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Wackere Nicht-Mediziner

Zitationsvergleich 2000 bis 2002: Bakterienforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 05/2005


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Potenziell sammelt man als Bakterienforscher die meisten Zitierungen mit Krankheitserregern. Dennoch stehen auf dem Treppchen gleich zwei Forscher aus der Mikrobiellen Ökologie.

Bakterienforschung ist Mikrobiologie – aber Mikrobiologie ist nicht nur Bakterienforschung. Mit dieser kurzen Formel könnte man die Abgrenzungsschwierigkeiten des vorliegenden Zitationsvergleichs zusammenfassen.

Um dem bekannten "Äpfel-mit-Birnen"-Problem zu entgehen haben wir uns bewusst auf diejenigen konzentriert, deren Arbeiten sich ganz überwiegend um Eu- oder Archaebakterien drehen. Pilze, Hefen oder einige Protisten, die sich ebenfalls bisweilen in mikrobiologischen Labors tummeln, blieben außen vor – die entsprechenden Gruppen werden ihren eigenen Zitationsvergleich bekommen.

Damit sind aber längst nicht alle Probleme gelöst. In Unikliniken und medizinischen Fakultäten fokussiert sich das Interesse naturgemäß auf pathogene Mikroorganismen sowie deren Abwehr. Die entsprechenden Gruppen sind daher dort oftmsals zusammen gefasst in Instituten für "Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene" oder in infektiologischen Instituten, manchmal kommen gar noch virologische Gruppen mit hinzu.

Letztere herauszufiltern war natürlich nicht schwer. Probleme gab es aber vor allem mit Gruppen, welche die Interaktionen krankheitserregender Bakterien mit dem Immunsystem untersuchen. Sind das nun mehr Bakterienforscher oder Immunologen? Sicherlich beides, man kann die Grenzen hier nicht so klar abstecken. Aber man kann im Einzelfall schon abstecken, ob einen Forscher mehr die Tricks der eindringenden Bakterien interessieren, oder statt dessen eher doch die Finessen des Immunsystems.

Ein relativ klares Indiz für das Selbstverständnis des entsprechenden Forschers ist, in welchen Journals er veröffentlicht. Sicherlich spielen dabei heute auch Überlegungen rund um den Impact-Faktor eine Rolle. Dennoch zeigt die Wahl der Journals auch an, in welchem Kontext und von welcher "Szene" eine Gruppe ihre Ergebnisse verstanden und diskutiert haben möchte.


Problem Infektionsimmunologen

Von daher war klar: Die erwähnten infektionsimmunologischen Forscher sollten einen deutlichen Anteil ihrer jeweiligen Veröffentlichungen in bakteriologisch-mikrobiologischen Journals veröffentlicht haben. Der Fall war dies beispielsweise bei dem Berliner MPI-Direktor Stefan Kaufmann (5.) oder dem Erlanger Martin Röllinghoff (14.) – beide ja auch gut in der Immunologenszene bekannt (siehe LJ 1-2/2005, S. 37). Nicht der Fall war das etwa bei deren Kollegen Hermann Wagner von der TU München, der mit seinen Arbeiten zum angeborenen Immunsystem momentan einer der meistzitierten deutschen Bioforscher überhaupt ist (siehe ebenfalls LJ 1-2/2005, S. 37).


Ökologie und Systematik stark

Das Gesagte deutet schon darauf hin: Natürlich erwartet man die medizinischen Bakterienforscher breit an der Spitze eines solchen Vergleichs. An humanpathogenen Bakterien arbeiten einfach mehr Gruppen als an nicht-pathogenen, weswegen dort auch ein deutlich höheres Zitierpotenzial besteht. Und tatsächlich stehen auf den ersten drei Plätzen der meistzitierten Paper der Jahre 2000-2002 auch Arbeiten über die drei Krankheitserreger Helicobacter pylori, Neisseria meningitidis und Listeria. Doch dann ist erstmal Schluss, die nachfolgenden Arbeiten beschäftigten sich keineswegs mit pathogenen Bakterien. Zwei grundlegende Arbeiten zur bakteriellen Genexpression sowie zur Proteininsertion in Membranen findet man da, zudem je eine über ein Archaebakterium und einen Pflanzensymbionten, und zwei Artikel zur sogenannten mikrobiellen Ökologie.

Bei den "Köpfen" sieht es ähnlich aus: Zwar dominieren tatsächlich diejenigen, die pathogene Bakterien erforschen. Aber die "anderen" Bakterienforscher halten sich mehr als wacker – vor allem die mikrobiellen Ökologen. Mit Rudolf Amann vom Bremer MPI für marine Mikrobiologie und Michael Wagner, der 2003 von der TU München an die Uni Wien wechselte, belegen zwei Vertreter dieser Zunft die Plätze 1 und 3. Beide kommen übrigens, wie auch Erko Stackebrandt (21.), Direktor der Deutschen Sammlung für Mikroorgansimen und Zellkulturen (DSMZ), aus dem "Stall" des deutschen Pioniers der molekularen Systematik und Phylogenetik von Mikroorganismen – Karl Heinz Schleifer von der TU München (29.).

Weiterhin – und wenig verwunderlich – schnitten auch Projekte zur mikrobiellen Genomik und Proteomik sehr gut ab. So landeten etwa drei bakterielle Genomprojekte mit Beteiligung deutscher Institute unter den fünf meistzitierten Artikeln. Was natürlich den beteiligten Forschern auch einen kräftigen Zitationsschub brachte. Profitieren konnten hierbei unter anderem der Braunschweiger Jürgen Wehland (4.), der Würzburger Werner Goebel (12.), Mark Achtman (20.) aus Berlin, sowie der Gießener Trinad Chakraborty (32.) und der Bielefelder Genetiker Alfred Pühler (8.).

Gleichfalls gute (Zitations)-Zeiten erleben gerade Proteomiker. Folgerichtig landeten auch zwei, die vornehmlich bakterielle Proteine analysieren, unter den Top 20: Michael Hecker aus Greifswald (6.), sowie Peter Jungblut vom Berliner MPI für Infektionsbiologie (19.).

Bleiben im Groben noch zwei weitere "Gattungen" der "Klasse Bakterienforscher": die Grundlagenforscher, denen es um die reine Entschlüsselung von physiologisch-biochemischen Mechanismen bei Bakterien geht – und die mikrobiellen Biotechnologen. Zur ersten Gattung gehören etwa der Marburger Mohamed Marahiel (11.) – einziger Vertreter einer Chemischen Fakultät unter den Top 50-, Wolfgang Hillen aus Erlangen (27.) oder der Regensburger Karl Stetter (36.). Die biotechnologisch oder enzymtechnisch orientierten Bakterienfrscher stellen ihren "Spitzenmann 2000-2002" in dem Münsteraner Alexander Steinbüchel. Weiterhin dazu gehören etwa der Zürcher Bernhard Witholt (28.) sowie Karl Erich Jäger (49.) vom Forschungszentrum Jülich.


Wenig aus den Alpenländern

Zum Schluss sicherlich noch interessant, wie sich die gut zitierten Bakterienforscher geographisch und institutionell verteilen.

Lediglich zwei Forscher arbeiteten in den Jahren 2000-2002 an Schweizer Instituten – aus Österrreich kam gar überhaupt keiner unter die Top 50.

Zwölf der 50 meistzitierten "Köpfe" arbeiteten an Max-Planck-Instituten, darunter die beiden Forscher auf den Spitzenplätzen mit den meisten Zitierungen – der bereits erwähnte Rudolf Amann vom Bremer MPI für marine Mikrobiologie, sowie Thomas Meyer vom Berliner MPI für Infektionsbiologie. Deren beide MPIs brachten jeweils noch vier weitere Forscher unter die Top 50. Die beiden verbleibenden MPG-Forscher kamen aus dem Marburger MPI für terrestrische Mikrobiologie (Ralf Conrad, 18.), sowie aus dem Berliner MPI für molekulare Genetik (Erich Lanka, 31.).


Vorteil Naturwissenschaftler

Zieht man weiterhin die drei Helmholtz-Forscher Jürgen Wehland (4.), Manfred Rohde (23.) und Karl Erich Jäger (49.) ab, sowie gleichsam Erko Stackebrandt, dessen Institut (DSMZ) zur Leibniz-Gemeinschaft gehört – dann bleiben noch 34 Uni-Forscher. Elf von ihnen kamen unter die Top 15.

Von diesen 34 Uni-Forschern kamen 18 aus medizinischen und 15 aus naturwissenschaftlichen Fakultäten. Allerdings belegten letztere klar die besseren Plätze: Vier "Naturwissenschaftler" landeten etwa unter den Top 10 – allen voran die bereits erwähnten Michael Wagner (3.) und Michael Hecker (6.). Aus medizinischen Fakultäten schafften lediglich Helge Karch (7.) und Jörg Hacker (10.) den Sprung in die Top 10.

Allerdings sollte man immer im Auge behalten, welche Verschiebungen bei solchen Analysen möglich sind. So standen im letzten Mikrobiologen-Zitationsvergleich der Jahre 1997 bis 99 zwar auch Amann und Meyer auf dem Treppchen (LJ 5/2001 bzw. Laborjournal online – Link "Ranking"). Ganze vier der damaligen Top 15 schafften es dagegen jetzt mit ihren Arbeiten der Jahre 2000-2002 gar nicht mehr unter die Top 50: Rudolf Thauer aus Marburg, die beiden Braunschweiger Kenneth Timmis und Carlos Guzman, sowie Wolfgang Ludwig von der TU München.


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Letzte Änderungen: 10.06.2005


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