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Hinter der Retina ist Schluss

Zitationsvergleich 1998 bis 2000: Augen- und Sehforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 10/2003


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Die "Hotspots" der Augenforschung konzentrieren sich auffällig im Süden des deutschen Sprachraums – sofern man nach Zitierungen geht.

Holzauge, sei wachsam – wenn Du Dir diesen Zitationsvergleich anschaust. Denn zuerst gilt es – wie immer – zu klären, wen man überhaupt vergleichen will.

Das Auge sollten die entsprechenden Forscher im Fokus ihrer Studien haben, ganz klar. Dazu gehören natürlich vor allem diejenigen, die ganz direkt Aufbau und Funktionsweise, wie auch Erkrankungen und Fehlfunktionen des Sehorgans untersuchen. Diejenigen also, die sich selbst Ophthalmologen – auf gut deutsch: "Augenheilkundler" – nennen und zumeist an Augenkliniken arbeiten.


Problem Neurobiologen

Genauso wenig außen vor lassen kann man aber gewisse Spezialisten aus Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Pathologie, die sich vor dem Hintergrund ihres Fachgebiets das Auge als Forschungsobjekt auserkoren haben. Forscher also wie der Wiener Leopold Schmetterer aus der Klinischen Pharmakologie der Uni Wien oder Sarah Coupland aus der Pathologie des Klinikums Benjamin Franklin in Berlin.

Überdies ist auffällig, wieviele Humangenetiker sich hierzulande mit den molekularen Grundlagen erblicher Augenleiden beschäftigen. Von diesen wurden aber nur diejenigen berücksichtigt, die darin ihren eindeutigen Schwerpunkt hatten – also etwa der Würzburger Bernhard Weber (9.) oder der Hamburger Andreas Gal (6.). Andere Humangenetiker, die lediglich hin und wieder ein "Augen"-Paper herausbrachten, ließen wir draußen. So etwa die Münchner Thomas Meitinger und Alfons Meindl, die zwar in unserer Liste das am vierthäufigsten zitierte Paper der Jahre 1998-2000 über die angeborene unveränderliche Nachtblindheit (stationary night blindness) mitproduzierten, ansonsten aber andere Themen deutlich bevorzugen.

Noch schwieriger war die Grenze zu ziehen bei den neurobiologisch orientierten Sehforschern, da von diesen einige das visuelle System als generelles Modell für Grundprinzipien der Gehirnfunktion nehmen. Leute also, die beispielsweise untersuchen welche Neuronen aktiv sind, wenn jemand eine Bewegung von rechts nach links sieht, oder den Mechanismen der Mustererkennung auf die Spur kommen wollen.

Für unseren Zitationsvergleich akzeptierten wir schlussendlich nur diejenigen Neurobiologen, deren Projekte sich auf die Netzhaut beschränkten. Forscher also, deren Untersuchungsobjekt noch das Auge war, und nicht schon das Gehirn. Wobei natürlich klar ist, dass die Retina als Teil des Auges genau genommen eigentlich schon zum Gehirn gehört. Dennoch war das Motto: Hinter der Retina ist Schluss, danach ist es mehr Wahrnehmungsforschung als Sehforschung.

Damit blieben dann gar nicht mehr viele Neurobiologen für die Top 50, den Spitzenplatz nahm aber dennoch einer der Ihren ein: Heinz Wässle vom Frankfurter MPI für Hirnforschung, der dort mit seiner Gruppe vor allem Aufbau und Funktion der Synapsenstruktur in der Netzhaut studiert. Dahinter folgen aber sogleich die Ordinarien der beiden sicherlich forschungsstärksten Augenkliniken in Deutschland: Eberhard Zrenner aus Tübingen auf Platz 2 sowie Gottfried Naumann auf Platz 3. Die Leistungsstärke der beiden Kliniken wird unter anderem auch dadurch dokumentiert, dass jeweils noch vier weitere "Tübinger" und "Erlanger" den Sprung unter die Top 50 schafften.

Mithalten kann da allenfalls noch die Augenklinik der Universität Heidelberg: Sie brachte rund um ihren "Chef" Hans Völcker (15.) sogar insgesamt sechs Kollegen unter die meistzitierten Fünfzig. Dazu kommen noch ein Heidelberger Pathologe (Jürgen Kopitz, 37.), sowie drei Augenheilkundler von der Augenklinik am Klinikum Mannheim der Universität Heidelberg: die beiden ehemaligen Erlanger Jost B. Jonas (22.) und Wido Budde (43.) sowie Michael Knorz (47.).

Deutsches Journal auch dabei

Auch Lübeck ist mit vier Forschern recht gut vertreten unter den Top 50. Dies verdanken "Chef" Horst Laqua (5.) und Co. vor allem der Teilnahme an mehreren größer angelegten klinischen Studien zur sogenannten Photodynamischen Therapie der altersabhängigen Makula-Degeneration. Heraus sprangen etwa die beiden Veröffentlichungen auf den Plätzen 5 und 6 der meistziterten Artikel. Und auch an dem absoluten Top-Paper waren die Lübecker beteiligt. Dabei handelte es sich allerdings um eine Multi-Center-Studie der sogenannten "Treatment of age-related macular degeneration with photodynamic therapy (TAP) Study Group". Aus gutem Grund listete die Gruppe in der Autorenzeile des Papers keine Namen auf, weswegen wir – wie bereits bei anderen Multi-Center-Studien in anderen Disziplinen zuvor – die Zitierungen der Studie auch keinem der beteiligten Forscher zurechneten. Zu diesen gehörten übrigens auch Augenkliniker aus Wien.

Interessant noch zum Schluss: In diesem Zitationsvergleich schaffte es erstmals ein Artikel aus einer deutschen Zeitschrift unter die Top Ten: Auf Platz neun rangiert ein Paper aus dem ehrwürdigen Graefe's archive for clinical and experimental ophthalmology. Diese 1854 gegründete Zeitschrift hieß bis 1982 noch Albrecht von Graefes Archiv fur klinische und experimentelle Ophthalmologie. Und auch wenn deren Impact Faktor "nur" etwa 1 beträgt, so finden sich darin neben dem erwähnten Artikel noch einige weitere, die erstaunlich häufig zitiert werden.


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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