerechtfertigt ist. Vorläufig letztes Beispiel sind die Direktoren des neuen Dresdner MPIs für Molekulare Zellbiologie und Genetik: Kai Simons (7.), Marino Zerial (13.) und Anthony Hyman (32.) kamen direkt vom EMBL, Wieland Huttner (48) war früher dort.

Wie auch immer, eines ist jedoch klar: Auch wenn es European Molecular Biology Laboratory heißt, in der Zellbiologie gehört es sicher zur Weltspitze. Ralf Neumann


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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