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Publikationsanalyse 2005-2008: Künstlicher Nachwuchs

Zitationsvergleich 2005 bis 2008: Reproduktionsbiologie und -medizin
von Lara Winckler, Laborjournal 10/2011


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Foto: Jenzig71/photocase

Die Reproduktionsbiologen und -mediziner haben neben den „alten“ Themen Infertilität und künstliche Befruchtung auch einige neue auf Lager, etwa die Herstellung künstlicher Spermien.

Die Geschichte der Reproduktionsmedizin begann vor 120 Jahren. Damals verkündete der englische Mediziner Walter Heape, einen Kaninchen-Embryo transplantiert zu haben. Dies provozierte natürlich das – damals noch nicht öffentlich verkündete – Verlangen, ähnliches beim Menschen zu versuchen, ab den 1930er Jahren unterstützt von Hormontherapien. Allerdings nur bei Frauen, denn Kinderlosigkeit galt lange Zeit als ein typisch weibliches Problem. Erst Jahrzehnte später wurde die Infertilität des Mannes wissenschaftlich salonfähig, man konnte ohne die Gefahr gesellschaftlicher Ächtung daran forschen.


Retortenbabys ...

Vor rund 50 Jahren startete Robert Edwards seine Versuche zur extra-korporalen Befruchtung und In vitro-Fertilisation (IVF), ab 1968 arbeitete er mit dem Laparoskopie-Spezialisten Patrick Steptoe am Transfer von menschlichen Embryonen, stets begleitet von religiösen und ethischen Bedenken wegen Menschenzucht. Dennoch wurde 1978 Louise Brown geboren, das erste Test Tube Baby der Welt.

Seit Jahren wird auch die Empfängnisverhütung nicht mehr als ein typisch weibliches Problem gehandelt. Mehrere Top 50-Reproduktionsforscher sind dabei, die „Pille für den Mann“ zu entwickeln, darunter Michael Zitzmann (22.) vom Münsteraner Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) sowie Eberhard Nieschlag (6.), ehemaliger CeRA-Direktor. Mit neun der Top 50 ist Münster zudem stärkste Stadt in diesem Vergleich, dicht gefolgt von Berlin mit sechs der Top 50.

In den Jahren 2005 bis 2008 dominierten dieselben Topthemen die Reproduktionsbio­logie wie in ihrer gesamten Geschichte: Nach wie vor aktuell sind weibliche und männliche Infertilität, Thema etwa von Klaus Steger (8.), Gießener Urologie, sowie deren genetische Ursachen. Die Göttinger Humangenetiker um Wolfgang Engel (3.) und seinem ehemaligen Mitarbeiter Karim Nayernia (5.), seit 2006 in Newcastle upon Tyne, gehen aufs Ganze und ergründen nicht nur die Ursachen der Unfruchtbarkeit, sondern bieten auch gleich eine Lösung an: künstliche Mäusespermien, generiert aus embryonalen Stammzellen.


... und Fleischproduzenten

Ein weiteres heißes Themen ist die künstliche Befruchtung, Thema der Münsteraner Jörg Gromoll (11.), Sabine Kliesch (36.) und Nieschlags Nachfolger auf dem Direktorstuhl, Stefan Schlatt (21.). Außerdem gesellten sich in den letzten Jahren einige neue Disziplinen hinzu. Die Reproduktionsimmunologie etwa, vertreten durch die Magdeburger Gynäkologinnen Ana (29.) und Maria Zenclussen (35.), die den Einfluss des Immunsystems bei Aborten analysieren; oder die Reproduktionstoxikologie, welche nach Giften als Auslöser von Unfruchtbarkeit und Entwicklungsstörungen sucht. Das Team um Ibrahim Chahoud (19.) und Chris Talsness (17.), Toxikologen an der Charité Berlin, interessiert sich hierbei speziell für endokrin aktive Substanzen wie Östrogene. Einen nicht unbedeutenden Anteil machen die Veterinärmediziner, Tierzüchter und Fleischproduzenten aus, gut ein Fünftel der deutschsprachigen Top 50-Reproduktionsmediziner der Jahre 2005-2008.

Alles in allem sind Reproduktionsbiologie und -medizin gut abgegrenzt. Lediglich zur Gynäkologie verschwimmen die Grenzen zuweilen, ebenso wie zur Urologie. Wer den Eindruck hat, dass die Reproduktionsbiologie ihr Schwergewicht in der Medizin hat, liegt richtig. Die Mediziner bilden unter den Top 50 ganz klar die Übermacht. Dennoch gibt es immer noch Reproduktionsbiologen, die sich schlicht mit den Geheimnissen der natürlichen Fortpflanzung befassen. Die Münchner Physiologen Heinrich Meyer (12.), Direktor des Zentral­instituts für Ernährungs- und Lebensmittelforschung (ZIEL) in Freising-Weihenstephan, und sein Mitarbeiter Dieter Schams (44.) etwa forschen über die hormonelle Regulation der Fortpflanzung, die Biologie der Milchdrüse sowie die Biotechnik der Laktation. Und dann gibt es da noch eine Handvoll Anatomen, die zum Beispiel Zell-Zell-Interaktionen im normalen und entzündeten Hoden untersuchen, wie Andreas Meinhardt (25.) vom Gießener Institut für Anatomie und Zellbiologie.

Die reproduktionsbiologischen Topthemen spiegeln sich auch in den bis heute meistzitierten Artikeln aus den Jahren 2005 bis 2008 wider. Hier ist die männliche Infertilität mit vier der zehn Top 10-Artikel bei weitem stärkste Fraktion. Dabei fesselte besonders die Herstellung künstlicher Spermien aus Mäusestammzellen die Aufmerksamkeit der Community. Außerdem gut im Rennen die „Neuen“: Platz 3 geht an die Reproduktions­immunologie. Die Berliner Reproduktionstoxikologen haben gleich zwei Top 10-Plätze ergattert; außerdem stellen sie die zwei meistzitierten Reviews.

Vielleicht trägt die umfassende Forschung an künstlicher Befruchtung und das flächendeckende Angebot von IVF-Kliniken dazu bei, der Fortpflanzungsunlust der Deutschen einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Louise­ Brown hatte damit kein Problem. Sie brachte 2006 ihren Sohn Cameron zur Welt – ohne IVF oder sonstiger assistierter Reproduktion.


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Letzte Änderungen: 27.10.2011


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