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Moderne Seuchen

Zitationsvergleich 2003 bis 2006: Virologie
von Lara Winckler, Laborjournal 04/2009


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Rolf Hilgenfeld und SARS
Rolf Hilgenfeld (34.) vor dem SARS-Ehrenmal in Singapur
Foto: Rolf Hilgenfeld

In der deutschsprachigen Virologie der Jahre 2003 bis 2006 dominierte ein Thema: das SARS-assoziierte Coronavirus. Rund ein Drittel der Top 50-Virologen verdankt die Platzierung vor allem einer stark zitierten Veröffentlichung dazu.

Im Februar 2004 wurde eine Frau mit Verdacht auf aviäre Influenza im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) eingeliefert – die „Vogelgrippe“ war in Deutschlands Köpfen angekommen. Die Erkrankung der Frau erwies sich später als normale Grippe, doch die Schreckensszenarien waren nur schwer wieder aus den Köpfen heraus zu bekommen.


Erkältungsviren

Konnte eine Kreuzung von Menschen- und Tierviren einen Supererreger hervorbringen, der nicht nur Vögel, sondern auch Menschen das Leben kosten würde? Die Aktionspläne sahen radikale Maßnahmen vor, die Quarantäne beziehungsweise umfangreiche Schlachtungen ganzer Viehbestände vorsah. Denn soviel war klar: Die Krankheit wurde von Tieren auf Menschen übertragen. Mangelnde Hygiene, immer engere Lebensräume und immer umfangreichere Tierhaltung machten das Überspringen der Erreger einfach.

Auf dem Höhepunkt der globalen SARS-Epidemie (des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms) im Jahr 2003 hatte der Lübecker Biochemiker Rolf Hilgenfeld (34.) mit der Veröffentlichung der 3D-Struktur der SARS-Virus-Protease und eines ersten Hemmstoffes weltweit Aufsehen erregt. Das Paper wurde entsprechend oft zitiert und machte den 9. Platz bei den meistzitierten Artikeln.

Während des Ausbruchs vor sechs Jahren erkrankten weltweit etwa 8000 Menschen an SARS, rund zehn Prozent der Patienten starben. Außerhalb Chinas waren die Metropolen Toronto und Singapur am stärksten betroffen. In Singapur wurde 2006 eine drei Tonnen schwere Nachbildung von Hilgenfelds SARS-Strukturmodell zu Ehren der Lübecker SARS-Forschung errichtet.


Starke Gruppe

Das große Interesse der Öffentlichkeit spiegelte sich in der Arbeit der Virologen wider. Es erschienen zahlreiche Artikel zu von Tieren auf Menschen übertragbare Viren – zu ihnen gehört der Erreger von SARS, das SARS-assoziierte Coronavirus (SARS-CoV). Fünf der zehn meistzitierten Artikel in diesem Vergleich haben Coronaviren zum Thema, darunter die Plätze 1 und 2, die beide um die 1.000 mal zitiert wurden – rekordverdächtig.

Die beteiligten Arbeitsgruppen um die SARS-Virus-Mitentdecker Christian Drosten (1.), seinen ehemaligen Mitarbeiter Stephan Günther (3.) am BNI Hamburg und den Frankfurter Virologen Hans Wilhelm Doerr (2.) und Jindrich Cinatl (6.) sowie Hans Dieter Klenk (5.) und Stephan Becker (9.) von der Uni Marburg sind denn auch vollzählig vertreten unter den Top 50 der deutschsprachigen Virologie – mit 17 Wissenschaftlern von 50 eine starke Gruppe.

„Eine spektakuläre Krankheit bringt Gelder für die Forschung, in die sonst vielleicht kein Geld fließen würde“, erklärte Drosten 2004. Und wer sich an der Forschung daran beteiligt, kann wirtschaftliche und wissenschaftliche Erfolge feiern. „Wie schnell ein Mittel zu haben sein wird, hängt davon ab, welche Bedeutung die Industrie SARS beimisst“, meinte auch Hilgenfeld, als im Winter 2003 SARS-CoV nicht zurückkehrte. Denn wenn SARS nicht wieder auftauche, dann gebe es keinen Markt.

Das gilt genauso für andere verbreitete RNA-Viren wie HIV und Hepatitis C-Virus (HCV), an denen zum Beispiel die Teams um Ralf Bartenschlager (4.), Leiter der Molekularen Virologie am Heidelberger Uniklinikum, und Hans-Georg Kräusslich (10.), Direktor des Heidelberger Hygieneinstituts forschen. Von ihnen sind drei Top 10-Artikel sowie zwei der meistzitierten Reviews.


Auch DNA-Viren vertreten

Das meistzitierte Review stammt von dem frischgebackenen Nobelpreisträger Harald zur Hausen und seiner Gattin Ethel-Michele de Villiers. Es handelt von zur Hausens speziellem Forschungsgebiet, den Papillomviren. Bereits 1976 hatte er die Hypothese publiziert, dass humane Papillomviren (HPV) eine Rolle bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) spielen. Ein paar Jahre später isolierte er zwei HPV-Typen – HPV 16 und HPV 18 – aus Gebärmutterhalskrebszellen. Mittlerweile gibt es einen – nicht unumstrittenen – Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs .


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Letzte Änderungen: 05.05.2009


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