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Multidisziplinär

Publikationsanalyse 2005-2008: Ernährungsforschung
von Lara Winckler, Laborjournal 12/2011


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Foto: Flügelfrei/photocase

Übergewicht, Krebs und Designer-Nahrung sind Topthemen der Ernährungsforscher. Ihr Hotspot ist Potsdam.

Essen, das nur satt macht? Das war einmal. Dass Essen auch Spaß machen kann – abgesehen von dick und krank – wussten schon die alten Römer. Dieses jahrtausendealte Wissen werfen wir beim täglichen Gang zum Fast-Food-Dealer über den Haufen. Und selbst wenn wir uns gesund ernähren und das mittlerweile gar nicht mehr so unansehnliche Biofood unsere Mägen füllt, lauern immer noch Nahrungsmittelallergien, Umweltgifte, Mikroben und sonstige Unverträglichkeiten, die je nach Dosis so ziemlich jedes Organ in Mitleidenschaft ziehen können.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die deutschsprachige Ernährungsforschung breit gefächert. Zahlreiche Fachgebiete sind mit ihr verknüpft, eine saftige Herausforderung für eine Publikationsanalyse. Neben den Nahrungsmittelherstellern, wie Agrobio-logen und Tierzüchter, wären da die Ernährungstoxikologen und -immunologen sowie einige Mikrobiologen und Biochemiker zu berücksichtigen. Dazu kommen die Mediziner der Inneren, die etwa bei Übergewicht und Fettsucht beraten, und die Chirurgen, die eingreifen, wenn sonst nichts mehr hilft. Da sich gerade Übergewicht auch auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt, ebenso wie auf den Metabolismus, drängen auch Kardio-- und Pharmakologen sowie einige Endokrinologen und Stoffwechselforscher in den Vergleich.

Die Disziplin ist so vielschichtig, dass bei so manchem Forscher nur die Journals, in denen er veröffentlichte, darüber entschieden, ob er unter die Top 50 aufgenommen wurde. Wenigstens einige gutzitierte Veröffentlichungen in „Nutrition“-Journals sollte er vorweisen können, um ihn von den „Nur“-Endokrinologen und -Metabolismusforschern abzugrenzen, ganz zu schweigen von den Kardio-logen, die alle ihre eigenen Publikationsanalysen haben. Stefan Anker (4.), Charité Berlin, gehört zu jenen, die wir zulassen, da er unter anderem die krankhafte Abmagerung (Kachexie) bei chronischer Herzinsuffizienz erforscht.


Fettsucht und Functional Food

Die meisten der Top 50-Ernährungsforscher wollen den Ursachen ernährungsbedingter Erkrankungen wie Diabetes und Adipositas – die beide auch bei Kindern rasant zunehmen, wie die Pädiater um Thomas Reinehr (16.) bestätigen können – oder auch Krebs auf den Grund gehen. Diese spiegeln sich in den zehn bis heute meistzitierten Artikeln der Jahre 2005 bis 2008 wider. Und sie gehören auch zu den Topthemen der Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DiFE) in Potsdam, dem bei weitem stärksten Institut in diesem Vergleich. Angeführt werden sie von Heiner Boeing, der Platz 1 der deutschsprachigen Ernährungsforscher der Jahre 2005 bis 2008 belegt. Der Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln, wie Früchten oder Fleisch, und verschiedenen Krebserkrankungen, wie Brust- und Lungen- oder auch Magen- und Darmkrebs, brachte die Teams um Boeing und Jakob Linseisen (2.), Klinischer Epidemiologe am DKFZ Heidelberg, an einen Tisch und zwei ihrer Artikel unter die Top 10. Andere DiFE-Forscher zeigten kürzlich an Knockout-Mäusen, denen das Fettstoffwechselenzym SCHAD fehlte, wie man trotz reichlicher Fettaufnahme schlank bleiben kann (Endocrinology, 11.10.2011 online): Die Pharmakologen um Hans-Georg- Joost (25.) und Annette Schürmann (34.) waren eigentlich auf der Suche nach „Übergewichtsgenen“. Statt dessen fanden sie heraus, dass SCHAD-/- -Mäuse Nahrungsfette nur unvollständig verbrennen.

Doch nicht nur zuviel Essen macht krank. Davon wissen die Immunologen ein Liedchen zu singen. Nahrungsmittelallergien sind auf dem Vormarsch. Gründe dafür gibt es viele: neben genetischer Prädisposition und übermäßiger Hygiene – die unter anderem verhindert, dass Kinder ein wehrhaftes Immunsystem aufbauen können – finden sich in der Nahrung zunehmend Stoffe, die den Körper und speziell das Immunsystem aus dem Takt bringen. Hormone etwa, die aus der Tierzucht übrig sind oder über das Grundwasser in die Nahrungskette gelangen, Pflanzenschutzmittel oder auch Bakterientoxine – Thema von Roger Stephan (15.), Lebensmittel-sicherheit und -hygiene, Uni Zürich.

Die Ernährungsforscher interessieren sich jedoch nicht nur für alles, was uns krank macht, sondern auch für speziell designte Nahrungsmittel, die uns gesund machen und erhalten sollen, wie Impfstoff-produzierende Bananen oder Nutriceuticals mit pharmazeutischer Wirkung.

Essen hat seinen Selbstzweck, nur satt zu machen, längst verloren. An seine Stelle tritt die „Biofunktionalität“ der Lebensmittel. Man isst bewusst. Nahrungsaufnahme soll gleichzeitig die großen Volkskrankheiten bekämpfen – Übergewicht, Herz-Kreislauf-Probleme und Krebs. Und macht dann am Ende vielleicht auch wieder Spaß.


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Letzte Änderungen: 07.01.2012


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