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Unwillkommene Haustiere

Publikationsanalyse 2007-2010: Virologie
von Lara Winckler, Laborjournal 03/2013




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Foto: Valua Vitaly/Fotolia

Unwillkommene Haustiere

Heidelberg war virologischer Hotspot, zitateträchtig wieder die üblichen Verdächtigen – HIV, Hepatitis- und Influenzaviren.

Viren sind gesellige Winzlinge, die sich bevorzugt auf oder in lebender Materie aufhalten. Viele dieser Untermieter entpuppen sich als gefährliche Pathogene, vor denen keiner gefeit ist – weder Mensch noch Tier, weder Pilz noch Pflanze. Wer sich gerade im Zweikampf mit einer Grippe befindet und sich einem herzhaften Hustenanfall hingibt, wird bestenfalls milde daran interessiert sein, dass er mit jedem Beller zigtausende Viren in die Umgebung schleudert. Für Nachschub wird umgehend gesorgt – jede Zelle des Lufttrakts produziert rund 10.000 Viren. Insgesamt bringt es ein Grippekranker auf bis zu 1014 Grippeviren innerhalb weniger Tage, so die Hochrechnung von Phenomena: The Loom-Blogger Carl Zimmer vom 20.2., womit es Viren vs. Menschheit bei 10.000:1 steht. Und das ist nur die Wochenproduktion eines einzigen Patienten.

Dass es infektiöse Partikel gibt, die kleiner sind als Bakterien und so weder unter dem Lichtmikroskop zu sehen noch per Fil-tration zu entfernen waren, das vermuteten Wissenschaftler schon Jahrzehnte, bevor Dimitri Iwanowski und Co. 1890 der Nachweis des Erregers der Mosaik-krankheit bei Tabakpflanzen gelang. Zehn Jahre später entdeckten Friedrich Loeffler und Paul Frosch mit dem Erreger der Maul-und-Klauen-seuche das erste tierische Virus.

Zum Teil durchaus erfolgreiche Versuche, gegen Viruserkrankungen vorzugehen, gibt es dagegen schon wesentlich länger. So brachte man bereits im 11. Jahrhundert in Indien und China den Wundschorf von überlebenden Pocken-Patienten in kleine Kratzer von Gesunden ein und immunisierte diese so gegen Pocken. Das Schöne daran war, dass die Heiler nicht wissen mussten, warum es wirkte – wichtig war nur, dass die meisten Empfänger danach immun waren. Den Ärzten ging es um die Patienten und die Heilung der Krankheit, weniger um die Ursache. Hier ziehen wir für diesen Vergleich einen Strich. Wir schließen die Immunologen aus, da sie sich für die Reaktionen des Wirts-immunsystems interessieren. Ebenso wie die Mediziner, die von den Immunreaktionen, die andere Organe in Mitleidenschaft ziehen, auf den Plan gerufen werden.

Die Top 10 der verbreitetsten Viren

Grippeviren gehören seit Jahren zu den Rennern unter den beliebtesten Labortierchen der deutschsprachigen Virenforscher – unter anderem deshalb, weil man jedes Jahr aufs Neue mit ihnen rechnen darf. Martin Beer (3.), Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am Hauptsitz des Friedrich-Loeffler-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) auf der Insel Riems, und seine Mitarbeiterin Elke Starick (44.) analysieren die verschiedenen Influenza-Viren, die in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgten – H1N1, H5N1, H3N2 und Konsorten. Und neben diesen auch diejenigen Viren, die nicht im Rampenlicht stehen, wie die Blauzungenviren, Erreger der gleichnamigen Seuche bei Wiederkäuern. Schweinepest-, Vogel- und sonstige Grippeviren sind auch das Spezialgebiet der Freiburger Virologen -Georg Kochs (4.), Peter -Staeheli (5.) und Otto Haller (34.). Sie interessieren sich insbesondere dafür, welche Faktoren die Virulenz der Viren ausmachen und wie sich die Wirtsorganismen dagegen zur Wehr setzen.

Unter den heißen Themen ebenfalls wieder mit dabei sind die Hepatitisviren, Fachgebiet des Heidelberger Molekularvirologen Ralf Bartenschlager (1.), der Dank einiger vielzitierter Hepatitis-C-Virus-Artikel seine Top-Platzierung in Gesellschaft einiger seiner Mitarbeiter genießen darf. Darunter mit Jacomine Krijnse-Locker (22.), Stephanie Kallis (26.), Margarita Zayas (30.) und Sonja Welsch (31.) der größere Teil der Frauen unter den 50 bis heute meistzitierten Virenforschern des deutschsprachigen Raumes. Bartenschlager hat auch international einen Namen unter HCV-Experten: Laut Web of Science steht er auf Platz 13 der bis heute meistzitierten Hepatitis-C-Forscher weltweit. Heidelberg ist zudem mit 12 der Top 50-Virenforscher der Viren-Hotspot der Jahre 2007-2010 schlechthin. Mit weitem Abstand folgt das Greifswalder FLI für Virusdiagnostik.

Und auch mit den HI-Viren lassen sich immer noch viele Zitierungen sammeln, wie Frank Kirchhoff (7.) und sein Kollege Jan Münch (15.), Virologie Ulm, zeigen.

Michael Pawlita (2.), Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg, untersucht in der Nachfolge von Harald zur Hausen den Einfluss von Infektionen mit Papillomaviren bei der Krebsentstehung. Zur Hausen und sein Team isolierten Anfang der 1980er Jahre zwei Typen des humanen Papillomvirus (HPV) aus Zervixkar-zinom-Gewebe und wiesen schließlich nach, dass HP-Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Seit 2006 sind HPV-Impfstoffe erhältlich. Obwohl die Wirkung einer solchen Krebsvorsorge und von Krebsimmuntherapien allgemein nicht unumstritten ist, könnte hier eine Zukunft der Virologie liegen: Die Suche nach Viren als Auslöser von Krankheiten mit bislang unbekannter Ursache – etwa Herpesviren bei Alzheimer, wie Ruth Izuhaki et al. von der Uni Manchester 2008 erwägten – und die Entwicklung von Impfstoffen dagegen.


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Letzte Änderungen: 12.03.2013


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